Stand: 23.10.2011 15:16 Uhr  | Archiv

Der Wahl, der aus dem Wasser kam

von Hanno Bode, NDR.de

Frank-Michael Wahl war ein talentierter Schwimmer. Nicht aber im Becken, sondern auf dem Handball-Parkett machte der Rostocker Karriere. Mit 344 Länderspiel-Einsätzen ist er deutscher Rekord-Nationalspieler. 1980 gewann er mit der DDR Olympia-Gold.

Frank-Michael Wahl (r.) im Trikot der DDR, mit der er 1980 Olympia-Sieger wurde.

Frank-Michael Wahl reißt sich sein verschwitztes Trikot vom Oberkörper, dann wirft er die Arme in die Luft. Ein paar Sekunden starrt der Ausnahme-Handballer an die Decke des Sokolniki-Palasts in Moskau, bevor ihn sein Mannschaftskamerad Hartmut Krüger (SC Magdeburg) in die Höhe stemmt. Am 30. Juli 1980 sind der Rückraum-Star vom SC Empor Rostock und die Nationalmannschaft der DDR am Ziel ihrer Träume. Durch einen sensationellen 23:22-Erfolg nach Verlängerung über Gastgeber UdSSR hat sich das Team Olympia-Gold gesichert. Für Wahl, der im Endspiel fünf Tore wirft, kommt der Sieg "völlig überraschend", wie er noch heute betont. Doch nicht nur des Olympia-Triumphs wegen ist der gebürtige Rostocker eine lebende Handball-Legende. Mit 344 Länderspiel-Einsätzen ist er Rekordnationalspieler, seine insgesamt 1.412 Tore für die deutschen Auswahl-Teams sind ebenfalls unerreicht. Und mit Empor Rostock wird Wahls Name ohnehin immer verbunden werden. 17 Jahre lang trug der 1,90-Meter-Hüne das Jersey des mecklenburgischen Traditionsvereins.

Aus dem Becken aufs Parkett

Dabei hatte der am 24. August 1956 geborene Wahl zunächst eine andere sportliche Laufbahn eingeschlagen. Er fühlt sich im Wasser wohler als auf dem Parkett und zieht lieber im Becken Bahnen als aufs Tor zu werfen. Seine Schwimmkarriere beginnt durchaus verheißungsvoll. Wahl gewinnt bei diversen Veranstaltungen Medaillen und wird sogar DDR-Jugendmeister über 100 Meter Delphin. Anschließend stagnieren seine Leistungen jedoch. Er kommt zu der Einsicht, für den Sport zu unbeweglich zu sein und wechselt in die Handball-Abteilung von Empor. Hier rufen sie den Mann, der aus dem Wasser kam, "Potti". Wegen seines Nachnamens. Der Quergedanke ist zwar orthografisch unkorrekt, aber offenbar nicht zu verhindern: Pott-Wahl. Deshalb "Potti".

Erfolge und ein verschwiegenes Angebot

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Wahl (l.) führte Empor Rostock zu zwölf Titeln.

Sehr bald aber hat Wahl mehr als einen despektierlichen Spitznamen: den Respekt seiner Mitspieler und der Anhänger. In Rostocks Nachwuchsmannschaft avanciert er rasch zum überragenden Rückraumspieler und wird für die Jugendauswahl der DDR nominiert. Auch der Sprung ins Oberliga-Team von Empor gelingt ihm 1975 reibungslos. Mit seiner "rechten Klebe" verbreitet "Potti" bei den Kontrahenten der Mecklenburger Angst und Schrecken und führt den Club zu ungeahnten Höhenflügen. Drei Meisterschaften, sieben Pokalerfolge sowie der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger und der Vereins-Europameisterschaft (jeweils 1982) fallen in die Ära Wahls. Auf einen solchen Ausnahmespieler werden zwangsläufig die europäischen Topclubs aufmerksam. 1985 will der FC Barcelona den Empor-Star um jeden Preis verpflichten. Gerüchten zufolge sollen die Katalanen bereit sein, 1,5 Millionen DM für den Torjäger zu bezahlen. Doch Wahl wird erst nach dem Mauerfall von der Offerte erfahren. Die DDR-Offiziellen verschweigen ihm das lukrative Vertragsangebot. "Das hat mir die Partei kaputt gemacht", schimpft er später.

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