Stand: 12.03.2013 13:39 Uhr
Norbert Meier: Gescheitert und aufgestanden
Ein Leben mit dem Fußball: Norbert Meier ist dem Leder seit dem fünften Lebensjahr verbunden.
Die Karriere des langjährigen Werder-Profis Norbert Meier ist die eines Mannes, der hoch gestiegen, tief gefallen und wieder aufgestanden ist. Es passt ins Bild, dass er ausgerechnet bei Fortuna Düsseldorf sein Glück gefunden hat - beim Verein, der die Glücksgöttin im Namen trägt und dessen Ehrenfans, Die Toten Hosen, einst "Steh auf, wenn du am Boden bist" sangen. Als der ehemalige Bundesliga-Profi und Nationalspieler am 1. Januar 2008 seine Arbeit beim darbenden Drittligisten, seines Zeichens ehemaliger deutscher Meister und zweifacher Pokalsieger, aufnahm, war der Coach am Boden: In Mönchengladbach in der Versenkung verschwunden, in Duisburg nach der Kopfstoß-Affäre entlassen und gesperrt. Doch Meier stand auf und führte die Fortuna nach zehn Jahren im Niemandsland erst in die Zweite und im Sommer 2012 in den elektrisierenden Relegationsspielen gegen Hertha BSC in die Erste Liga. "Jeder Verein hat etwas Besonderes. Aber Fortuna ist schon etwas ganz Besonderes", sagt Meier bei Sportclub Stars. "Wenn man sieht, was sich in den letzten Jahren hier entwickelt hat - an Zuschauerzahlen und an Begeisterung in der Stadt."
Norbert Meiers Auf und Ab in Bildern
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Norbert Meier stammt aus dem Hamburger Vorort Reinbek. In der Jugend spielt er für die TSV, Voran Ohe, den VfL Lohbrügge und den FC St. Pauli. Von den Kiezkickern wechselt er 1977 zu Bergedorf 85 und von dort drei Jahre später zu Werder Bremen in die Zweite Bundesliga.
1982 wird Meier (l.) Vater. Hier besucht er Frau Sieglinde und Sohn Florian im Krankenhaus.
An der Weser startet der Flügelflitzer durch. Meier steigt mit seiner neuen Mannschaft im ersten Jahr ins Oberhaus auf, absolviert in neun Jahren insgesamt 281 Ligaspiele für Werder und schießt 82 Tore.
Bei den Bremern schafft der Offensivspieler (vorne l.) auch den Sprung in die A-Nationalmannschaft. Vier Jahre zuvor hatte er noch in der Verbandsliga gespielt. Am Ende seiner Karriere hat er 16 Mal das Trikot mit dem Adler getragen.
Den größten Erfolg seiner Karriere feiert Meier 1988, als Werder mit vier Punkten Vorsprung auf Titelverteidiger Bayern München deutscher Meister wird.
Zu den Leistungsträgern von Erfolgstrainer Otto Rehhagel (l.) gehört Meier. Auch in der Meistersaison trägt der gebürtige Reinbeker mit 26 Einsätzen und sieben Toren einen großen Teil zum Erfolg bei.
Dennoch sortiert Rehhagel Meier (r.) aus. Dieser wechselt anderthalb Jahre später: Bei Borussia Mönchengladbach kommen in zweieinhalb Jahren weitere 50 Bundesliga-Einsätze und zwei Tore hinzu. 1992 beendet er auf dem Bökelberg seine Karriere.
1996 beginnt Meier seine Karriere als Trainer beim Ex-Club und steigt Anfang Dezember 1997 vom Gladbacher U23- zum Cheftrainer der Profis auf. Der Neuling soll die "Fohlen", die in der Bundesliga auf den 16. Tabellenplatz abgerutscht sind, vor dem Abstieg retten.
Die Amtszeit währt allerdings gerade einmal elf Spiele, dann senkt Manager Rolf Rüssmann (l.) den Daumen. Gladbach hat unter Meier, der wieder U23-Coach wird, nur zwei Siege eingefahren. Zum Klassenerhalt führt die Borussia Trainer-Routinier Friedel Rausch.
Auf seine nächste Chance im Profigeschäft wartet Meier bis zum Januar 2003. Beim Ex-Bundesligisten Duisburg folgt er auf MSV-Legende Bernard "Ennatz" Dietz. Mit dem Bundesliga-Aufstieg 2005 scheint Meier auch als Trainer im Kreis der Großen seiner Zunft angekommen zu sein. Doch von seiner Zeit an der Wedau bleiben bei den meisten Fans im Lande trotzdem ...
