Stand: 15.07.2017 12:45 Uhr

Jan Ullrich: Vom Aufsteiger zum Aussteiger

von Johannes Freytag, NDR.de

Jan Ullrich war erst Held, dann tragische Figur: Der Rostocker löste mit seinem Sieg bei der Tour de France 1997 einen Radsport-Boom in Deutschland aus. Später wurde Ullrich des Dopings überführt, bis heute hat er aber nicht die Einnahme verbotener Substanzen zugegeben.

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Deutschlands einziger Tour-de-France-Sieger: Jan Ullrich.

Jan Ullrich hatte einen Status erreicht wie nur wenige deutsche Sportler vor ihm. Nach dem Sieg 1997 und den folgenden zweiten Plätzen bei der Tour de France lagen ihm alle zu Füßen: Wirtschaftsbosse wie Ron Sommer, Politiker wie Rudolf Scharping und letztlich das ganze Land, das sich plötzlich als Radsportnation empfand. Dann kamen der Dopingverdacht, das Tour-Aus, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und schließlich die Erkenntnis: "Ullrich hat gedopt." Hartnäckig wies der gebürtige Rostocker das zurück. Sein Dauer-Statement lautete: "Ich habe niemanden betrogen." Doch die Beweislast ist erdrückend, schließlich rang sich Ullrich zumindest ein Minimalgeständnis ab: "Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen." Dies ist die Geschichte eines Sportlers, der erst in den Himmel gelobt und dann zum Teufel gejagt wurde.

Jan Ullrich: Tiefer Fall eines Radsport-Idols

Vom DDR-Jugendmeister zum Telekom-Profi

Jan Ullrich, am 2. Dezember 1973 in Rostock geboren, kommt bereits in seiner frühen Kindheit mit dem Radsport in Berührung. Als Neunjähriger gewinnt er sein erstes Rennen für die SG Dynamo Rostock auf einem geliehenen Rad und in Turnschuhen. Mit 13 kommt das große Talent in die Kinder- und Jugendsportschule nach Berlin, wird DDR-Jugendmeister. Dann fällt die Mauer. 1992 holt ihn der Hamburger Gebrauchtwagenhändler Wolfgang Strohband in sein Rad-Team, mit 19 wird Ullrich Amateur-Weltmeister, anderthalb Jahre später, am 1. Januar 1995, erhält er einen Profivertrag im Team Telekom.

Tour-Sieg bei zweiter Teilnahme

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Jan Ullrich auf dem Siegertreppchen der Tour de France 1997. Neben ihm der Zweitplatzierte Richard Virenque (l.) und der Drittplatzierte Marco Pantani (r.).

Bei seiner ersten Tour de France im Jahr 1996 erreicht Ullrich, neben seinem ersten Sieg bei einer Tour-Etappe im letzten Zeitfahren, den zweiten Platz hinter seinem dänischen Teamkollegen Bjarne Riis. Loyal arbeitet Ullrich für seinen Team-Kapitän, obwohl viele meinen, dass er der stärkere Fahrer sei. Ullrich bringt Riis mit dem Zeitfahr-Coup auf der vorletzten Etappe sogar noch ein wenig in Bedrängnis, als er den Rückstand im Klassement von 3:59 auf 1:41 Minuten verkürzt. Der Däne gibt 2007 zu, bei seinem Tour-Erfolg gedopt gewesen zu sein. 1997 startet Ullrich erneut als Edelhelfer für Riis, doch diesmal wird der Machtwechsel vollzogen. Die entscheidende Etappe nach Andorra ist Radsportgeschichte: Ullrich dreht sich immer wieder nach Riis um, bis der schließlich erschöpft nickt. Und der Deutsche fährt einfach los, gewinnt die Etappe und holt sich das Gelbe Trikot. Ebenso legendär ist die spätere Aufbauhilfe von Udo Bölts, der in den Vogesen dem schwächelnden 23-Jährigen ein "Quäl Dich, Du Sau" zuruft. Mit Erfolg: Als erster deutscher Radprofi gewinnt Ullrich die Tour de France.

Der menschliche Ullrich

Deutschland erlebt in den folgenden Jahren einen Radsport-Boom. Im Jahr seines Toursieges gewinnt Ullrich auch die Cyclassics in Hamburg. Was ihn zum Star macht, ist seine normale, menschliche Art: Er isst gern Torte, trinkt gern Rotwein und lässt es sich auch sonst im Winter gern gut gehen. Die Pfunde speckt er für den Sommer mit Gewaltkuren ab. Ullrich ist Leistungssportler und Müßiggänger. Leben und leben lassen: Ullrich ist großzügig - was das Geld betrifft, das er im Übermaß verdient, aber auch sonst. Es lässt sich kein Mitfahrer von damals finden, der nicht von ihm schwärmt. Er behandelt jeden korrekt, kehrt nie den Boss heraus, setzt niemanden unter Druck, er ist ein freundlicher Chef, der zur Not die Drecksarbeit selbst macht, wenn die anderen zu schwach dafür sind.

Der übermenschliche Armstrong

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Jan Ullrich (r.), der "ewige Zweite" hinter dem siebenfachen Toursieger Lance Armstrong.

Ullrich ist zudem auch mit seinen zweiten Plätzen bei der Tour zufrieden. Aber die Nation will mehr. Sie will noch mehr Siege sehen, doch plötzlich radelt Lance Armstrong mit, die unschlagbare texanische Rennmaschine. Sieben Mal in Folge - von 1999 bis zu seinem Rücktritt 2005 - entscheidet der Amerikaner die Tour de France für sich und lässt dabei seinen Kontrahenten keine Chance. Die Siege, vor allem die überlegene Art und Weise, wie Armstrong sie herausfährt, werden von Anfang an kritisch beäugt. Der Doping-Verdacht fährt immer mit. Doch dem Texaner kann nichts nachgewiesen werden - erst im Oktober 2012 ist die Beweislast so erdrückend, dass Armstrong unter anderem alle sieben Tour-Titel aberkannt werden. Im Januar 2013 gibt er das jahrelange Doping zu.

Dieses Thema im Programm:

Sport aktuell | 02.12.2013 | 06:25 Uhr