Sport-Idole des Nordens - Legenden
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Diskus-Ikone Franka Dietzsch.
49 Zentimeter. Die fehlen Franka Dietzsch zu ihrem Traum. 70 Meter sollten es sein - mit dem Diskus, der über 20 Jahre lang ihr Leben bestimmte. 69 Meter 51 sind es geworden, schon damals im Mai 1999 beim Werfertag in Wiesbaden, zu Beginn der WM-Saison. Weltjahresbestleistung. Ein echter Hammer - und eine schwere Last, auch wenn Natalja Sadowa, die 2006 des Dopings überführte Russin, Ende Juni mit 70,02 Metern Dietzsch in der Weltjahresbestenliste noch überflügelte. Die Neubrandenburgerin, im Jahr zuvor bereits Europameisterin, trug die (Mit-)Favoritenlast mit Fassung, bis zur WM in Sevilla. Schon in der Qualifikation unterstrich sie als Beste ihre Ambitionen. Im Finale wurde es Gold mit 68,14 Metern und über zwei Metern Vorsprung vor der Griechin Anastasia Kelesidou. Selbst ihr zweitbester Versuch hätte noch zum Sieg gereicht. Sevilla - der Start zu ihrer zweiten, ihrer reifen Karriere. Mit 31 Jahren. Diskus geworfen hatte sie da schon weit mehr als ein Jahrzehnt.
Mit 18 hatte das "Landei" aus Koserow (O-Ton Dietzsch) von der Insel Usedom das erste internationale Edelmetall geholt: Silber bei der Junioren-WM 1986. Noch im Trikot des SC Empor Rostock (bis 1990) verbesserte sich die Blondgelockte unter Trainer Achim Müller bis auf 68,26 Meter. Ihr Pech, dass mit Weltrekordlerin Gabriele Reinsch (Cottbus), der Leipzigerin Martina Hellmann - Weltmeisterin 1983 und 1987 und Olympiasiegerin 1988 - sowie der Hallenserin Ilke Wyludda - WM-Zweite 1991 und 1995 und Olympiasiegerin 1996 - noch stärkere Athletinnen aus dem Osten im Blickpunkt standen. Nachdem Müller in Rostock entlassen worden war, wechselte Dietzsch zu Trainer Dieter Kollark beim SC Neubrandenburg. Kollark, dessen Verstrickung in das DDR-Dopingsystem später für viel Wirbel sorgte, nahm sie unter seine Fittiche. Er formte aus der aufstrebenden Bankkauffrau eine äußerst selbstbewusste und erfolgreiche Weltklasse-Athletin, deren technisches Potential mit extremer Beweglichkeit, schneller Drehung und guter Verwringung er nachhaltig schulte. Der Erfolg stellte sich allerdings erst mit Verzögerung ein.
Schwächephase zu Beginn des neuen Jahrtausend.
Bei den Weltmeisterschaften 1991 bis 1997 war ein siebter Platz 1995 in Göteborg die größte Ausbeute - neben Rang vier bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta. Da Dietzsch nach dem WM-Gold von Sevilla bei den folgenden internationalen Meisterschaften verletzungsbedingt oder aufgrund schwacher Nerven ohne Edelmetall blieb, stufte der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) seine einzige Diskuswerferin von wettbewerbsfähiger Klasse in den nationalen B-Kader zurück. Ein Sieg beim Europacup 2001 in Bremen reichte den Funktionären nicht zur Höchstförderung. Zwei Knie-Operationen führten zu ihrem Verzicht auf die Heim-EM 2002 in München und einem äußerst bescheidenen Auftritt bei der WM 2003 in Paris, den Dietzsch bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen mit indiskutablen 58,12 m in der Qualifikation sogar noch zu toppen wusste. Das Aus für die damals schon 36-Jährige? Mitnichten. "Da man ja im Alter nicht so schnell an Substanz verliert, war ich relativ schnell wieder auf einem zufriedenstellenden Niveau", bemerkte Dietzsch im Sommer 2005, nachdem sie das Olympiajahr mit einer acht Wochen langen Walking-Tour und einer mentalen Auszeit von Wurfring und Kraftraum ad acta gelegt hatte.