Sport-Idole des Nordens - Legenden
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Der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Netzer unterschreibt beim HSV (Links Präsident Bethien).
Günter Netzer war das Gesicht der Mönchengladbacher "Fohlen"-Elf, erster deutscher Fußball-Profi bei Real Madrid und beliebter ARD-Experte bei Länderspielen. Als Medienunternehmer handelt er seit Jahren mit Fernseh- und Vermarktungsrechten. Fast vergessen ist jedoch seine Zeit als Manager des Hamburger SV, obwohl Netzer großen Anteil an der erfolgreichsten Zeit des Traditionsclub hatte.
Netzer hatte 1978 seine aktive Karriere im Alter von 33 Jahren in der Schweiz beendet und "nun wusste ich nicht, was ich machen sollte". Der ehemalige Star von Borussia Mönchengladbach besuchte in Hamburg eine Partie des HSV und bot dem Club an, die Stadionzeitung zu produzieren. So wie er es bereits bei der Borussia gemacht hatte. HSV-Präsident Paul Benthien wollte allerdings mehr als nur einen Herausgeber der Stadionzeitung. Er offerierte Netzer zu dessen Überraschung das Amt des Managers. "Das kann ich nicht", war Netzers erste Reaktion. Dennoch nahm er die Herausforderung an.
"Ich hatte ein gutes Fußball-Wissen und aus meiner Zeit in Mönchengladbach einen guten Geschäftssinn. Außerdem besaß ich schon immer eine gute Menschenkenntnis", beschrieb Netzer seine Fähigkeiten. Zwei Aufgaben hatte der Neu-Manager dringend zu lösen: Der HSV brauchte einen neuen Trainer und musste seinen unzufriedenen Superstar Kevin Keegan besser integrieren. Um die "mangelnde Disziplin innerhalb der Mannschaft" zu beheben, holte Netzer Branco Zebec von Eintracht Braunschweig. Der Jugoslawe war ein Ordnungsfanatiker, der seine Spieler laut Netzer "teilweise unmenschlich" behandelte. Doch die Profis folgten ihrem neuen Coach, Keegan blühte auf und führte den HSV 1979 zur ersten Bundesliga-Meisterschaft.
Kein Edeltechniker, aber ein Anführer: Horst Hrubesch.
Auch bei der Verpflichtung von Horst Hrubesch im selben Jahr lag Netzer goldrichtig, obwohl der Manager zunächst alles andere als überzeugt war von den Fähigkeiten des "Kopfball-Ungeheuers". Netzer hatte den Mittelstürmer von Rot-Weiss Essen geholt, ohne ihn zuvor persönlich beobachtet zu haben. Als Netzer Hrubesch erstmals live sah, war er entsetzt: "Einen solch lausigen Fußballer hatte ich noch nie gesehen. Der konnte so gut wie nichts", so Netzer. Aber Hrubesch war ein Anführer in der HSV-Mannschaft. "Er hat angepackt und die anderen mitgerissen", erinnerte sich Netzer. Und unter Zebec verbesserte der Mittelstürmer im Laufe der Zeit auch seine technischen Fähigkeiten deutlich.
Aleksandar Ristic (v.l.), Felix Magath, Ernst Happel und Günther Netzer mit dem Europapokal der Landesmeister.
"Den richtigen Trainer zu finden, ist die wichtigste Aufgabe für einen Manager", hatte Netzer festgestellt. Zebec war eigentlich der richtige, aber auch schwer alkoholkrank. Im Dezember 1980 erfolgte die Trennung. Netzer holte nach, was er 1978 nicht geschafft hatte: Ernst Happel kam nach Hamburg. "Ich wollte ihn unbedingt, nachdem ich seine Mannschaften gesehen hatte: Das Forechecking, die Abseitsfalle, die Bewegung innerhalb der Mannschaft - das war einzigartig", so Netzer. Der österreichische Startrainer übernahm den HSV im Sommer 1981, wurde auf Anhieb Meister und führte den Club 1983 zum Sieg im Europacup der Landesmeister. Netzer gerät auch 30 Jahre später noch ins Schwärmen, wenn er an den 1:0-Sieg gegen Juventus Turin zurückdenkt: "Das war das beste Spiel, das der HSV je gemacht hat. Es hat alles funktioniert." Zehn Tage später verteidigten die Hamburger ihren Meistertitel durch ein 2:1 bei Schalke 04.
Der HSV war auf dem Höhepunkt, dennoch standen Veränderungen an. "Die Mannschaft musste erneuert werden", betonte Netzer, der dieses Mal jedoch kein gutes Händchen hatte. Hrubesch und Sturmpartner Lars Bastrup verließen Hamburg, als Ersatz kamen Wolfram Wuttke und Dieter Schatzschneider. Die Erwartungen konnte das neue Duo nie erfüllen. "Es ärgert mich bis heute, dass die beiden die Mannschaft inklusive Happel aufgemischt haben", sagt Netzer noch fast drei Jahrzehnte später.
Der Manager blieb noch bis 1986 in Hamburg, dann war das Kapitel Profi-Fußball für ihn beendet. "Ich wollte eigentlich schon zwei Jahre zuvor aufhören, wurde aber zum Weitermachen überredet, damit Felix Magath meine Aufgaben übernehmen kann." Netzer war am Ende seiner Kräfte, obwohl die Zusammenarbeit mit Präsident Wolfgang Klein und Happel perfekt funktionierte. "Ich habe schon damals gewusst, dass man mich im Profi-Fußball niemals wiedersehen wird." Netzer hielt Wort. Als Vereinsfunktionär hat er seit seinem Abschied beim HSV nicht mehr gearbeitet. Gleichwohl ist er noch immer eine der wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten des deutschen Fußballs.