Stand: 08.03.2016 09:17 Uhr

Kiels Nothelfer Jansen - bald wieder beim HSV?

von Christian Görtzen, NDR.de
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Für den THW Kiel kam Torsten Jansen wegen Wadenproblemen monatelang nicht zum Einsatz.

Nun also noch einmal Ungarn. Szeged, um genau zu sein. Die 162.000-Einwohner-Stadt, die es mit einer besonders pikanten Zubereitung von Gulasch zu Berühmtheit gebracht hat, liegt auf der Reiseroute von Torsten Jansen, dem 39 Jahre alten Linksaußen des Handball-Rekordmeisters THW Kiel. Das Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League beim ungarischen Vizemeister ist eine der letzten Stationen einer Profikarriere, die als Höhepunkt ohne Frage den Gewinn der Weltmeisterschaft 2007 in Deutschland ausweist. Der gebürtige Rheinland-Pfälzer ist auf einmal wieder eine ernsthafte Option für THW-Trainer Alfred Gislason, dabei schien genau das über Monate hinweg wegen einer Wadenblessur so weit entfernt. "Es war eine schwierige Sache mit der Wade, weil man nicht genau wusste, was es ist. Es dauert, bis sich so ein Nerv akklimatisiert hat. So langsam geht es", sagte Jansen nach dem 39:32-Sieg im Testspiel gegen den Schleswig-Holstein-Ligisten HSG Ostsee am vergangenen Wochenende. Er genießt es, überhaupt wieder dabei zu sein im Kreis der Mannschaft. Wenn es dann auch noch mit dem Spielen klappt - umso besser.

Monatelang nur Individual-Training

Während die Teamkollegen in höchstem Tempo über das Spielfeld jagten, saß Jansen zuletzt auf der Tribüne und schaute ihnen bei ihrer Arbeit zu. Sein Alltag bestand aus individuellen Einheiten, Kraftübungen, Reha, Arzt- und Physiotherapeutenbesuchen. Der THW hat den gebürtigen Adenauer im Sommer 2015 für eine Saison unter Vertrag genommen. Dies kam schon einigermaßen überraschend, hatte der abwehrstarke frühere Nationalspieler (178 Einsätze) doch schon in den vergangenen Spielzeiten beim HSV Hamburg immer wieder mit Verletzungen zu tun gehabt. Gislason sah in ihm aber den idealen Ersatzmann für den verletzten Linksaußen Dominik Klein (Kreuzbandriss) sowie als erfahrenen Tippgeber für den zu dem Zeitpunkt noch unerfahrenen Rune Dahmke.

Der Kader des THW Kiel für die Serie 2015/2016

Surreales Champions-League-Comeback

Durch die rasante Entwicklung des 22-jährigen Dahmke kann Jansen das Training auch künftig wohl dosieren. Denn er weiß: "Mit einer hohen Belastung werden die Wadenprobleme wohl wiederkommen." Der Vater von vier Kindern muss zum Ende seiner Profi-Zeit gut in den eigenen Körper hineinhorchen und die schönen Augenblicke genießen. So wie vor zwei Wochen, als er im Spiel bei Besiktas Istanbul sein Champions-League-Comeback gab und nach einem Tempo-Gegenstoß das Tor zum 32:27-Endstand erzielte. Es war ein surreales Erlebnis. Da kam Jansen nach Monaten der Ungewissheit und der Schufterei im Training gleich in der Königsklasse zum Einsatz, und dann wirkte es angesichts von vielleicht 200 Zuschauern in der 15.000 Zuschauer fassenden Arena fast wie ein Testspielchen. "Ich musste mir sagen: 'Das ist ein normales Spiel.' Und so bin ich dann auch an die Sache herangegangen. Ich war froh, dass ich spielen durfte, dass ich treffen konnte. Das war ein schönes Gefühl.“

Hinspiel in Szeged am 20. März

Im Vergleich dazu war die Gogenkrog-Halle der HSG Ostsee im holsteinischen Neustadt mit ihren 750 Zuschauern, die entspannt und bestens gelaunt den Auftritt des THW verfolgten, ein Tollhaus voller Handball-Verrückter. Wenn Kiel auf Szeged trifft, dürften es ein paar Tausend sein. Das Hinspiel beim ungarischen Vizemeister findet am 20. März statt, das Rückspiel bereits drei Tage später. Die Bundesliga-Partie gegen Lübbecke wurde deshalb auf den 4. Mai verlegt.

Aufbauhelfer beim HSV Hamburg?

Das Pendeln zwischen Istanbul, Kiel, Neustadt und Szeged hat für Jansen bald ein Ende. Nach dem letzten Bundesliga-Spieltag am 5. Juni beendet er seine Karriere und hat dann viel Raum für neue Betätigungsfelder. Sehr häufig wird sein Name mit dem Projekt des Neuaufbaus beim HSV Hamburg in Verbindung gebracht. Sein ehemaliger Mitspieler Stefan Schröder, der derzeit für die U23 spielt, setzt auf Jansens Rückkehr nach dieser Saison. Ex-Trainer Martin Schwalb ist ebenfalls schon an Bord. Der 52-Jährige soll mit seiner Prominenz in Hamburg Sponsoren gewinnen, die unerlässlich dafür sind, dass es mit dem Oberliga-Tabellenführer HSV Hamburg über die Dritte Liga hinaus weiter nach oben geht. "Es muss jetzt erst einmal das Gerüst aufgebaut werden", sagte Jansen. "Wenn das steht, werden wir uns an einen Tisch setzen und darüber sprechen. Es ist noch nichts unterschrieben, aber natürlich würde ich gerne mithelfen."

"Zukunftsmusik, wenngleich nahe"

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Torsten Jansen spielte von 2003 bis 2015 beim HSV Handball.

Seine ganze Konzentration gilt aktuell den Aufgaben in Kiel, damit es in dieser Saison noch den Gewinn der Meisterschaft oder der Champions League zu feiern gibt. Im Hinblick auf den HSV Hamburg spricht er "von Zukunftsmusik, wenngleich von naher. Ich wohne mit meiner Familie in Hamburg, war lange Zeit beim HSV als Spieler aktiv. Natürlich ist es etwas Besonderes, wenn man dort, wo man viele Erfolge gefeiert hat und wo man zu Hause ist, auch etwas mit aufbauen kann. Da werden wir dann herangehen." Ob dann auch seine ehemaligen Mitspieler Johannes Bitter (Stuttgart) und Matthias Flohr (Skjern Handbold), die beide Halbjahresverträge bis zum Sommer besitzen, mit dabei sein werden, könne er nicht sagen. Womöglich könnte sich auch bei Pascal Hens etwas ergeben. Der Rückraumspieler hat zwar einen Vertrag bis zum 30. Juni 2017 beim dänischen Club HC Midtjylland unterschrieben. Darin ist laut Hens aber eine Ausstiegsklausel enthalten. Jansen: "Man wird sehen, wie das bei den anderen aussieht. Da bin ich aber nicht involviert. Es ist mit Sicherheit vieles denkbar. So langsam fügt sich das Puzzle." Bis er seinen Platz darin einnehmen wird, geht die Abschiedstournee mit dem THW weiter. Nächste Station: Szeged, Ungarn.

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