Stand: 17.01.2016 15:06 Uhr

Schluss-Sirene für 75-jährigen Eishockey-Crack

von Marco Schulze

Klaus Simon hat in seiner Zeit als Eishockey-Profi vor mehreren Tausend Zuschauern gespielt, bei seinem Abschiedsspiel sind es vielleicht knapp 50, die ihm zuschauen. Doch für Spiele des EHC Osterode sind das beachtlich viele Fans. Einige sind extra wegen Klaus Simon gekommen, so wie Reimund Rieche. Er kennt Simon seit mehr als 40 Jahren und hat früher mit ihm gemeinsam auf dem Eis gestanden. Heute feuert Rieche den 75-Jährigen per Megafon an.

Klaus Simon in Eishockey-Montur

Eishockey-Legende Simon tritt ab - mit 75

Hallo Niedersachsen -

Nach mehr als 60 Jahren auf dem Eis spielt Klaus Simon jetzt zum letzten Mal Eishockey für den EHC Osterode. In dieser Zeit hat er es auf über 1.300 Spiele gebracht.

4,7 bei 20 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Sechsmal die Woche zum Training auf das Eis

Der EHC Osterode spielt schon seit drei Jahren nicht mehr im Ligabetrieb mit und absolviert seitdem nur noch Freundschaftsspiele, so wie heute zu Ehren Simons. Der Braunlager hat sich dennoch so intensiv auf dieses Spiel vorbereitet als wäre es ein Meisterschaftsspiel. "Ich habe sechsmal die Woche auf dem Eis trainiert und jeden Morgen eine Stunde an meinen Fitnessgeräten zu Hause", sagt Simon NDR.de. Er will es allen Mitspielern und Zuschauern nochmal zeigen. Nach dem Aufwärmprogramm geht es los: Simon steht in der Anfangsformation. Seine Aufgabe ist die Verteidigung.

"Gnatzig Simon" kann nicht verlieren

Warum seine Mitspieler den Harzer nur noch "Gnatzig Simon" nennen, wird auch während seines letzten Spiels deutlich: Es sind keine zehn Minuten gespielt und der EHC Osterode liegt 0:3 zurück. Simon kann seine Enttäuschung kaum verbergen. Die schlechte Laune bekommen auch seine Mitspieler auf der Auswechselbank zu spüren. Die meisten haben sich mittlerweile daran gewöhnt, sie kennen ihn nicht anders. "Er ist sehr ehrgeizig, mit ganzem Herzen dabei und stets gut vorbereitet", sagt Spielertrainer Marek Gajewski über seinen ältesten Spieler.

Zeitweilig "ältester aktiver Eishockey-Spieler der Welt"

Mehr als 1.300 Eishockey-Spiele hat Simon in seiner Karriere bestritten. Viele von ihnen in der zweit- und dritthöchsten Liga in Deutschland. Dort hat er in seiner fast 30-jährigen Profizeit in Berlin bis zu 14.000 D-Mark im Monat verdient. Doch der ganz große Sprung in die erste Liga ist ihm nicht gelungen. Dafür schaffte es Simon 2011 als weltältester aktiver Eishockey-Spieler ins Guinness Buch der Rekorde. Mittlerweile ist er den Titel wieder los. Um ihn zurückzuergattern, müsste er noch weitere elf Jahre Eishockey spielen.

"Eishockey ist mein Leben"

Seine erste Bekanntschaft mit dem schnellen Eissport hatte er als Kind gemeinsam mit amerikanischen und kanadischen Soldaten in seiner Heimat Braunlage gemacht. Seitdem liebt Simon dieses Spiel. "Eishockey ist mein Leben und - das ist das Schlimme - der Sport kommt vor meiner Frau", sagt Simon. Seit 1998 lebt er auch wieder in Braunlage (Landkreis Goslar). Das Eisstadion ist sein zweites Zuhause. Dort trainierte er die letzten Jahre fast täglich.

Gegenspieler sind bis zu 50 Jahre jünger

Mehr als 60 Jahre hat der Braunlager den Eishockey-Sport betrieben. Doch mit der Zeit wurde auch bei Simon die Luft immer dünner. Das zeigt sich auch heute. Er braucht häufiger Pausen als seine Mitspieler. Doch die sind ja auch bis zu 50 Jahre jünger. "Ich könnte weiterspielen, aber es kann ja mal einer kommen, der genauso denkt wie ich und mich mit 75 Jahren so an die Bande checkt, nach dem Motto: Dem Alten zeige ich es jetzt", erklärt Simon seinen Abschied.

Eishockey-"Opa" will nach letztem Spiel weiter trainieren

Nach 60 Minuten Spielzeit klatscht Simon ein letztes Mal alle Spielern ab. Es war sein letztes Spiel im Trikot des EHC Osterode. Sein gefürchtetes körperbetontes hat "Gnatzig Simon" nicht "ausgepackt". Am Ende verliert sein Team 11:14. Mehr wurmt den Eishockey-"Opa" allerdings, dass er kurz vor Schluss einen sogenannten Penalty vergeben hat. Ganz aufhören - das aber ist nicht sein Ding. Der 75-Jährige wird bei einer Hobby-Mannschaft in Bad Sachsa mittrainieren. "Und ich habe schon mit dem Eismeister hier in Braunlage gesprochen, dass ich morgens weiterhin für mich allein auf dem Eis trainieren kann", sagt Simon direkt nach dem Spiel. Doch Eishockey-Spiele unter Wettbewerbsbedingungen - so wie in den letzten 60 Jahren - wird es für ihn keine mehr geben.

Nach 60 Jahren: Abschied von der Eisfläche