Stand: 12.08.2017 10:39 Uhr

Dr. Müller-Wohlfahrt vertrauen (fast) alle

Doktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist der bekannteste Sportmediziner der Welt. Die Methoden des gebürtigen Ostfriesen sind einmalig - sorgen aber auch immer wieder für Kritik. Heute feiert er seinen 75. Geburtstag.

Bild vergrößern
Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt im Einsatz für den FC Bayern München.

Die Liste seiner prominenten Patienten ist lang: Zu Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt kommen die Größen aus dem Showbusiness und Sport. Der Doktor hat seine eigene Praxis in München und ist seit Jahren mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft unterwegs. Die meisten Menschen verbinden ihn aber wohl eher mit seiner Funktion als Mannschaftsarzt des FC Bayern München, auch wenn er beim Rekordmeister seit April 2015 nicht mehr tätig ist. "In der Erkennung von Muskelverletzungen, aber auch vielen anderen Verletzungen ist er ein Genie", sagt Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger meint: "Für mich ist er ein Phänomen." Und besonders Sprintstar Usain Bolt wird nicht müde, den Arzt seines Vertrauens zu loben. "Er ist eine faszinierende Persönlichkeit, hat ein großes Herz und ist ein wundervoller Arzt. Er hat so viel für mich getan", betont der jamaikanische Sprinter, der sich seit seinem 18. Lebensjahr von "Mull" behandeln lässt. Sein Olympia-Gold widmete er Müller-Wohlfahrt, seine Weltrekordschuhe schenkte er ihm auch.

Arzt oder Pfarrer?

Müller-Wohlfahrt wird am 12. August 1942 während eines Luftangriffs in Leerhafe geboren, das heute Stadtteil von Wittmund ist. "Ich bin Ostfriese und stolz drauf", unterstreicht der wohl bekannteste Sportmediziner der Welt. Sein Vater Diedrich ist Pfarrer und wünscht sich, dass der jüngste seiner drei Söhne eines Tages seine Gemeinde in Ostfriesland übernehme - mit allem, was dazu gehört. "Es war für mich unbegreiflich, wie der sich eingesetzt hat", sagte Müller-Wohlfahrt dem NDR Sportclub. Der Benjamin will allerdings lieber Arzt werden und verfolgt seine Pläne - auch wenn der Vater diesen Wunsch nach schlechten Erfahrungen mit den "Göttern in Weiß" ablehnt und den Sohn während des Studiums in Kiel und Innsbruck nicht unterstützt. "Heute verstehe ich ihn, alles wunderbar. Aber damals war ich enttäuscht und böse", blickt er zurück. Noch bevor sich der Sohn als Arzt beweisen kann, erliegt der Vater seinem dritten Herzinfarkt.

"Müller-Wohlfahrt hat die Syndesmose erfunden"

Bild vergrößern
Der Doktor (v.l.) mit Superstar Mario Götze und Bundestrainer Joachim Löw.

Die Karriere des Jüngsten nimmt schnell Fahrt auf. Er absolviert eine Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie am Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin und ist von 1975 bis 1977 Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, bevor ihn die Bayern abwerben. "Das war in den erfolgreichen 70er-Jahren, wer kann da widerstehen?", fragt Müller-Wohlfahrt und macht sich schnell einen Namen. Hoeneß, der 1979 Manager beim FCB wird, braucht für seine ehrgeizigen Pläne auch eine sehr gute medizinische Abteilung und vertraut dem "Mull" blind: "Von der Syndesmose hatte ich vorher nie gehört. Ich hatte das Gefühl, der Müller-Wohlfahrt hat die erst erfunden." Das Besondere an dessen Untersuchung von Muskulatur und Sehnen ist, dass er sich mit geschlossenen Augen auf seine Hände verlässt: "Ich sehe und höre nichts, und konzentriere mich ganz auf die Fingerkuppen. Ich vertraue meinen Händen mehr als dem Kernspin oder dem Ultraschall." Der Arzt hat aus der Not eine Tugend gemacht, schließlich gibt es auf dem Spielfeld auch keine Geräte, "und trotzdem muss ich Trainer, Manager und Spieler immer sofort sagen können, was der Spieler hat und wie lange es dauert, bis er wieder spielen kann".

