HSV Hamburg: Schlingerkurs auf Europas Thron
Erst Negativ-Schlagzeilen, dann Meister und nun Champions-League-Sieger: Das ist der HSV Hamburg. mehr
Der wichtigste Pokal in Händen des HSV: die Champions-League-Trophäe.
Zehn Kilogramm schwer ist die Trophäe der Champions League. Doch als die Handballer des HSV Hamburg sie liebkosten, sie durch die Luft wirbelten und in die Höhe reckten, schien sie leicht wie eine Feder zu sein. Die Hanseaten jubelten, sie bewegten sich auf einer Euphorie-Welle, sie hatten gerade etwas Großartiges geleistet und eine bis dahin eher mäßige Saison mit einem absoluten Paukenschlag gekrönt. Nach der souveränen Meisterschaft von 2011 feierten die Mannen von Trainer Martin Schwalb den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Einer, der überraschend kam, einer, der deshalb wie ein Märchen wirkte. Nach insgesamt 70 Minuten hatte Torwart Johannes Bitter mit seinen letzten Paraden den Triumph gesichert. Zuvor hatte Königsklassen-Torschützenkönig Hans Lindberg den 30:29-Endstand gegen den FC Barcelona markiert - per Siebenmeter. "Ich hatte ein gutes Gefühl, dass ich das Tor machen würde", strahlte der Rechtsaußen. "Ich bin so müde, zugleich aber auch so stolz."
Es war eine erstaunliche Saison des HSV, das wusste der Däne. In Anlehnung an ein berühmtes Märchen aus seiner Heimat könnte man auch sagen: Das hässliche Entlein von der Alster hat sich zum stolzen Schwan der Königsklasse gemausert. Zur Erinnerung: Anfang September hätten die Hamburger beim Wild-Card-Turnier im französischen Saint Raphael um ein Haar die Hauptrunde der 24 europäischen Top-Clubs verpasst. Erst in der Verlängerung setzten sie sich gegen den Gastgeber durch. Nun stand dasselbe Team auf dem Podest von Köln. Aber es war nicht mehr die gleiche Mannschaft wie vor knapp neun Monaten. "Seitdem hat sich viel verändert. Bis Weihnachten hatten wir eine schwierige Zeit. Viele wussten nicht, ob sie zu einem anderem Verein wechseln sollten", verriet Lindberg. "In der Januar-Pause haben wir uns gefunden und danach eine unglaubliche Stabilität erreicht."
Das HSV-Märchen ließ sich am Sonntag um ein weiteres Kapitel ergänzen. Michael Kraus saß im Halbfinale gegen den THW Kiel nur auf der Bank - und auch in den ersten 30 Minuten des Endspiels. Nicht verwunderlich angesichts der starken Vorstellung der anderen Rückraum-Akteure am Vortag. "Dennoch hatte ich am Samstagabend irgendwie das Gefühl, dass ich mich besonders auf Barcelona vorbereiten sollte", erklärte der 29-Jährige. "Fünf Minuten vor der Pause sagte dann wirklich Martin Schwalb zu mir: Mach' dich warm, wir brauche deine Fähigkeiten in Eins-gegen-eins-Situationen!" Kraus kam, traf wie einst beim deutschen "Wintermärchen", dem WM-Sieg 2007, und siegte. "Es lief für mich ja nicht immer rund, aber dieser Erfolg hat für so manches entschädigt", freute sich der oft kritisierte Kraus. Im Sommer zieht es den Mittelmann zurück in seine Heimat, zu FA Göppingen.
Neben seinem furiosen Auftritt und den Glanztaten von Bitter wird vor allem der Weltklasse-Auftritt von Domagoj Duvnjak den HSV-Fans in bester Erinnerung bleiben. Im Halbfinale gegen Kiel ragte der junge Kroate aus einem starken Team sowohl im Angriff als auch in der Abwehr heraus. Ein enormer Kraftaufwand, der gegen Barcelona zu spüren war. "Gestern um 18 Uhr gespielt, jetzt schon wieder, das ist eigentlich unmöglich. Aber die Chance, die Champions League zu gewinnen, bietet sich nicht allzu oft. Da gibt man einfach nur alles", sagte Duvnjak. Er biss auf die Zähne und eröffnete die Verlängerung gegen Barcelona mit zwei ganz wichtigen Toren.
Frust bei Filip Jicha (l.) und Marko Vujin nach der Niederlage gegen Hamburg.
In diesem Moment war der THW Kiel bereits auf der Rückreise. Die so erfolgsverwöhnten Kieler hatten nicht nur die Titelverteidigung und damit das zweite Triple in Serie verpasst, sondern nach einer indiskutablen Leistung im ersten Durchgang gegen Polens Meister Kielce sogar den dritten Rang. "Ich habe lange keine so traurige Mannschaft mehr beim Frühstück gesehen", verriet Rückraum-Ass Filip Jicha die Kieler Seelenlage nach dem Halbfinal-Aus. "Diese Traurigkeit war dann auch im Spiel gegen Kielce zu sehen." Unter dem Strich bleibt: Der THW 2013 war wieder verdammt stark, aber nicht so genial wie 2012. "An diesem Wochenende haben wir die Leistung nicht gebracht", bilanzierte THW-Coach Alfred Gislason knapp. "Es war dennoch eine starke Saison, die wir feiern werden. Aber bestimmt nicht heute."
Im Mittelpunkt stand am diesen Sonntag der HSV. "Man muss ehrlich zugeben: Wir hatten nicht den größten Druck", spielte Bitter auf die Außenseiter-Rolle an. In den Siegerschampus tröpfelte allerdings ein fader Beigeschmack: wegen des nicht präzise formulierten Regelwerks der Europäischen Handball-Föderation. Denn es ist nicht ganz klar, ob und auf welche Weise die Hanseaten in die nächste Champions League gelangen. Aus EHF-Kreisen waren unterschiedliche Äußerungen zu hören: Als deutscher Vertreter im Wild-Card-Turnier - allein oder gemeinsam mit dem Bundesliga-Vierten Füchse Berlin - oder dank eines Sonderpassus' im Reglement sogar ins Hauptfeld. Dass die Hanseaten in die Champions League gehören, ist nach dem rauschenden HSV-Märchen vom Wochenende allerdings keine Frage.