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Uwe Seeler mit HSV-Fahne © dpa
 

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Jan Ullrich: Vom Aufsteiger zum Aussteiger

von Johannes Freytag, NDR.de

Radprofi Jan Ullrich © picture-alliance / dpa Detailansicht des Bildes Viele Jahre das saubere Gesicht des deutschen Radsports: Jan Ullrich. Jan Ullrich hatte einen Status erreicht, wie nur wenige deutsche Sportler vor ihm. Nach dem Sieg 1997 und den folgenden zweiten Plätzen bei der Tour de France lagen ihm alle zu Füßen: Wirtschaftsbosse wie Ron Sommer, Politiker wie Rudolf Scharping und letztlich das ganze Land, das sich plötzlich als Radsportnation empfand. Dann kamen der Dopingverdacht, das Tour-Aus, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und inzwischen lebt der gebürtige Rostocker in der Schweiz. Zugegeben hat er Doping nie. Sein Dauer-Statement lautet: "Ich habe niemanden betrogen." Dies ist die Geschichte eines Sportlers, der erst in den Himmel gelobt und dann zum Teufel gejagt wurde.

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Jan Ullrich © picture alliance Fotograf: picture alliance
 
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Jan Ullrich kurbelte wie kaum ein anderer mit dem Rad die Berge hinauf. Dass dabei nicht alles "sauber" ablief, entschied im Februar 2012 der internationale Sportgerichtshof.

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Vom DDR-Jugendmeister zum Telekom-Profi

Jan Ullrich, am 2. Dezember 1973 in Rostock geboren, kommt bereits in seiner frühen Kindheit mit dem Radsport in Berührung. Als Neunjähriger gewinnt er sein erstes Rennen für die SG Dynamo Rostock auf einem geliehenen Rad in Turnschuhen. Mit 13 kommt das große Talent in die Kinder- und Jugendsportschule nach Berlin, wird DDR-Jugendmeister. Dann fällt die Mauer. 1992 holt ihn der Hamburger Gebrauchtwagenhändler Wolfgang Strohband in sein Rad-Team, mit 19 wird er Amateur-Weltmeister, anderthalb Jahre später, am 1. Januar 1995, wird er Profi im Team Telekom.

Tour-Sieg bei zweiter Teilnahme

Jan Ullrich auf dem Siegertreppchen der Tour de France 1997 © picture alliance Fotograf: picture alliance Detailansicht des Bildes Jan Ullrich auf dem Siegertreppchen der Tour de France 1997. Neben ihm der Zweitplatzierte Richard Virenque (l.) und der Drittplatzierte Marco Pantani (r.) Bei seiner ersten Tour de France im Jahr 1996 erreicht Ullrich, neben seinem ersten Sieg bei einer Tour-Etappe im letzten Zeitfahren, den zweiten Platz hinter seinem dänischen Teamkollegen Bjarne Riis. Loyal arbeitet Ullrich für seinen Team-Kapitän, obwohl viele meinen, dass er der stärkere Fahrer sei. Ein Jahr später startet Ullrich erneut als Edelhelfer für Riis, doch diesmal wird der Machtwechsel vollzogen. Die entscheidende Etappe nach Andorra ist Radsportgeschichte: Ullrich dreht sich immer wieder nach Riis um, bis der schließlich erschöpft nickt. Und der Deutsche fährt einfach los, gewinnt die Etappe und holt sich das Gelbe Trikot. Ebenso legendär ist die spätere Aufbauhilfe von Udo Bölts, der in den Vogesen dem schwächelnden 23-Jährigen ein "Quäl Dich, Du Sau" zuruft. Mit Erfolg: Als erster deutscher Radprofi gewinnt Jan Ullrich die Tour de France.

Der menschliche Ullrich

Damals noch "everybody's darling": Jan Ullrich (sz. Merdingen), im Ziel jubelnd als Olympiasieger im Einzel-Straßenfahren © picture-alliance / dpa Detailansicht des Bildes Damals noch "everybody's darling": Jan Ullrich im Jahr 2000 jubelnd als Olympiasieger im Einzel-Straßenfahren. Deutschland erlebt in den folgenden Jahren einen Radsport-Boom. Im Jahr seines Toursieges gewinnt Ullrich auch die Cyclassics in Hamburg. Was Ullrich zum Star macht, ist seine normale, menschliche Art: Er isst gern Torte, trinkt gern Rotwein und lässt es sich auch sonst im Winter gern gut gehen. Die Pfunde speckt er für den Sommer mit Gewaltkuren ab. Ullrich ist Leistungssportler und Müßiggänger. Leben und leben lassen: Ullrich ist großzügig - was das Geld betrifft, das er im Übermaß verdient, aber auch sonst. Es lässt sich kein Mitfahrer von damals finden, der nicht von ihm schwärmt. Er behandelt jeden korrekt, kehrt nie den Boss heraus, setzt niemanden unter Druck, er ist ein freundlicher Chef, der zur Not die Drecksarbeit selbst macht, wenn die anderen zu schwach dafür sind.

