Stand: 19.02.2016 16:05 Uhr

Braunlage ist nicht Las Vegas

von Marco Schulze

Mittagszeit. Die erste Trainingseinheit liegt hinter Marco Huck. Nun sitzt er in Braunlage in der Lobby seines Hotels und telefoniert - so wie fast immer in seiner trainingsfreien Zeit. Der Profiboxer trinkt Kamillentee und wirkt gut eine Woche vor dem Kampf seines Lebens tiefenentspannt - das war nicht immer so. Huck hat im Sommer vergangenen Jahres seinen WBO-Titel im Cruisergewicht nach 13 erfolgreichen Titelverteidigungen verloren. Schon bei den Vorbereitungen hatte er damals ein schlechtes Gefühl. Für seine Mission "Huck reloaded" Ende Februar hat er nun einen Neuanfang gewagt - mit neuem Trainer und neuem Trainingscamp. Huck ist dem Rat eines Freundes gefolgt und hat sein Lager erstmals im Harz aufgeschlagen. Es scheint sich auszuzahlen: "Ich dachte im Harz kann es doch nicht so schön sein. Doch es war Liebe auf den ersten Blick", schwärmt der gebürtige Serbe.

Marco Huck boxt in Braunlage

Provinzielle Idylle statt Glitzermetropole

Bevor es zum Nachmittagstraining geht, ruht sich Marco Huck noch ein paar Minuten in seinem Hotelzimmer mit Blick auf die Wurmbergseilbahn aus. Draußen herrschen Minusgrade statt Tropentemperaturen. Verschneite Landschaften statt Wüstensand. Provinzielle Idylle statt Glitzermetropole. Schnörkellosigkeit statt Protzigkeit. Braunlage und Las Vegas - mehr Kontrast geht nicht. Nach seinem verkorksten Gastspiel in den USA hat sich Marco Huck dieses Mal bei der Wahl seines Trainingscamps gezielt für das Gegenteil entschieden. Er wollte eigentlich in die Alpen, hat sich aber überreden lassen. Im Harz findet er nun die Ruhe und Beschaulichkeit, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. "Braunlage ist der perfekte Ort für die Vorbereitung, weil es keine Ablenkung gibt. Hier ist man nur aufs Training fixiert", sagt sein Trainer Varol Vekiloglu. Wichtig sei auch, dass es im Ort kein ausgeprägtes Nachtleben wie etwa in Vegas gebe. So sei die Verlockung für den Sportler nicht zu groß.

"Ich war viele Jahre erfolgreich mit solch einem Wetter"

Es ist 16.30 Uhr. Marco Huck bricht zur zweiten Trainingseinheit auf. Seit Mitte Dezember ist er jetzt in Braunlage. Der 31-Jährige ist der erste Boxer, der seine Wettkampfvorbereitung im Harz abhält. Für ihn ist es eine Art Höhentrainingslager "light". "Hier ist es schön kalt, man kann gut trainieren. Das macht mir einfach Spaß. Ich war viele Jahre erfolgreich mit solch einem Wetter", sagt Huck. Vor seiner Niederlage in den USA hatte er sein Dauercamp in der Abgeschiedenheit von Kienbaum in Brandenburg eingerichtet. In Braunlage soll es nun besser laufen.

Boxring in der Schulturnhalle

Das Trainingszentrum, das sich Marco Huck ausgesucht hat, ist nur wenige Minuten von seinem Hotel entfernt. Genauer genommen, ist es eigentlich nur eine Schulturnhalle mit Kraftraum. Der ehemalige WBO-Champion hat sich für zwei Monate ein Drittel der Turnhalle der Oberschule Braunlage gemietet. Neben der Kletterwand steht nun ein Boxring. Ein Vorhang trennt seinen Trainingsbereich vom Rest der Halle. Es ist alles sehr zweckmäßig gehalten, doch für den Boxer reicht es: "Ich habe hier alles, was ich brauche", so Huck. Heute steht Sparring auf dem Trainingsplan. Es warten ein russischer und ein ukrainischer Boxer auf ihre Auftritte. Drei Runden stehen jeweils auf dem Plan. Huck geht kräftemäßig an seine Grenzen.

Prominenter Hallengast ist Attraktion für Schule

In einem kleinen Ort wie Braunlage spricht sich schnell herum, dass es einen prominanten Gast gibt. Es vergeht kein Tag, an dem er nicht erkannt wird. Ab und zu wagen sich auch ein paar Neugierige in die Halle. Das zeigt sich auch heute. Ein kleines Mädchen wartet geduldig vor Hucks Kabine. Ihr Handy hat sie für das Selfie schon herausgeholt. Berührungsängste kennt Marco Huck nicht - ganz im Gegenteil. Er spaßt mit jedem herum, egal ob in der Turnhalle oder in der Hotellobby. Vor allem für die Schüler und Angestellten der Schule ist der prominente Hallengast eine Attraktion. Er sei umgänglich und habe keinerlei Starallüren, sagen sie.

Familie spielt eine wichtige Rolle - auch in Braunlage

Nach dem Training geht es für Marco Huck wieder ins Hotel zurück - gemeinsam mit seinem Cousin Ades Selmanovec. Huck hat immer jemanden aus seiner Familie um sich. Mal ist es sein Bruder, mal seine Eltern und mal seine Frau mit den beiden Kindern. In den letzten Tagen der Vorbereitung begleitet ihn nun sein Cousin. "So locker habe ich ihn noch nie gesehen", sagt dieser.

Wenn Huck gewinnt, will er wiederkommen

Es ist mittlerweile 19 Uhr. Huck telefoniert schon wieder. Außer Abendessen steht heute nichts mehr auf dem Programm. Er wird sich ausruhen und sicher noch die eine oder andere Journalistenanfrage beantworten. Der 31-Jährige fühlt sich bestens vorbereitet für seinen wichtigsten Kampf. Braunlage wird er dieses Wochenende verlassen. Er bricht in seine alte Heimat Bielefeld auf, um sich dort für den Kampf am 27. Februar gegen den IBO-Champion Ola Afolabi zu regenerieren. Doch wenn er gewinnt, will Marco Huck wiederkommen. Das hat er bereits angekündigt. Braunlage und Marco Huck - das könnte eine erfolgreiche Kombination werden.