Stand: 30.04.2013 07:41 Uhr

Das Messerattentat auf Seles am Rothenbaum

von Hanno Bode, NDR.de

Der 30. April 1993 verändert die Tennis-Welt. Am Hamburger Rothenbaum wird Monica Seles von einem psychisch gestörten Mann niedergestochen. Sie hat noch Glück im Unglück.

Monica Seles (r.) taumelt nach der Messerattacke in Richtung Netz.

Monica Seles atmet tief durch. Sie wirkt angespannt und auch ein wenig ausgepumpt. Nach siebenwöchiger Turnierpause hat der Tennis-Star noch nicht richtig wieder zu seinem Rhythmus gefunden. Im Viertelfinale der Sandplatzveranstaltung am Hamburger Rothenbaum führt die Weltranglistenerste gegen die Bulgarin Magdalena Maleeva dennoch mit 6:4, 4:3. Seles ist zu dieser Zeit selbst in schlechter Verfassung zu gut für die Konkurrenz. Sie ist eine Ausnahmespielerin. Acht Punkte benötigt die Serbokroatin nun noch, um dem Traumfinale gegen ihre Dauerrivalin Steffi Graf ein Stück näherzurücken. Die Seiten werden gewechselt. Seles setzt sich auf die weiße Bank neben dem Schiedsrichterstuhl. Sie beugt sich zu ihrer Wasserflasche vor, trinkt einen Schluck und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Diese Bewegung, sagen die Ärzte später, habe sie wahrscheinlich davor bewahrt, heute im Rollstuhl zu sitzen. Ein lauter Schrei lässt Tausende von Zuschauern auf dem Centre Court verstummen. Seles taumelt in Richtung Netz. In der Reihe hinter ihrer Sitzbank bricht ein Tumult aus. Die Situation ist unübersichtlich. Es sind Momente, die die Tennis-Welt verändern.

Monica Seles (M.) nach der Messerattacke 1993 am Rothenbaum © ARD/NDR

Sportclub History: Das Attentat auf Monica Seles

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30. April 1993 am Hamburger Rothenbaum: Monica Seles sitzt während eines Seitenwechsels auf der Bank, als sie niedergestochen wird. Es ist ein Moment, der die Tennis-Welt verändert.

Messerattacke in der Spielpause

Zunächst ist unklar, was sich genau an diesem warmen Frühlingsabend des 30. April 1993 am Rothenbaum ereignet hat. Seles kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie bricht vor dem Netz zusammen und liegt nun in der roten Asche. "Es war ein grausamerer Schmerz, als ich ihn mir je hätte vorstellen können", sagt sie später. Helfer eilen herbei, um die Serbokroatin erstzuversorgen. Ihr weißes Shirt ist am Rücken blutverschmiert. Derweil wird in der ersten Sitzreihe ein Mann von mehreren Personen überwältigt. Er hält ein Messer in den erhobenen Händen, will ein zweites Mal zustechen, wehrt sich nach Kräften. Seine Baseball-Mütze fällt während des Kampfes zu Boden. So auch das lange Schlachtermesser, mit dem er Seles zuvor in die Schulter gestochen hat.

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Ein Anschlag, der die Tennis-Welt veränderte

Monia Seles war 19 Jahre alt und Weltranglistenerste, als ein paranoider Steffi-Graf-Fan den Tennis-Star 1993 in Hamburg niederstach. Die Bilder des schrecklichen Attentats. Bildergalerie

"Mann mit einem bösartigen Grinsen im Gesicht"

Der unscheinbar, aber auch unheimlich wirkende Mann mit der ungepflegten Frisur und dem gemusterten lila Hemd wird abgeführt. Sein Name ist Günter Parche. Er kommt aus Thüringen, ist erwerbslos und ein paranoider Verehrer von Steffi Graf. Und Seles wird ihn nicht mehr aus ihrem Gedächtnis streichen können. In ihrer 2009 erschienenen Biografie "Getting a grip" (Sich in den Griff kriegen) beschreibt sie die Momente, die ihr Leben veränderten: "Sofort drehte ich mich um, sah einen Mann mit einem bösartigen, höhnischen Grinsen im Gesicht. In seiner Hand: ein langes Messer! Er hat mir damit Millimeter neben die Wirbelsäule gestochen. Ärzte sagten mir später, hätte ich mich in diesem Moment nicht nach vorne gebeugt, hätte ich gelähmt sein können."

