Stand: 20.10.2014 00:02 Uhr

Vor 50 Jahren: Holdorf holt Zehnkampf-Gold

Willenskraft ist seine Stärke. So wurde Willi Holdorf 1964 in Tokio Deutschlands erster Olympiasieger im Zehnkampf. Doch der Holsteiner war nicht nur als Leichtathlet ein erfolgreicher Sportler. Als Bobfahrer holte er EM-Silber, später trainierte er die Bundesliga-Fußballer von Fortuna Köln.

20. Oktober 1964, Olympiastadion Tokio: Die Entscheidung im Zehnkampf steht an. Willi Holdorf, der junge deutsche Hoffnungsträger, liegt nach neun Disziplinen in Führung. Kann er sie verteidigen gegen den laufstarken Esten Rein Aun? 18 Sekunden Rückstand darf sich der Mann aus Leverkusen erlauben. Sonst ist der Traum vom Gold geplatzt. Holdorfs Aufgabe ist herkulesgleich. Er muss schneller laufen als je zuvor in einem 1.500-m-Lauf im Zehnkampf, 4:35 Minuten etwa. Doch Holdorf ist ein Kämpfer, Willenskraft einer seiner großen Trümpfe. "Holdorf war am Ende seiner Kräfte. Aber er holte aus sich selbst Reserven heraus, die niemand hatte vermuten können [...] Zehn Meter vor dem Ziel begann der Deutsche hin und her zu taumeln", schilderte der französische Journalist Edouard Seidler in der "L'Équipe" jene Sekunden, in denen den Zuschauern der Atem stockte.

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Jubiläumsfeier für Olympiahelden Willi Holdorf

Sportclub - 19.10.2014 22:50 Uhr Autor/in: Sven Kaulbars

50 Jahre Olympiasieg: Willi Holdorf schrieb Geschichte, holte 1964 als erster Deutscher Zehnkampf-Gold. Am Sonntag wurde er dafür einmal mehr gefeiert.

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Ehrenrunde fällt aus

Kaum im Ziel, bricht Holdorf zusammen. 4:34,3 Minuten zeigen die Stoppuhren. "Willi, wir haben verloren", ruft ihm in Verkennung der Tatsachen Hans-Joachim Walde zu, der die Bronzemedaille gewinnt. Doch Holdorf hat nicht verloren. Ihm gehört Gold. Kraft zum Jubeln hat er da nicht mehr, die Ehrenrunde fällt aus. Aber Rein Aun ist ein fairer Verlierer, er beugt sich nieder und hilft dem Deutschen auf die Beine, gleich zweimal. "Ich dachte an meinen kleinen Sohn zu Hause. Der sollte später nicht einmal sagen: Mein Vater hätte Olympiasieger werden können, aber er war zu schlapp dazu!" So schilderte Deutschlands erster Zehnkampf-Olympiasieger später dem Fachjournalisten Gustav Schwenk das, was ihm damals durch den Kopf ging.

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11 Bilder

Willi Holdorf: Bilder einer Zehnkampf-Legende

Er ist Deutschlands erster Olympiasieger im Zehnkampf: der Holsteiner Willi Holdorf aus Blomesche Wildnis. In Tokio feierte er 1964 seinen größten Erfolg. Bilder einer Zehnkampf-Legende. Bildergalerie

Ein sportliches Multi-Talent

Auf dem Höhepunkt tritt Holdorf ab. Der Triumph von Tokio ist sein letzter Zehnkampf. "Ich war schon verheiratet, musste eine Familie ernähren und mich um mein Studium kümmern", so Holdorf, der durch Olympia-Gold nicht reich wurde. Trotzdem hätte er nicht mit den heutigen Athleten tauschen wollen: "Wir hatten damals weniger Geld, aber mehr Spaß als heute. Die Kameradschaft unter uns Zehnkämpfern war groß." Das Nordlicht erfreut sich größter Popularität, nicht nur seiner Goldmedaille wegen. Was Holdorf besonders auszeichnet ist Vielfältigkeit. Gewiss ist der ehemalige Mehrkämpfer eines der größten Multi-Talente, das der (deutsche) Sport je gesehen hat. Viele seiner Karriere-Stationen seien aber Zufall gewesen, erzählt der Mann aus dem holsteinischen Blomesche Wildnis in der Nähe von Glückstadt. Dort wurde Holdorf am 17. Februar 1940 geboren. Er hatte einen Namen, ein Sportlehrer-Diplom und eine Menge Kontakte. Als Bremser im Bob etwa landete er nur, weil er den Piloten gut kannte. Es wurde EM-Silber daraus.

Markenzeichen Willensstärke

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Vor Erschöpfung im Ziel zusammengebrochen: Willi Holdorf.

Leichtathlet war Holdorf geworden, weil ein Arbeitskollege eine Bezirksmeisterschaft ausrichtete. "Da laufe ich mit", meinte der damals 17-Jährige aus einer Laune heraus. Als Steppke war er zuvor dem Fußball nachgejagt, als Schüler stand er im Handball-Tor. Mit 19 war er deutscher Jugendmeister im Zehnkampf, fünf Jahre später Olympiasieger. Stationen als Leichtathletik-Coach in Leverkusen und Fußball-Trainer beim damaligen Bundesligisten Fortuna Köln folgten. Stabhochspringer Claus Schiprowski führte er 1968 als Trainer zu Olympia-Silber, und auch um das deutsche Tennis machte er sich verdient: Für das Davis-Cup-Team arbeitete er als Konditionstrainer. Was er auch tat: Er ging es mit Willenskraft, Kampfgeist und Disziplin an. "Vom Naturell her bin ich ein bisschen faul", sagt er. "Aber wenn ich merke, dass etwas zum Erfolg führt, entwickele ich viel Ehrgeiz."

Dem Sport verbunden geblieben

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Seit vielen Jahren ist Holdorf beim THW Kiel aktiv.

Den stellte Holdorf auch nach Ende seiner sportlichen Karriere immer wieder unter Beweis. Als Repräsentant eines Sportartikel-Weltkonzerns blieb er der Leichtathletik über Jahrzehnte erhalten. Auch seiner alten Liebe Handball ist Holdorf als Mitglied im achtköpfigen Wirtschaftsausschuss des Bundesligisten THW Kiel treu geblieben. Selbst seine Ehefrauen wiesen achtbare Karrieren in seinen "Spezialgebieten" auf. Schon seine erste Frau war Handball-Nationalspielerin, seine zweite führte nach Jahren als Marketing-Expertin bei der Leichtathletik-Fördergesellschaft die Geschäfte beim THW Kiel. Sohn Dirk war sowohl Spieler als auch Manager beim Fußball-Drittligisten Eintracht Braunschweig. "Meine Familie hatte dafür Verständnis", blickt Holdorf auf seine vielen Tätigkeiten im Sport zurück. Mit dem und von dem er bis heute lebt: "Ich fahre Rad und schwimme", so Holdorf, der sich ansonsten um sein Hotel mit Tennishalle am Stadtrand von Kiel kümmert. Zwei Schlaganfälle 2002 und Ende 2008 und eine Bypass-Operation haben den agilen Vorzeige-Sportler aus dem Norden gewarnt, aber nicht stoppen können. Zehnkämpfer sind bekannt für ihre Wettkampf-Härte.