Der Rekordmeister von der Förde
Volle Halle, Stars en masse, Titel im Abonnement - das ist der THW Kiel. mehr
Vier große Kieler (v.l.) gehen: Marcus Ahlm, Thierry Omeyer, Daniel Narcisse und Momir Ilic.
Die Übergabe der Meisterschale geriet zur Nebensache. Ein Star-Quartett, das zusammen 25 Dienstjahre auf dem Buckel hat, hat auch der THW Kiel noch nie verabschiedet. Opernhafte Passagen, Lichteffekte, humorvolle Video-Einblendungen, schöne Worte und feuchte Augen prägten eine spontane Gala. Marcus Ahlm (seit 2003), Thierry Omeyer (seit 2006), Momir Ilic (seit 2009) und Daniel Narcisse (seit 2009) bestritten letztmals ein Heimspiel vor den 10.000 Zuschauern in der Kieler Arena. Spätestens am gestrigen Mittwoch registrierten die THW-Fans: Eine Ära endet, ein großer Umbruch steht ins Haus.
"Bislang hatte ich mich immer auf die nächste Aufgabe konzentriert, doch jetzt in der letzten Woche herrscht bei mir Wehmut", bekannte Kreisläufer Ahlm. Im Gegensatz zu den drei anderen prominenten Abgängen saß der Kapitän fast durchgängig auf der Bank. Eine Oberschenkel-Verletzung ließ nicht mehr zu. Es hatte schon nostalgischen Züge, als der Schwede 110 Sekunden vor dem Abpfiff eingewechselt wurde und kurz darauf seinen überhaupt erst zweiten Siebenmeter im THW-Trikot verwandelte. Bereits in der kommenden Woche wird der34-Jährige mit seiner Familie nach Malmö ziehen, wo seine berufliche Zukunft auf der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Sport liegen wird. Mitte August wird Ahlm aber noch einmal nach Kiel zurückkehren: Dann gibt es speziell für ihn eine gesonderte Abschiedszeremonie, dann wird sein Konterfei unter dem Hallendach neben weiteren Handball-Legenden, die eine Dekade oder mehr das Gesicht des THW bestimmten, auftauchen.
Das große Plakat von Thierry Omeyer in der Arena des THW Kiel.
Mit einem immerhin halb so großen Plakat (für sieben Jahre Vereinszugehörigkeit) wurde Omeyer gewürdigt. Der Club machte keine Ausnahme, obwohl der Torwart in dieser "kurzen" Zeit 21 Titel mit den "Zebras" sammelte und sie im französischen Nationaldress mit Olympia- und Weltmeisterschaftssiegen bereicherte. "Es hat in Kiel noch besser gepasst, als ich es mir vorher ausgemalt hatte", sagte der 36-Jährige. Er wird seine Karriere in Montpellier ausklingen lassen. Auch Landsmann Daniel Narcisse kehrt nach Frankreich zurück, wechselt zum neuen Meister Paris St. Germain. Momir Ilic geht zukünftig für den ungarischen Champion Veszprém auf Torejagd. "Als ich vor vier Jahren nach Kiel kam, war ich heiß darauf, Titel zu gewinnen - das habe ich geschafft", erklärte der Serbe zum Abschied.
Alfred Gislason beobachtete den offiziellen Akt mit etwas Abstand von der Bank aus. "Heute steht der Abschied im Vordergrund", sagte der Trainer, fügte aber hinzu: "Nach fünfeinhalb Wochen Pause werden wir an der neuen Mannschaft arbeiten." Ob es allerdings so erfolgreich weitergeht wie bislang, steht in den Sternen. Von den drei Neuzugängen bringt lediglich der 26 Jahre alte schwedische Keeper Johan Sjöstrand Bundesliga-Erfahrung (2009/10 in Flensburg) mit. Der 21-jährige Däne Rasmus Lauge und der ein Jahr ältere Tunesier Wael Jallouz frischen den Rückraum auf. Am Kreis mischten die Ahlm-Nachfolger René Toft Hansen und Patrick Wiencek bereits in dieser Spielzeit mit. "Man sollte den Neuen die Chance bieten, sich zu beweisen", riet Routinier Ahlm und fügte hinzu: "Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft des THW " Ins selbe Horn stieß Narcisse: "Der THW ist ein Verein bei dem alles funktioniert - auch außerhalb des Spielfelds. Und die Stadt lebt für den Handball." Das unterstrich auch die ohne große Vorankündigungen aufgezogene Abschieds-Gala am Mittwochabend.