Stand: 09.03.2014 23:35 Uhr

Nehmer: Vom Spätstarter zur Bob-Legende

Meinhard Nehmer kam erst mit 32 zum Bobsport und holte dennoch dreimal Olympiagold und vier WM-Titel. Dabei halfen norddeutsche Gelassenheit und eine Portion Überredungskunst.

Meinhard Nehmer (l.) und Bernhard Germeshausen bei ihrem Olympiasieg 1976.

Ans Bobfahren hatte Meinhard Nehmer noch nie einen Gedanken verschwendet. Das Herz des Mannes vom Armeesportclub Vorwärts Potsdam schlug für die Leichtathletik. Jahrelang träumte der Speerwerfer vom großen Wurf und den Olympischen Spielen - vergeblich. Seine Bestweite von 81,50 Meter war gut, aber nicht spitze. "Als Leistungssportler ist Olympia das Ziel. Der erste Schritt wäre die Europameisterschaft gewesen, aber nicht einmal dafür hat es gereicht", sagte er dem NDR Sportclub rückblickend. Mit Anfang 30 wollte er nicht mehr werfen und seine Sportkarriere beenden. "Ich hatte nichts geschafft und es war auch nichts mehr zu erhoffen", zog er nüchtern Bilanz. Doch sein Trainer Horst Hörnlein hatte eine bessere Idee, nachdem die DDR Anfang der 1970er-Jahre das Bobfahren als gewinnträchtige Sportart entdeckt hatte und auf der Suche nach Talenten war. "Er meinte, das wäre was für mich, weil ich gerne Ski gefahren und gelaufen bin", erzählte Nehmer. Überzeugt war er ganz und gar nicht: "Ich dachte, dass es in meinem Alter nicht mehr viel Zweck hätte, eine neue Sportart zu beginnen."

Mit 32 erstmals im Bob

Nehmer täuschte sich - und wie! Mit 32 Jahren stieg der Mann, der als Sohn eines Bauern auf der Ostseeinsel Rügen in Varnkevitz aufgewachsen war, zum ersten Mal in einen Bob. "Dann haben mich andere überzeugt. 'Du bist gut, du bist der richtige Mann'", beschrieb er Reaktionen beim Probetraining. Drei Jahre später gewann er Olympia-Gold, weitere vier Jahre später war er der bis dahin beste Bobpilot aller Zeiten. "Die ganze Fahrerei war ein angenehmes, faszinierendes Gefühl. Ich habe eine Chance gesehen und dann bin ich dabei geblieben. Bessere hatten sie damals auch nicht", berichtete er. Nach über 20-jähriger DDR-Abstinenz im Bobsport kamen die Trainer vom Rennrodeln und die Fahrer praktisch aus dem Nichts. 1974 zog Nehmer nach Thüringen um. An seine neue Aufgabe gewöhnte er sich nicht nur schnell, sondern schloss sogar innerhalb kürzester Zeit zur Weltspitze auf.

Tüftler mit norddeutscher Gelassenheit

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Nehmer und Germeshausen 1976 im Bob DDR II.

Der 32-Jährige brachte viele Qualitäten mit: Athletik, Mut, Lebenserfahrung sowie aus Landwirtschaft und handwerklicher Arbeit Fingerspitzengefühl und technisches Know-how. Als größte Stärke entpuppte sich jedoch seine norddeutsche Gelassenheit: Nehmer mit seiner stoischen Ruhe konnte nichts aus der Fassung bringen. Während die Konkurrez kurz vor dem Start umhertigerte, legte er sich hin und schloss die Augen. "Vielleicht habe ich viele damit ein bisschen nervös gemacht", vermutet der bodenständige Spätstarter, der jede Möglichkeit nutzte, daheim auf dem Land und bei der Jagd abzuschalten. Seine Bobs studierte Nehmer bis ins kleinste Detail, schraubte die Geräte komplett auseinander, schmierte die Teile und baute sie wieder zusammen. Als sich die Olympischen Spiele 1976 in Innsbruck näherten, waren der Tüftler und sein Team im Zweier- sowie Viererbob konkurrenzfähig.

