Stand: 17.10.2012 09:18 Uhr  | Archiv

Der tragische Tod eines Fans - und die Folgen

von Johannes Freytag, NDR.de

Am 17. Oktober 1982 starb der Bremer Fußballfan Adrian Maleika nach einem Hooligan-Überfall nahe des HSV-Stadions. Sein Tod markierte eine Zäsur in der Fanszene beider Vereine.

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HSV-Stürmer Horst Hrubesch (2.v.l.) trifft am 16. Oktober 1982 im Pokalspiel gegen Bremen - doch das sportliche Geschehen wird vom Tod eines Fans überlagert.

Am 16. Oktober 1982 besiegte der Hamburger SV in der zweiten Runde des DFB-Pokals Werder Bremen mit 3:2. Horst Hrubesch und Lars Bastrup (zwei) erzielten die Tore für die Hanseaten bei Gegentreffern von Thomas Schaaf und Johnny Otten. 20.000 Zuschauer waren im Hamburger Volksparkstadion zugegen - ein junger Bremer Fan wäre auch gerne dabei gewesen, doch er erlebte den Anpfiff des Spiels nicht: Adrian Maleika wurde auf dem Weg ins Stadion von HSV-Hooligans überfallen und von einem Stein am Kopf getroffen. Der 16 Jahre alte Glaserlehrling starb am Tag darauf im Altonaer Krankenhaus. Sein Tod bedeutete eine Zäsur in der Hamburger und Bremer Fußball-Fanszene. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Verhältnis zwischen den Werder- und HSV-Anhängern als recht normal gegolten. Bremer Fan-Veteranen charakterisieren es rückblickend sogar als "teilweise fast freundschaftlich".

Werder enthüllt Gedenktafel am Weserstadion

Fußball-Fans halten 1982 in Erinnerung an den Tod von Adrian Maleika ein Spruchband hoch. © picture alliance / Wolfgang Weihs

Der Tod von Adrian Maleika

Der 17. Oktober 1982 war der vielleicht schwärzeste Tag der deutschen Fußball-Geschichte. In Hamburg starb erstmals ein Fan nach Ausschreitungen.

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Werder-Manager Willi Lemke betonte stets, der Tod Maleikas sei der traurigste Moment seiner Amtszeit gewesen - doch mit der Erinnerung an die Tragödie im Hamburger Volkspark taten sich beide Clubs lange schwer. 2011 blieb die Sucheingabe auf den Homepages noch ohne Treffer - durchforstete man die Foren der Vereinswebsites, gab es immerhin den einen oder anderen Eintrag. Auf werder.de fand sich eine Ankündigung für das 15. Adrian-Maleika-Gedächtnisturnier, das im Juni 2001 stattfinden sollte. Mit dem Erinnern ist das halt so eine Sache. Die Turniere werden seit 2004 nicht mehr ausgetragen - auch, weil die Angehörigen Adrian Maleikas mit den gut gemeinten Veranstaltungen ihre Probleme hatten. 30 Jahre nach dem Ereignis, am 20. Oktober 2012, enthüllte Werder Bremen aber eine Gedenktafel in der Osttribüne des Weserstadions.

Hinterhalt im Volkspark

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Fußball-Fans in Bremen erinnern 1982 mit Spruchbändern an den Tod von Adrian Maleika.

Was genau geschah am 16. Oktober 1982? Mit seinem Fanclub "Die Treuen" hatte sich Adrian Maleika aufgemacht zum Pokalauswärtsspiel beim HSV. Was heute unter den "Ultras" verpönt ist - nämlich gespickt mit Vereinsemblemen, Wappen und sonstigen Erkennungszeichen herumzulaufen, war damals gang und gäbe - es war die Zeit der Jeans-Kuttenträger. Doch Maleika hatte auf Fankluft verzichtet, war in Zivil unterwegs. Im Gegensatz zu den meisten anderen Bremer Fans stieg die Maleika-Gruppe eine Station zu spät aus der S-Bahn und suchte sich vom Bahnhof Eidelstedt ohne jeglichen Polizeischutz den Weg zum Stadion. Im unübersichtlichen Volkspark gerieten die knapp 150 jungen Leute in einen Hinterhalt. Der rechtsradikal unterwanderte HSV-Fanclub "Die Löwen" sowie Skinheads beschossen sie mit Gaspistolen und Leuchtraketen, dann flogen dicke Mauersteine. Die Bremer flohen. Adrian Maleika, der im Gebüsch Schutz suchte, wurde jedoch am Hinterkopf von einem Stein getroffen und brach bewusstlos zusammen. Am nächsten Tag starb der 16-Jährige an den Folgen eines Schädelbasisbruchs und schwerer Gehirnblutungen.

Nur zwei Täter verurteilt

Der öffentliche Aufschrei - vor allem in den Boulevardmedien - war groß. Zur Beerdigung kamen 600 Menschen, darunter die Bremer Mannschaft sowie die Vereinsmanager Lemke und Günter Netzer vom HSV. Der Steinewerfer wurde nie ermittelt. Nur zwei von acht Angeklagten wurden verurteilt, weil ihnen die Teilnahme an dem Überfall nachgewiesen werden konnte. Der Rädelsführer bekam eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten aufgebrummt, ein anderer Beteiligter erhielt zwölf Monate auf Bewährung.

Positive Lehren mit Fan-Projekten

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Fans vom Hamburger SV und Werder Bremen in typischen Kutten beim "Frieden von Scheeßel" 1983.

Trotz späterer Fanexzesse wie die Heysel-Tragödie 1985 oder der Angriff auf den französischen Polizisten Daniel Nivel bei der WM 1998 (an dem auch drei Hamburger Hooligans beteiligt waren) hat Adrian Maleikas Tod bei aller Tragik auch etwas Positives bewirkt. Die Hamburger Sportjugend rief mit Unterstützung der Hansestadt das bis heute bestehende HSV-Fanprojekt ins Leben. Der Verdienst dieses (sozial-)pädagogischen und jugendpolitischen Projekts ist es unter anderem, dass Teile der rechtsradikalen Szene zurückgedrängt wurden, die in den 80ern und frühen 90ern im Umfeld des HSV aufgetaucht waren. Die strikte Trennung der Fangruppen, in den 80ern nicht üblich, wurde ebenso zur Regel wie die Videoüberwachung in den Stadien.

Rivalität zwischen Werder und HSV hält an

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"Wir hassen Hamburg" - bei vielen Werder-Fans ist die Abneigung gegen den Nordrivalen immer noch extrem groß.

Das Verhältnis zwischen den beiden Nordvereinen ist dennoch bis heute zerrüttet. Daran änderte auch der "Frieden von Scheeßel" im Januar 1983 nichts, bei dem beide Seiten auf Racheaktionen verzichteten. Immerhin: Die Bremer Fanszene sieht das Geschehen heute mehrheitlich als "äußerst tragischen Unglücksfall". Der Name Adrian Maleika ist noch immer präsent - leider auch, weil ihn einige Unverbesserliche beim Nordderby 2004 als Schmähung ("Adrian Maleika - die Steine fliegen weiter") skandierten. Die Antwort der Bremer war ein Plakat, auf dem Bomber-Flugzeuge über Hamburg zu sehen waren. So brennt sich die Rivalität weiter bei den beiden Anhänger-Gruppen ein. Und das, obwohl eine Fan-Generation vorher eigentlich die richtigen Lehren aus dem Tod von Adrian Maleika gezogen worden waren...