Stand: 20.01.2016 09:00 Uhr

Dänemark arbeitet am nächsten EM-Wintermärchen

von Jan Kirschner, NDR.de
Anders Eggert von der SG Flensburg-Handewittt jubelt mit den dänischen Fans.

Auf die dänischen Handball-Fans ist einfach Verlass. 2014 trug eine landesweite Begeisterungswelle das Nationalteam bis zum verpatzten Finaltag. Vor zwei Jahren war Dänemark Gastgeber, bei der gerade laufenden Europameisterschaft in Polen setzt sich das skandinavische Wintermärchen aber anscheinend fort. Das beeindruckt die Spieler genauso sehr, wie es sie überrascht. "Als wir nach dem Aufwärmen die Halle verließen, war sie noch recht leer", erzählt Linksaußen Anders Eggert nach der ersten Partie. "Als wir zurückkehrten, war plötzlich alles rot-weiß. Ich dachte erst, das wären alles Polen." Aber Rot und Weiß sind nicht nur die Landesfarben der osteuropäischen Nation, sondern auch die des "Dannebrogs". Rund 3.000 Fans aus Dänemark sorgen derzeit in der Arena von Danzig für Tivoli-Stimmung.

Flensburgs Lauge: "Das erste Etappenziel erreicht"

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Spanien, Schweden und Slowenien, das sind die die Gegner der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der EM in Polen. Alle Informationen zum Turnier und dem DHB-Team bei sportschau.de. extern

Diese Resonanz bestätigt die polnischen Organisatoren darin, die Dänen im Vorfeld des Handball-Events als Kopf der nördlichsten Gruppe gesetzt zu haben. Geleitet von der etwas antiquierten Vorstellung, die Handball-Fans aus dem kleinen Königreich könnten wie einst die Wikinger an der Ostseeküste anlanden. Die Realität sieht etwas anders aus: Viele nutzten das Flugzeug, andere wagten eine 16-stündige Bus-Tour. Doch die Kulisse, die zwischendurch auch mit dänischen Stimmungsliedern animiert wird, ist bislang deutlich besser in Form als die gefeierten Sportler. Die beiden Auftaktsiege gegen die Außenseiter aus Russland (31:25) und Montenegro (30:28) wurden erst in der Schlussphase sichergestellt. "Mit dem Einzug in die Hauptrunde haben wir erst das erste Etappenziel erreicht, leistungsmäßig ist bei uns das Potenzial aber noch längst nicht ausgeschöpft", bilanziert Rasmus Lauge.

Insolvenz des HSV sorgt für Gesprächsstoff

Der dänische Spielmacher ist einer von insgesamt acht Spielern, die im Alltag für norddeutsche Bundesligisten auflaufen. Mit Lauge, Eggert, Kevin Möller, Lasse Svan und Henrik Toft Hansen gibt es gleich ein Quintett der SG Flensburg-Handewitt. Niklas Landin hütet normalerweise das Gehäuse des THW Kiel. Dazu gesellen sich Hans Lindberg und Casper Mortensen vom krisengeschüttelten HSV Hamburg. Das eingeleitete Insolvenzverfahren und die immer wahrscheinlicher werdende Einstellung des Spielbetriebs an der Elbe sind auch Thema im dänischen Mannschaftsquartier. "Wir fragen danach, wie sie damit umgehen, ob sie sich auf das Turnier konzentrieren können", verrät Eggert. "Wenn mir so etwas passieren würde, würde mich das total belasten, da ich an meine Familie und meine Zukunft denken müsste. Bei Hans Lindberg habe ich den Eindruck, dass er damit gut umgeht."

Der Rechtsaußen steht vor einem Wechsel zu den Füchsen Berlin. Casper Mortensen, so ist aus dänischen Spielerkreisen zu hören, zieht es zurück in die Heimat. Seine Freundin arbeitet als Journalistin in Dänemark.

Alles außer einer Medaille wäre eine Enttäuschung

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Flensburgs Rasmus Lauge (l.) ist bei der EM in Polen für Dänemark im Einsatz.

In Polen wollen die beiden Noch-Hamburger wie auch ihre Mitstreiter die hohen Erwartungen der dänischen Öffentlichkeit erfüllen. Alles außer einer Medaille wäre eine herbe Enttäuschung. Auch die Spieler erhoffen sich viel, müssen sich aber zunächst darauf fokussieren, ihr eigenes Leistungsniveau zu heben. "Im Angriff haben wir noch nicht das Gefühl für das Tempo, und in der Abwehr müssen wir kämpfen, um noch kompakter zu stehen", weiß Eggert. "Wir dürfen nicht nervös werden, wenn es einmal nicht so gut läuft", mahnt Lauge. "Da wir einen breiten Kader haben, können wir immer wieder neue Formation ins Rennen schicken und den Gegner mit neuen Aufgaben konfrontieren." Heute Abend (20 Uhr) ist Ungarn der Gegner. Wenn alles nach Plan läuft, ziehen die Dänen über Breslau in die Endrunde nach Krakau ein, wo das Herz der EM schlägt. Es schlägt zwar nicht dänisch, aber immerhin rot-weiß.