Stand: 09.06.2015 14:53 Uhr

Kirsten Bruhn: Der schwere Weg zum Gold

von Florian Neuhauss, NDR.de

Kirsten Bruhn ist seit einem Unfall 1991 querschnittsgelähmt. Ihr Schicksal traf die Eutinerin hart. Doch sie baute sich ein neues Leben auf und avancierte zu einer Ikone im Behindertensport.

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Jubel im Becken: Kirsten Bruhn schwimmt bei den Paralympics 2004 in Athen zu Gold.

Plötzlich hat alles einen Sinn. Als Kirsten Bruhn 2004 in Athen die Paralympics-Goldmedaille für ihren Sieg über 100 Meter Brust um den Hals gehängt bekommt und die Nationalhymne erklingt, kann es die querschnittsgelähmte Eutinerin selbst kaum glauben. "Es kann ja nun nicht sein, dass der schlimmste Tag deines Lebens die Ursache für den schönsten Tag deines Lebens wird", zweifelt die Ausnahmeathletin damals und heute. Doch genauso ist es. "Da hatte sogar der schreckliche Tag 1991 wieder einen Sinn." Den Emotionen lässt sie freien Lauf - und sich für ihre tolle Leistung gebührend feiern. In diesem Moment "hat sich alles wieder umgekrempelt, da war alles wieder gut".

Eine Ikone des Behindertensports

Eine folgenschwere Entscheidung

Als die Eutinerin 1991 mit ihrem damaligen Freund Urlaub auf der Insel Kos macht, will sie "einfach noch mal losgelöst und ohne Pflichten sein". Nach den Ferien beginnt das Studium. Zum Ende des zwölftägigen Griechenland-Aufenthalts will ihr Freund auf einem geliehenen Motorrad die Insel erkunden. Sie möchte lieber weiter "Sonne, Strand und Meer genießen". Und doch lässt sich die 22-Jährige schließlich überreden und fährt mit. Eine schicksalsträchtige Entscheidung: Auf dem Heimweg kommt das Paar von der Straße ab und stürzt. "Es dauerte ewig, bis so etwas wie ein Rettungswagen kam", erinnert sich Bruhn, die damals nicht mehr aufstehen konnte. Die Beine versagten ihr den Dienst. "Der Wagen war ein alter VW-Bus von der Bundeswehr, wo sie die Bänke rausgeschraubt hatten. Da haben sie mich reingelegt, an den Händen und Füßen getragen - wie ein Schwein. Die waren völlig überfordert."

Verzweiflung und der Wunsch zu sterben

Völlig überfordert fühlte sich kurz darauf auch Bruhn. Die Diagnose: inkomplett querschnittsgelähmt. Das Rückenmark war fast durchtrennt, nur noch Restfunktionen der Bewegung möglich. Die junge Frau, vor dem Unfall sportversessen und eine begeisterte Schwimmerin, kann sich ein Leben so nicht vorstellen. "Zu wissen, du wirst jetzt dein Leben aus dem Sitzen bestreiten, das waren Momente, in denen ich einfach nur die Augen zumachen und nie wieder aufwachen wollte", blickt die 1969 in Eutin geborene Bruhn zurück. Im Krankenhaus konnte sie durch die kleinen Fenster ihres Zimmers nur die Wolken sehen: "Und da habe ich mich hingewünscht."

"Das ist nicht der Weltuntergang"

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Ikone des Behindertensports: Kirsten Bruhn.

Der Weg war lang, "wahrzunehmen und zu realisieren, dass das nicht der Weltuntergang ist. Ich habe mich dazu entschieden, mit dem zu arbeiten, was noch möglich ist. Das war der einzige Weg, um wieder lebenslustig zu werden." Bis zu jenem Schlüsselerlebnis im Sommer 2004 in Athen verging aber noch viel Zeit. Durch ehemalige Schwimmkameraden fand sie zunächst die Kraft, wieder in ihr sportliches Element zurückzukehren: "Im Wasser fühle ich mich wohl und lebendig." An Wettkämpfen teilzunehmen, "sich mit Stolz zu präsentieren, war aber nochmal ein ganz anderer Schritt". 2002 nahm sie dann all ihren Mut zusammen, schon ein Jahr später wurden die Paralympics Thema und Antrieb.

Karriereende wegen kaputter Schulter

Fast zehn Jahre später ist Bruhn eins der bekanntesten Gesichter des Behindertensports weltweit. Etliche Siege bei Europa- und Weltmeisterschaften, zahlreiche Europa- und Weltrekorde sowie gleich drei Teilnahmen an Paralympischen Spielen (Bilanz: dreimal Gold, viermal Silber, viermal Bronze) haben ihr auch viele Auszeichnungen beschert: Mehrfach wurde sie deutsche Behindertensportlerin des Jahres und mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet. 2012 erhielt sie den Bambi, im Jahr darauf wurde sie bei der Wahl zu den Sportlern des Jahres mit dem Sonderpreis als Vorbild im Sport geehrt. 2014 ist aber Schluss. "Meine rechte Schulter ist kaputt. Die Schmerzen sind es mir nicht wert", erklärt die Athletin, die sich nun ganz auf ihre Aufklärungs-Arbeit über Behinderungen für das Unfallkrankenhaus Berlin und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung konzentrieren will.

"Ich werde es im Leben nie akzeptieren"

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"Ich arrangiere mich mit der Situation", sagt die Eutinerin.

Bruhn hat sich an ihr Handicap gewöhnt - mehr aber auch nicht. Sie weiß: "Es wird nie wieder so wie vorher sein." Die Haltung vieler anderer Behindertensportler kann sie nicht teilen: "Einige sagen, es geht ihnen besser als vor der Behinderung. Die nehmen das sofort an - und ich denke dann, was ich doch für eine Weichmurmel bin, weil ich die Schwerelosigkeit vermisse", sagt die Schleswig-Holsteinerin: "Aber ich frage mich auch, auf welcher Droge die jetzt gerade schweben." Sie sei ein zufriedener Mensch und auch phasenweise glücklich. "Aber ich gebe auch gerne zu, dass ich mir diese Erfahrung gerne erspart hätte. Das wird auch immer so bleiben. Ich arrangiere mich mit der Situation. Aber ich werde es im Leben nie akzeptieren, weil das Leben ohne Behinderung einfach unbeschwerter war."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.03.2014 | 23:35 Uhr

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