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Marita Koch - Viertelmeilerin von einem anderen Stern?

von Andreas Schlebach, NDR.de

Weltmeisterinnen 1983 in Helsinki über 4x400 Meter: Marita Koch, Sabine Busch, Dagmar Rybsam und Gesine Walther (v.l.n.r.) © picture-alliance/ Sven Simon Fotograf: Sven Simon Detailansicht des Bildes Weltmeisterinnen 1983 in Helsinki über 4x400 Meter: Marita Koch, Sabine Busch, Dagmar Rybsam und Gesine Walther (v.l.n.r.) "Ich wollte einfach nicht lügen." Gesine Tettenborn sagte dies dem "Spiegel" im Januar 2010. Unter ihrem Mädchennamen Gesine Walther gehörte sie zur 4x400-Meter-Goldstaffel bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1983 in Helsinki und zur 4x400- Meter-Weltrekordstaffel der DDR, deren am 3. Juni 1984 in Erfurt erzielten 3:15,92 Minuten noch heute die Rekordliste des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zieren. Tettenborn hat sich vom Verband aus dieser Liste streichen lassen - wie zuvor schon Sprinterin Ines Geipel über 4x100 Meter. Beide wollten damit einen öffentlichen Schlussstrich unter ihre Doping-Vergangenheit ziehen. "Doping im DDR-Sport war vorsätzliche Körperverletzung, es war kriminell. Behalte ich diesen Rekord, bin ich für immer an diese Kriminalität gebunden und auch beteiligt", argumentierte Geipel im Frühjahr 2006. 

Ein Rekord für die Ewigkeit 

Marita Koch jubelt nach ihrem 400-m-Weltrekord beim Weltcup 1985 in Canberra (Australien) © picture-alliance/ dpa Detailansicht des Bildes Ein Weltrekord von mutmaßlichem "Ewigkeitswert": Marita Koch nach ihren 47,60 Sekunden beim Weltcup 1985 in Canberra (Australien). Zu der genannten Viertelmeiler-Staffel der DDR gehört auch Marita Koch. Die Rostocker 400-Meter-Legende war bei den ersten Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1983 mit dreimal Gold über 200, 4x100 und 4x400 Meter sowie Silber über 100 Meter die erfolgreichste Teilnehmerin. Koch hatte über die Viertelmeile seinerzeit schon siebenmal den Weltrekord verbessert und bei den Boykott-Spielen von Moskau 1980 mit über einer halben Sekunde Vorsprung Gold gewonnen. Fünf Jahre danach krönte die in Wismar geborene Langsprint-Virtuosin, mit 21,71 Sekunden auch Weltrekord-Vorgängerin der exzentrischen US-Sprinterin Florence ("Flo-Jo") Griffith-Joyner über die halbe Stadionrunde, ihre überaus erfolgreiche Karriere mit einem Fabel-Weltrekord über 400 Meter. Beim Weltcup am 6. Oktober 1985 im australischen Canberra rannte Koch - damals 28-jährig - zu schier unglaublichen 47,60 Sekunden. "Es war ein optimales Rennen, ich schöpfte alle Möglichkeiten aus", so Koch damals zur "SZ". Und ein Rekord anscheinend für die Ewigkeit. Selbst die von Kochs Ehemann Wolfgang Meier später gecoachte 400-Meter-Olympiasiegerin Marie-José Pérec aus Frankreich war bei ihrem Gold-Lauf von Atlanta 1996 65 Hundertstelsekunden langsamer als die 16-fache Weltrekordlerin elf Jahre zuvor. Auch die mit Abstand schnellste Viertelmeilerin der Gegenwart, Sanya Richards (USA), trennen mit ihren 2006 bzw. 2009 erzielten 48,70 bzw. 48,83 Sekunden Lichtjahre von der Glanzzeit Kochs. "Ich hatte gedacht, dass damals alles okay war", reagierte Koch auf das Dopinggeständnis Tettenborns im "Spiegel". 