... nur diese Bilder im Gedächtnis. Ausgerechnet in seinem 100. Ligaspiel für die "Zebras" kommt es zum folgenschweren "Zweikampf" mit dem Kölner Albert Streit. Meier tut so, als habe er eine "Kopfnuss" abbekommen und geht zu Boden. Streit sieht zwar Rot, die Fernsehbilder überführen den Coach jedoch eindeutig der Schauspielerei. Der DFB sperrt Meier für drei Monate und der MSV setzt ihn vor die Tür.
Meiers Ruf ist ruiniert - und er muss wieder von vorn anfangen. Nach einem Dreivierteljahr Pause schenkt ihm Regionalligist Dynamo Dresden das Vertrauen.
Norbert Meier ist nach seinem Fauxpas schneller zurück auf der Fußball-Bühne, als viele erwartet hatten. Ehefrau Sieglinde und Tochter Laura freuen sich mit ihm.
Doch der Abstecher nach Sachsen dauert kaum mehr als ein Jahr. Dynamo kämpft um die Qualifikation für die neue Dritte Liga - und tut sich dabei schwer. Nach dem zehnten Spieltag der Saison 2007/2008 ist Schluss.
Dieses Mal muss Meier allerdings nicht lange warten. Nur gut drei Monate später übernimmt er das Traineramt bei Dynamos Liga-Konkurrenten Fortuna Düsseldorf. Mit den Fortunen verpasst er den Aufstieg denkbar knapp, ...
... nur um den Coup ein Jahr später zu vollbringen. Düsseldorf kehrt nach Jahren des Darbens in den "bezahlten Fußball" zurück. Meier feiert mit seinen Spielern auf dem Rathausbalkon.
Am Rhein hat Meier in Wolf Werner (r.) einen kongenialen Partner gefunden. Der Manager hält dem Coach den Rücken frei und gemeinsam stehen sie für den Erfolg der vergangenen Jahre.
Der Erfolg in Düsseldorf ist das Ergebnis harter Arbeit. Meier führt die Mannschaft auch eine Etage höher sofort wieder in die Spitzengruppe. Die Fortunen beenden die Saison 2009/2010 auf dem vierten Rang. Und nach einer Spielzeit im Tabellenmittelfeld setzen Meier und Co. im Sommer 2012 zum ganz großen Wurf an.
Doch in der Aufstiegsrelegation gegen Hertha BSC und Otto Rehhagel (vorn) drohen ausgerechnet die Düsseldorfer Fans den Traum wie eine Seifenblase platzen zu lassen. Nach einem Platzsturm im Rückspiel beim Stand von 2:2 wird das Spiel unterbrochen.
Doch auch beim "richtigen" Abpfiff steht es noch 2:2 - der Jubel kennt keine Grenzen. Nach dem 2:1-Sieg in Berlin steht die Fortuna als Aufsteiger fest. Oder doch nicht? Hertha legt wegen des Platzsturms Einspruch ein. Dieser wird jedoch zurückgewiesen, die Rheinländer sind wieder in der Bundesliga angekommen.
Doch anstatt der Aufstiegself zu vertrauen, schlagen Meier (M.) und Werner auf dem Transfermarkt zu. Insgesamt 19 Spieler verpflichten sie im Sommer, nach überraschend guter Hinrunde kommen fünf weitere hinzu.
Der Erfolg spricht für sich: Meier versteht es nahezu perfekt, seine Spieler von der Seitenlinie aus zum Erfolg zu führen. Die Düsseldorfer sind im Frühjahr 2013 auf dem besten Weg zum Klassenerhalt.
Der Erfolg spricht für sich: Meier versteht es nahezu perfekt, seine Spieler von der Seitenlinie aus zum Erfolg zu führen. Die Düsseldorfer sind im Frühjahr 2013 auf dem besten Weg zum Klassenerhalt.
