Stand: 26.12.2016 17:00 Uhr

"Ali soll froh sein, dass er mich nicht geboxt hat!"

von Tino Nowitzki

Conny ist kein Muhammad Ali. Oder ein Mike Tyson. Und wenn heute jemand auf den Boxer angesprochen werden würde - kaum einer würde zucken. Max Schmeling? Ja, den gab es mal. Auch bei Henry Maske klingelt es. Aber Conny Velensek? Doch es gab eine Zeit, da war das anders. In den 70ern war der Faustkämpfer aus dem Landkreis Helmstedt in der deutschen Sportszene bekannt wie ein bunter Hund. Nicht nur weil er quasi aus dem Nichts kam, den amtierenden Europameister umboxte und sich den Titel holte. Auch wegen seiner Verbindungen zur Box-Unterwelt. Kurze Zeit später verschwand Conny aber wieder aus dem Ring - und aus dem Gedächtnis. In seiner Heimatstadt Schöningen hält man den Namen Velensek dagegen noch immer hoch. Eine Begegnung.

Bekannt wie ein bunter Hund

Wenn man nicht aufpasst, übersieht man ihn leicht: Kaum 1,70 Meter groß, mit einem einfachen, gestreiften Pulli, aber einem merkwürdig hakligen Gang geht der alte Mann spazieren. Doch die steife Hüfte verrät ihn. Die, und diese kecken, blauen Augen, die unter den buschigen Brauen hervorleuchten. Für einen Moment geben sie preis, was einmal in ihm steckte: ein Kämpfer. Ein Champion. Ein Mann, der niemals einfach die Fäuste streckte. Und einer, den das Rampenlicht anzog und das Rampenlicht ihn. "Wenn ich geboxt habe, war immer Jubel und Trubel", sagt Conrad Velensek. Dabei mag er den Namen Conrad eigentlich gar nicht. "Nenn' mich Conny!", sagt er. Kein Privileg etwa. "Alle nennen mich so!", lispelt der 74-Jährige. Dass das keine Untertreibung ist, merkt man, sobald man mit ihm auf Menschen trifft. "Connyyyy!" ruft es alle paar Meter. Auch nach all den Jahren geht das runter wie Öl. Doch für Conny Velensek kam der Ruhm nie leicht. Er hat viel dafür geblutet.

Conny, der Eisenschädel

Den Boxsport hat sich Conny Velensek nicht selbst ausgesucht. Das Boxen kam zu ihm. "Das steckte einfach schon immer in mir", sagt er. Schon auf dem Schulhof wollte er immer der Stärkste sein. Mit acht Jahren war er dann das erste Mal beim Training, angefixt durch seine älteren Brüder: Anton, Theo und vor allem Polly. "Polly war die große Kanone", sagt Conny. Doch der Jüngste war hungriger: Als er später im VW-Werk arbeitete, joggte Conny nach jeder Nachtschicht die 14 Kilometer von Helmstedt nach Schöningen. "Conny, warum machst du das? Hast du beim Boxen nicht schon 'ne Macke gekriegt?", sagten seine Kollegen damals. Heute muss er lachen, wenn er daran denkt, dass sie nach seinem Titelgewinn plötzlich alle gewusst haben wollten, was in ihm steckte. Der junge Boxer schüttelte alles ab. Genau wie den Schweiß und die vielen Schläge im Ring. "Ich bin immer vorwärtsgegangen", sagt Conny. Ein Nehmer sei er gewesen. "Eisenschädel" war dann auch nur einer seiner Spitzennamen im Ring: Eine K.O.-Niederlage gab es für ihn nie. Dem Publikum gefiel das. Und auch denen, die am Boxen verdienten.

"Eisenschädel" Conny Velensek: Eine Boxkarriere

"Wir haben ja nur die Verbrecher verhauen!"

So holte ihn Willy Zeller Anfang der 70er zu sich nach Berlin: ein berüchtigter Geschäftsmann, der es mit Pelzhandel zu Reichtum brachte. Zeller wurde Connys Manager. Er verschaffte ihm gute Kämpfe, bei denen der Nun-Profi auch mal 10.000 Mark an einem Abend machte. Als Gegenleistung tauschte Conny die Boxhose gegen den Frack und kellnerte für Zeller oder mähte den Rasen an dessen halber Million schweren Göring-Villa am Rand der Hauptstadt. Zeller hielt sich sogar eine kleine Boxer-Leibgarde: Conny war dabei, aber auch der deutsche Meister im Schwergewicht, Horst Benedens. Als ein paar Männer ihn einmal um 50 Pelze erleichterten und Lösegeld erpressten, fackelte Zeller nicht lange. Zum Treffen nahm er seine Boxer mit, die an die Diebe jede Menge Schläge austeilten. "Wir haben den Strolchen in die Fresse gehauen und die Pelze wiedergeholt", sagt Conny. Noch heute überschlägt sich seine Stimme vor kindlicher Freude, wenn er davon erzählt. Der Fall erregte damals jede Menge Aufsehen - die Boulevard-Blätter berichteten deutschlandweit. Die Boxer kamen in U-Haft, wurden aber vom Gericht für unschuldig erklärt. Schon deswegen sieht Conny keinen Grund zur Reue: "Wir haben ja nur die Verbrecher verhauen!"