Wenn Sekunden das Leben verändern

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Zu Beginn der 1990er Jahre große Rivalinnen: Monica Seles (l.) und Steffi Graf .

Seles hat Glück im Unglück. Physisch trägt sie keine bleibenden Schäden davon. Das Schulterblatt bleibt unversehrt, der Einstich hat lediglich Muskel- und Fasergewebe verletzt. Die Ärzte prognostizieren ihr, dass sie mit etwas Glück in fünf Wochen wieder das Training aufnehmen kann. Zwei Tage nach dem Attentat bekommt die damals 19-Jährige Besuch von Steffi Graf. Die Deutsche bleibt nur einige Minuten im Krankenhaus. Sie muss zum Rothenbaum, dort das Finale gegen die Spanierin Arantxa Sánchez Vicario spielen. Seles ist verstört. Sie war davon ausgegangen, dass die Veranstaltung nach dem Anschlag abgebrochen wurde. Im Profisport aber wird auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen. Der Tenniszirkus zieht weiter - zunächst ohne die vor dem Attentat beste Spielerin der Welt. Der Teenager bringt nicht die Kraft für ein schnelles Comeback auf. "Ich bin niedergestochen worden, auf dem Tennisplatz, vor zehntausend Leuten. Es ist nicht möglich, distanziert darüber zu sprechen. Es veränderte meine Karriere unwiderruflich und beschädigte meine Seele. Ein Sekundenbruchteil machte aus mir einen anderen Menschen", schrieb Seles später in ihrer Biografie. Sie kämpft nach dem Attentat mit Angstzuständen, Depressionen und Albträumen. Erst nach einer psychologischen Therapie kann sie im August 1995 auf die WTA-Tour zurückkehren - über zwei Jahre nach der Wahnsinnstat von Günter Parche.

"Kann nicht verstehen, warum er nicht büßen musste"

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Monica Seles spielte nach dem Attentat kein Turnier mehr auf deutschem Boden.

Während Seles bis heute mit den Folgen des Anschlags zu kämpfen hat, kommt der Täter mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe davon. Dem arbeitslosen Dreher werden vor Gericht eine "hochabnorme Persönlichkeitsstruktur" und verminderte Steuerungsfähigkeit bescheinigt. Seles ist entsetzt: "Ich kann nicht verstehen, warum dieser Mensch nicht für seine Tat büßen musste." Auch eine Schadenersatzklage in Höhe von 12,2 Millionen Euro gegen den Deutschen Tennis Bund als Veranstalter des Rothenbaum-Turniers scheitert. Seles betritt nach dem Attentat keinen deutschen Boden mehr. "Dies ist nun einmal das Land, das den Mann, der mich angegriffen hat, nicht ausreichend bestrafte", sagte sie verbittert. Obgleich Seles nach ihrem Comeback noch einige bemerkenswerte Erfolge feierte, findet die heutige US-Amerikanerin nie wieder zu ihrer alten Form zurück. 2003 bestreitet sie ihr letztes Profimatch. Ständige Rücken- und Fußprobleme verhindern anschließend eine anvisierte Rückkehr auf die WTA-Tour. 2008 beendet Seles offiziell ihre Karriere, die wohl noch wesentlich erfolgreicher verlaufen wäre, hätte es da nicht diesen 30. April 1993 am Rothenbaum gegeben.

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Dieses Thema im Programm:

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