Die Fans standen hinter dem Coach
Allerdings führte sein Weg auch in Düsseldorf nicht einfach steil bergauf. Nach dem Zweitliga-Aufstieg 2009 und Rang vier im Unterhaus, lief zu Beginn der Saison 2010/2011 nicht viel zusammen. Nach sechs Niederlagen in der Liga und dem Aus im DFB-Pokal bei Drittligist TuS Koblenz wurde bereits über das Ende Meiers am Rhein spekuliert. Doch anstatt - wie landläufig üblich - die Entlassung des Trainers zu fordern, skandierten die Fans vor dem Anpfiff der Partie in Osnabrück laute Meier-Sprechchöre. "Das war schon emotional bewegend", erinnert sich der Coach. "Das ging mir nahe, da habe ich eine Gänsehaut bekommen." Die Fortunen gewannen die Partie mit 3:2 und rollten das Feld von hinten auf - Meier wurde wieder zum Erfolgstrainer. "Er kam mit einer guten Vita hier an", meint Düsseldorfs Manager Wolf Werner. "Er trug den Makel von Duisburg, aber wir haben alle ein Päckchen zu tragen. Das war für uns überhaupt kein Kriterium. Für uns zählten nur seine fachlichen Qualitäten und seine Kenntnisse."
Mit Werder Meister 1988
Der größte Erfolg seiner Karriere: Meier holt 1988 mit Werder die Meisterschale.
Und die hat sich Meier hart erarbeitet. Bei einer Körpergröße von 1,73 Metern musste er sich in seiner Jugend besonders behaupten. Doch der Linksfuß überzeugte durch Tempo, Dribblings und schöne Tore. Manager Rudi Assauer entdeckte ihn für Werder Bremen, dem nicht zuletzt dank seiner vielen Tore prompt der Bundesliga-Aufstieg gelang. Unter Trainer Jupp Derwall debütierte er für Deutschland - insgesamt spielte er 16 Mal für die Nationalmannschaft. Doch kurz vor der WM 1986 sortierte ihn Derwall-Nachfolger Franz Beckenbauer aus. Und auch unter Rehhagel war er nicht mehr so gefragt, dennoch hatte er seinen Anteil an der Meisterschaft von 1988. Seine Zeit in Bremen neigte sich da aber bereits dem Ende zu. Zur Verwunderung des Spielers: "Ich war doch auch Wegbereiter der Mannschaft für eine glorreiche Werder-Zeit." Meier wechselte 1990 nach Mönchengladbach, knüpfte aber in den folgenden zweieinhalb Jahren zu selten an erfolgreiche Tage an. Mit 33 Jahren beendete er im Sommer 1992 seine Karriere.
Zäsur nach Kopfstoß-Affäre
Ein nur viermonatiges Gastspiel: Chefcoach Norbert Meier (r.) bei Borussia Mönchengladbach.
Zwar konnte der im schleswig-holsteinischen Reinbek geborene Meier am Bökelberg seine ersten Schritte als Trainer machen, doch auch hier musste er ganz unten anfangen. Über die A-Jugend und U23 empfahl Meier sich schließlich für höhere Aufgaben. Manager Rolf Rüßmann beförderte ihn im Dezember 1997 zum Cheftrainer. Doch der Novize scheiterte, wurde nach vier Monaten zurück ins zweite Glied geschoben - und musste sich erneut hochkämpfen. Erst 2003 fand er beim MSV Duisburg eine neue Aufgabe im Profigeschäft, musste aber erneut Widerständen trotzen. "Ich bin nach Duisburg gekommen. Da wurde gesagt: 'Mit Meier steigt man nie auf.' Wir sind aufgestiegen. Jetzt kommt als Nächstes die Geschichte: Wollen wir mal sehen, ob er die Mannschaft auch in der Ersten Liga hält", sagte der Coach damals - und zerbrach wohl selbst am Druck, als er dem Kölner Albert Streit am 6. Dezember 2005 an der Seitenlinie eine Kopfnuss gab und sich selbst als Opfer inszenierte. Die Folge: Drei Monate Berufsverbot und die Entlassung beim MSV. Zudem scheiterte ein Comebackversuch bei Drittligist Dynamo Dresden (September 2006 bis September 2007).
"Es wird immer welche geben, die mehr erreichen
So landete der ehemalige Bundesliga-Star schließlich bei Fortuna Düsseldorf. Doch Meier hadert nicht: "Hättest Du vielleicht noch mehr erreichen können oder dies oder jenes... Man soll zufrieden sein mit dem, was man erreicht hat. Es wird immer welche geben, die mehr erreichen", meint der Erfolgstrainer lapidar. Auch von Genugtuung, als er in der Relegation Hertha und seinen Ex-Trainer Rehhagel in die Zweite Liga schickte, will er nichts wissen: "Ich habe in meiner Karriere nicht ansatzweise irgendwelche Dinge mitgenommen, die mich belasten", betont Meier und fragt: "Wie lange hätte ich denn negativen Stress haben sollen, über Jahre, um dieser Genugtuung gerecht zu werden?"