Dreimal Olympia-Gold

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Germeshausen, Hans-Jürgen Gerhardt, Bogdan Musiol und Nehmer (v.l.) feiern den überlegenen Sieg in Lake Placid.

Dennoch hatte die Rookies aus der DDR niemand ernsthaft auf der Rechnung. Die erste Überraschung gab es aber schon vor der Eröffnungsfeier - für Nehmer: Die DDR-Führung hatte ihn zum Fahnenträger erkoren. Auf der Bobbahn sorgte er dann selbst für Sensationen. Er holte Gold im Zweier und Vierer - und wurde von der Konkurrenz trotzdem nicht ernst genommen. Sein - wohlgemerkt souveräner - Sieg galt als glücklich, weil die Bahn von Innsbruck der in Oberhof ähnelte. Die Fachwelt überzeugte der begnadete Pilot, der nie einen Sturz verursachte, dann ein Jahr später auf der Natureisbahn von St. Moritz: Er steuerte den Vierer zum WM-Titel. "Das war schon schön und auch ganz wichtig. Dann hat niemand mehr diskutiert", sagte Nehmer. Bei den Olympischen Winterspielen 1980 krönte er schließlich mittlerweile 39-jährig auf der berüchtigten Bahn von Lake Placid seine Karriere: Im Vierer steuerte er in seinem letzten Wettkampf mit Bahnrekord und fast einer Sekunde Vorsprung erneut zu Gold, seiner "wertvollsten Medaille", wie er sagt.

Erfolge als Nationaltrainer

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Meinhard Nehmer 2006.

Der Armeesportclub wollte den viermaligen Weltmeister, der vor allem wegen seines hervorragenden Auges für die ideale Fahrlinie und seine große Risikobereitschaft bewundert wurde, unbedingt als Trainer halten. Den gelernten Landwirt und Wettertechniker aber zog es zurück nach Rügen, um dort seine Armeezeit abzudienen. Die Wende beendete seinen Armeedienst vorzeitig. Nehmer, damals 50, wollte zurück in die Landwirtschaft. Doch die Genossenschaft existierte nicht mehr. Er wurde arbeitslos. "Einmal war ich beim Arbeitsamt, dann nie wieder...", erzählte er. Mit der Zimmervermietung in seinem Haus auf Rügen hielt er sich über Wasser. Beim Bob-Verband nachfragen, ob er nun doch als Trainer einsteigen könne, wollte er nicht. So kam ihm das Angebot, die US-Bobfahrer zu coachen, gerade recht. Er führte die USA 1993 zur ersten WM-Medaille seit 24 Jahren und zum Weltcup-Sieg. Nach zwei Jahren arbeitete er ebenfalls erfolgreich als Nationaltrainer für Italien (1993-2000), bevor er nach Deutschland zurückkehrte und als Assistent seines ehemaligen Anschiebers Raimund Bethge unter anderem an den Olympiasiegen von Christoph Langen und André Lange maßgeblich mitwirkte. 2006 trat er mit 65 in den Ruhestand.

Ein Bauer auf Rügen

Heute lebt Nehmer wieder auf Rügen - und bestellt auch als 72-Jähriger noch die Felder auf dem Hof, den er als einen "Ort der Ruhe" beschreibt. "Ohne Krach, ohne Lärm, morgens um fünf schön ein bisschen mähen - herrlich." Wie seine Eltern ernährt er sich als Bauer vom eigenen Boden in Varnkevitz. Seiner bewegten Vergangenheit hängt der dreifache Olympiasieger nicht nach: "Ich bin ein Mensch, der alles ausprobiert, um das mal gemacht zu haben. Aber ich will das nicht nochmal wiederholen. Trotzdem denke ich oft zurück." Der Blick zurück ist einer auf viele Titel, Medaillen - und eine außergewöhnliche Karriere, zu der Nehmer sich überreden lassen musste.

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Sportclub | 09.03.2014 | 23:35 Uhr