Der übermenschliche Armstrong

Jan Ullrich (r.), der ewige Zweite hinter Dauer-Toursieger Lance Armstrong. © picture alliance Fotograf: picture alliance Detailansicht des Bildes Jan Ullrich (r.), der "ewige Zweite" hinter dem siebenfachen Toursieger Lance Armstrong. Ullrich ist zudem auch mit seinen zweiten Plätzen bei der Tour zufrieden. Aber die Nation will mehr. Sie will noch mehr Siege sehen, doch plötzlich radelt Lance Armstrong mit, die unschlagbare texanische Rennmaschine. Sieben Mal in Folge - von 1999 bis zu seinem Rücktritt 2005 - entscheidet der Amerikaner die Tour de France für sich und lässt dabei seinen Kontrahenten keine Chance. "Wir waren keine Idioten", sagt Rudy Pevenage, Ullrichs Betreuer von damals. "Wir kannten Armstrong vor seiner Krebserkrankung. Die Verwandlung nach seiner Rückkehr war unglaublich. Wir haben schnell begriffen, dass es keine Wahl gibt." Der Belgier spricht es nicht aus, aber es ist klar, was er meint. Dass Ullrich beim Blutaufbereiter Eufemiano Fuentes in Madrid nur Chancengleichheit mit Armstrong suchte. Das ist die Logik aller Doper: Ich mache es, weil es die anderen machen.

Der Absturz und der Ausstieg

Jan Ullrich © picture alliance Fotograf: picture alliance Detailansicht des Bildes Am 26. Februar 2007 gab Jan Ullrich das Ende seiner aktiven Karriere bekannt. Die anderen machen es, aber als einer der wenigen fliegt Ullrich auf. Die Bombe platzt unmittelbar vor dem Start der Tour de France 2006: Der Deutsche wird vom Start ausgeschlossen und sein Rennstall, das T-Mobile-Team, kündigt ihm fristlos. An den Verbindungen Ullrichs zu Fuentes lassen die Ermittlungen des Bundeskriminalamtes keinen Zweifel. Sichergestellte Blutbeutel werden per DNA-Analyse eindeutig Ullrich zugeordnet. Obwohl die Beweislast erdrückend ist, streitet der Sportler alles ab. Und obwohl die Staatsanwaltschaft das Verfahren trotz der eindeutigen BKA-Erkenntnisse gegen Zahlung von 250.000 Euro einstellt, bröckelt Ullrichs Fassade immer weiter. Am 26. Februar 2007 gibt der 34-Jährige das Ende seiner Laufbahn als aktiver Radprofi bekannt. Die Anklage steht im Raum, er muss mit ihr leben. Das tut er lange - in seiner eigenen Welt abseits des Radsports. Quasi als Aussteiger lebt er in der Schweiz. Gelegentlich teilt er sich auf seiner Homepage mit, berichtet zum Beispiel, dass er eine Burnout-Krankheit überwunden habe. Er steigt schließlich wieder aufs Rad - allerdings nur bei Jedermann-Rennen.

Das Urteil

Es fällt schwer zu glauben, dass das flächendeckende Dopingsystem im Team Telekom ausgerechnet den Kapitän nicht erfasst haben könnte. Beweise gibt es nicht, aber viele Indizien und viele Geständnisse: Bert Dietz, Udo Bölts, Christian Henn, Rolf Aldag und Erik Zabel haben nach ihrer Karriere Doping zugegeben. Ullrich nie. Genützt hat es ihm trotzdem nichts. Im Februar 2012 spricht der Internationale Sportgerichtshof CAS Ullrich wegen dessen Verstrickung in den Fuentes-Skandal schuldig. Alle Ergebnisse seit dem 1. Mai 2005, unter anderem Rang drei bei der Tour im selben Jahr, werden aus den Ergebnislisten gelöscht. Zudem wird Ullrich offiziell bis zum 22. August 2013 gesperrt. Auf ein Doping-Bekenntnis warten die Fans jedoch immer noch.

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Ex-Radprofi Jan Ullrich © imago
 

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