Ein Underdog ganz oben

Doch sportlich war die Zeit bei Willy Zeller Connys beste: Conny boxte Männer, die schon gegen Leute wie Joe Frazier im Ring gestanden hatten. Sogar in Südafrika kämpfte er. Trotzdem hatte ihn kaum jemand auf der Rechnung, als er am 22. Januar 1971 die Chance erhielt, gegen den Europameister im Halbschwergewicht, Piero del Papa, anzutreten. Conny machte es wie im Training: immer nach vorne gehen. Festbeißen. Bloß nicht locker lassen. "Da flogen die Fäuste", kichert er und schnalzt mit der Zunge. Die 7.000 Zuschauer in der Berliner Deutschlandhalle hielt es kaum auf den Sitzen, als das Unglaubliche passierte: Conny, der kleine Kämpfer aus der niedersächsischen Provinz, gewann und war Europameister. In seiner Heimat Schöningen wurde er empfangen wie ein Staatsgast: Im offenen Autoschiebedach kutschierte man ihn durch menschengesäumte Straßen. Es gab Blumen. Conny gab Luftküsse. Sogar ins Goldene Buch der Stadt durfte er sich eintragen: Conny, der Ehrenbürger.

"Ich hätte Ali das Trommelfell weg gehauen!"

Er war jetzt als Fighter begehrt: Sogar ein Kampf gegen Muhammad Ali war angedacht - 40.000 Mark hätte es gegeben. "Gegen Ali boxe ich auch für fünf Pfennige", hatte Conny damals entgegnet. Geklappt hat der Kampf nie. Warum, weiß er nicht mehr. "Aber er soll froh sein, dass er nicht gegen mich geboxt hat", sagt der Schöninger heute. "Ich hätte ihm die Trommelfelle weggehauen!" Markige Sätze gehören zum Boxen einfach dazu. Eine Weile hielt sich Conny als Champion auch noch oben: Einmal gelang ihm die Titel-Verteidigung gegen den Briten Chris Finnegan. Beim zweiten Mal nicht mehr. Doch der Ex-Champion reagierte, aß viel, trainierte hart und nahm 1973 Hartmut Sasse den Deutschen Meistertitel im Schwergewicht weg. In den Jahren darauf verlor Conny trotzdem nahezu jeden Kampf. Auch ein Comeback-Versuch 1978 scheiterte. Schlimm sei es nicht gewesen, sagt er: "Möpse", wie er Geld gerne nennt, hatte der inzwischen 36-Jährige genug. Auch, weil er in Schöningen zwei gut gehende Kneipen betrieb. Lange lebte Conny von seinem Namen. Und er lebte gut. Sein schwerster Tag kam dann auch nicht im Ring.

Conny verliert seine Söhne

Es ist drei Uhr nachts, als ihn seine beiden Söhne Branko und Adrian wecken. Einen Kaffee trinken wollen sie, am damaligen Grenz-Kontrollpunkt in Helmstedt. Widerwillig gibt ihnen Conny den Autoschlüssel. Er sieht sie zum letzten Mal: Auf dem Weg stoßen Branko und Adrian mit einem Lkw zusammen und sterben noch am Unfallort. 17 und 20 sind da beide. Ihr Vater ist am Boden zerstört. Der Jüngere hätte wohl eine vielversprechende Zukunft als Boxer gehabt. "Mit dem stünde ich heute in Las Vegas", sagt Conny. So einen Verlust, den wünsche er nicht einmal seinem ärgsten Feind. Fertig gemacht hat es ihn trotzdem nicht. Dazu sei er zu sehr ein Kämpfer, habe zu viel innere Härte - eben ein "Wildschwein". Doch da gebe es auch einen weichen Kern. Noch heute kommen dem alten Boxer deswegen die Tränen, wenn in einem Film mal ein Kind stirbt. Dann tröstet er sich: "Der liebe Gott hat gemacht, dass es mir passiert. Ein anderer hätte sich vielleicht das Leben genommen. Ich mache das nicht."

Vom Raubein zum Rentner

Und noch etwas gibt Conny Kraft: dass er noch etwas tun kann. So gibt er ab und an auch den ganz jungen Boxern in Schöningen ein paar Trainings-Tipps und lässt mit stoischer Gelassenheit Fotos mit sich machen. Vergleicht man alte Aufnahmen mit dem Conny von heute, fällt auf: Das Raubeinige und Harte hat Platz gemacht für einen geerdeten Conny - ein braun gebrannter, ergrauter Herr, der mit sich im Reinen ist. Dazu habe auch seine jetzige Frau Marlies beigetragen, glaubt Conny. Bereuen würde er in seinem Leben auch nicht viel. Außer von den "Weibergeschichten", davon hätte es vielleicht weniger geben können. Erreicht hat er aber alles. Darauf ist er stolz und er erzählt es jedem, der es hören will: "Wer Conny nicht kennt, hat die Welt verpennt!"

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