"Ich war immer clean"

4x400-m-Staffel-Schlussläuferin Marita Koch bei der EM 1986 © picture-alliance/ Sven Simon Fotograf: Sven Simon Detailansicht des Bildes Allein auf weiter Flur: Schlussläuferin Marita Koch in der 4x400-m-Staffel bei der EM 1986 in Stuttgart. Die Dimension ihrer Rekordzeit habe sie damals gar nicht richtig wahrgenommen, sagte die Weltrekordlerin 2001 im ARD-Interview. Sie sei stolz auf diese Leistung, die nach ihrer Einschätzung vorläufig kaum getilgt werden dürfte, so Koch seinerzeit. Wie die Leistung zustande gekommen war, erläuterte die Weltrekordlerin, die mit fünf Top-Ten-Notierungen in der "ewigen" Weltbestenliste nur von Siebenkämpferin Jackie Joyner-Kersee (6) übertroffen wird, nicht. Auch nicht angesichts des belastenden Materials, das die ehemalige Diskuswerferin Brigitte Berendonk gemeinsam mit ihrem Mann, dem Heidelberger Molekular-Biologen Professor Werner Franke, 1991 in ihrem Buch "Doping-Dokumente" veröffentlicht hat. Demnach ist Marita Koch in den Jahren 1981 bis 1984 mit Jahresdosen zwischen 530 und 1460 Milligramm des anabolen Steroides Oral-Turinabol versorgt worden. "In Helsinki musste ich dreimal zur Dopingprobe und war immer clean. Das gilt für meine Karriere überhaupt, denn ich war - erst recht als Medizinstudentin - eine sehr mündige Athletin", sagte Koch anlässlich des 20. Jahrestages ihres Weltrekords der "FAZ" dazu.

Von der Kunststoffbahn hinter die Ladentheke

Marita Koch 2007 in ihrem Modegeschäft in Rostock © picture-alliance/ ZB Fotograf: Bernd Wüstneck Detailansicht des Bildes Am 20. Jahrestag ihres Fabel-Weltrekordes bei der Arbeit: Marita Koch in ihrem Rostocker Modegeschäft. Tatsächlich markierte das Sensationsrennen von Canberra den Scheitelpunkt in Kochs Karriere. Aufkommenden Gerüchten, sie wolle ihre Laufbahn beenden, widersprach die Athletin damals allerdings und erklärte, sie wolle auf jeden Fall noch an den Europameisterschaften in Stuttgart teilnehmen. 1986 holte sie sich dort zum dritten Mal in Folge nach Prag 1978 und Athen 1982 die Titel über 400 und 4x400 Meter. Ein halbes Jahr darauf erklärte sie ihren Rücktritt, offiziell wegen andauernder Achillessehnenproblemen. Später kam heraus, dass sich Koch angesichts eines zunächst von der DDR-Sportführung zugesagten und dann widerrufenen dreiwöchigen Trainingslagers auf Kuba düpiert fühlte und Konsequenzen zog. "Ich lasse mich doch nicht veralbern", wurde sie seinerzeit zitiert. Andererseits kam ihr der Rückzug ins Privatleben wohl nicht ungelegen. Vier Wochen vor der WM 1987 in Rom heiratete sie ihren langjährigen Trainer und Lebensgefährten Wolfgang Meier, zwei Jahre später kam Tochter Ulrike zur Welt. Ihr Medizinstudium brach Koch ab; stattdessen eröffnete sie ein Sportmodegeschäft in Rostock, das sie bis heute betreibt. Als Ehrenpräsidentin des 1. LAV Rostock - wie der SC Empor seit 1998 heißt - ist Deutschlands wohl unerreichbarste Weltrekordlerin ihrem Sport nahe geblieben.

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Marita Koch jubelt nach ihrem 400-m-Weltrekord beim Weltcup 1985 in Canberra (Australien) © picture-alliance/ dpa
 
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Sagenumwobener Weltrekord über die Stadionrunde bis heute unerreicht.

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Nach Weltrekord auch Olympia-Gold über 400 Meter: Marita Koch (Rostock), allein im Ziel mit einer halben Sekunde Vorsprung © picture-alliance / dpa
 

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