Ärger nach Verletzung von Robben und Thiago

Doch in der Branche wird Müller-Wohlfahrts Arbeit auch kritisch gesehen. Das liegt zum Einen daran, dass sich seine Diagnosen mit den medizinischen Geräten nicht beweisen lassen. "Ich habe Dinge gefunden, die im Röntgen, Kernspin und Ultraschall nicht zu sehen sind", erklärt der Arzt. Besonderen Ärger löst 2010 Müller-Wohlfahrts Untersuchung von Arjen Robben aus. Der Niederländer kommt verletzt von der Nationalmannschaft zurück. Müller-Wohlfahrt wirft seinen Kollegen bei der "Elftal" Verantwortungslosigkeit vor. Sie hätten Robbens Einsatz erlaubt, obwohl dieser schon zuvor verletzt gewesen sei. Die Niederländer wiederum weisen jede Schuld von sich und meinen, der Bayern-Profi habe sich erst im Spiel verletzt. Es folgt ein wochenlanger Streit - auch über die Medien. Verein und Verband verständigen sich schließlich auf ein Freundschaftsspiel in München.

2015 kommt es zum großen Knall mit dem damaligen Bayern-Coach Pep Guardiola. Der Star-Trainer und der Bayern-Arzt überwerfen sich, weil sie häufig unterschiedlicher Auffassung darüber sind, wann Spieler wieder einsatzbereit sind. Zudem hatte Guardiola Müller-Wohlfahrt düpiert, indem er Thiago eigenmächtig zur Behandlung einer Knieverletzung nach Spanien geschickt hatte. Müller-Wohlfahrt zieht schließlich die Konsequenzen und wirft seinen Job bei den Bayern im April 2015 hin.

Doping? Großer Ärger wegen Medikament

Bild vergrößern
So kennen ihn die Fußball-Fans: Müller-Wohlfahrt rennt über den Platz.

Andererseits steht Müller-Wohlfahrt wegen des Verkaufs von teilweise nachgewiesen wirkungslosen Nahrungsergänzungsmitteln und noch viel mehr wegen der Verwendung des Medikaments Actovegin unter Beschuss. Das Mittel wird aus Kälberblut extrahiert und wurde zuletzt immer wieder in Verbindung mit Doping genannt, weil es zur Förderung der Regeneration und des Sauerstofftransports im Blut eingesetzt worden ist. Der Pressesprecher der Firma Takeda, die das Medikament in Deutschland bis Ende 2008 unter dem Namen Nycomed verkaufte, sagte der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" ("WAZ") im Mai 2013: "Allgemein ist Actovegin indiziert für die Behandlung neurologischer Störungen nach Schlaganfällen. Jeder Einsatz zur Leistungssteigerung ist außerhalb der Indikation und damit nicht zugelassen. Dazu zählt auch die Behandlung von Muskelverletzungen." In Deutschland darf das Mittel nur zur Unterstützung der Wundheilung in den Muskel gespritzt werden. Wird Actovegin, das überhaupt nur noch in wenigen Ländern verkauft wird, intravenös verabreicht, ist es Doping. Bei Müller-Wohlfahrt, der betont, sich jährlich das Okay von der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) zu holen, gehört Actovegin zur Standardbehandlung. Beim Fernsehsender "ESPN" nannte der Chef der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur, Travis Tygart, den sehr häufigen Einsatz von Actovegin durch Müller-Wohlfahrt "ein Frankenstein-Experiment". Die "WAZ" hat bereits mehrere Artikel unter dem Motto "Hinter der Fassade des Wunderheilers" veröffentlicht.

Dem Ruf des "Mull" konnten diese Vorwürfe bisher praktisch nichts anhaben. Er arbeitet auch mit 75 weiter für die deutsche Nationalmannschaft und auch Spieler des FC Bayern suchen die Praxis des bekanntesten deutschen Sportarztes immer noch auf.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 08.09.2013 | 23:15 Uhr