Stand: 15.01.2016 18:44 Uhr

HSV Hamburg: Insolvenz-Verfahren eröffnet

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Nicht nur HSV-Geschäftsführer Christian Fitzek (r.) und Torwart Johannes Bitter stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Nach dreizehneinhalb Jahren in der Handball-Bundesliga steht der HSV Hamburg vor dem Aus. Gegen den zahlungsunfähigen ehemaligen deutschen Meister und Champions-League-Sieger ist das Insolvenz-Verfahren eröffnet worden: "Die finanziellen Mittel reichen nicht aus, um den Spielbetrieb des HSV Hamburg bis Saisonende sicherzustellen. Der Spielbetrieb ist nicht endgültig eingestellt, ich gehe aber davon aus, dass wir das in Kürze mitteilen müssen", sagte am Freitag Rechtsanwalt Gideon Böhm, der wie schon beim vorläufigen Insolvenz-Verfahren nun auch für das Hauptverfahren zum Verwalter bestellt wurde.

Böhm: "Habe Verständnis, wenn Spieler wechseln wollen"

Es gebe zwar ein realistisches Konzept für die kommende Saison, so Böhm, das Problem sei aber die aktuelle Finanzierungslücke: Bis zum Saisonende fehlten rund zwei Millionen Euro - trotz des Entgegenkommens aller Gläubiger. Um überhaupt noch eine Chance auf die Rettung zu haben, müssten den HSV nach den bisherigen Abgängen von Adrian Pfahl (Frisch Auf Göppingen), Ilija Brozovic (THW Kiel) und Jens Vortmann (SC DHfK Leipzig) noch weitere Spieler verlassen. Den Hamburgern droht nun der totale Aderlass, da die Profis fristlos kündigen und den Verein ablösefrei verlassen können. Interessenten gibt es für Torwart Johannes Bitter, Hans Lindberg und Casper Mortensen. "Ich habe großes Verständnis dafür, wenn die Spieler jetzt wechseln wollen. Sie können nur eine gewisse Zeit lang als Spieler im Profi-Handball Geld verdienen und müssen diese nutzen", sagte Böhm. Das Transferfenster schließt am 15. Februar.

Wegen Zusatzvereinbarung mit Rudolph droht Lizenzentzug

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Hat HSV-Geschäftsführer Christian Fitzek die HBL getäuscht?

Laut Böhm ist allerdings auch fraglich, ob die Hamburger überhaupt weiterspielen dürfen. Es besteht der Verdacht, dass sich die Hanseaten die Bundesliga-Lizenz für die laufende Saison unrechtmäßig erschlichen haben. Grund ist die Verpflichtungerklärung von Mäzen und Ex-Präsident Andreas Rudolph über 2,5 Millionen Euro. Diese liegt der HBL als Sicherheit vor, nicht aber die Vereinbarung zwischen Rudolph und dem HSV, die die Garantieerklärung "wieder einschränkt", wie Böhm es formulierte. "Ob die Zahlung von Rudolph zu Recht verweigert wird, müssen wir klären." Bob Hanning, Vize-Präsident des Deutschen Handball-Bundes, wurde deutlicher: "Wenn es tatsächlich Nebenabreden gegeben hat, wäre das ein ganz, ganz schwerer Schlag, und das wäre dann Lizenzbetrug."

HBL will Unterlagen "sehr zeitnah" prüfen

Die Satzung der Bundesliga-Vereinigung HBL lässt indes sogar zu, die Saison trotz möglichem Lizenzbetrugs zu Ende zu spielen. Allerdings würde dem Verein am Saisonende die Spielgenehmigung entzogen und er müsste in die Dritte Liga absteigen. Die HBL will die Unterlagen "sehr zeitnah" prüfen, wie Präsident Uwe Schwenker mitteilte. Damit wird sich die Lizenzierungskommission befassen. "Noch können wir uns kein abschließendes Bild machen", sagte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann.

Mannschaft sagt Training ab

Tritt der HSV, der als Tabellenvierter über stattliche 29:11 Punkte verfügt, nicht mehr zur Fortsetzung der Rückrunde an, steht er als Absteiger fest und alle Spiele der Norddeutschen werden aus der Saison herausgerechnet. Ob die Mannschaft am Montag zum Training erscheint, ist fraglich. Am Freitag sagte sie geschockt die erste Übungseinheit nach der Winterpause ab. "Jetzt zu realisieren, dass es vorbei sein soll, fällt mir momentan sehr, sehr schwer", sagte der Kapitän Pascal Hens. Er mache sich jetzt Gedanken über die Zukunft. "Ob es in Hamburg für mich weitergeht, ob ich sportlich noch mal irgendwo aktiv werde, werde ich jetzt abwarten." Das erste Rückrundenspiel des HSV bei der SG Flensburg-Handewitt ist für den 10. Februar vorgesehen.

Basisverein blickt in "rosige Zukunft"

Böhm sieht trotzdem langfristig eine Chance für Erstliga-Handball in Hamburg. "Vielleicht ist es sinnvoller, den Spielbetrieb einzustellen und ein Konzept für die nächste Saison zu entwickeln." Das wäre dann aber nicht in der Bundesliga. Für ein Drei-Jahres-Konzept hat Böhm einen Bedarf von acht Millionen Euro errechnet. "Die Gelder wären einwerbbar gewesen", beteuerte er.

Trotz des Millionen-Minus' der Profiabteilung scheint die Zukunft des Basisvereins, des Handball Sport Vereins Hamburg e.V., gesichert. Er hält die Bundesliga-Lizenz und ist für die Nachwuchsabteilung zuständig. "Wir haben in den letzten Wochen mit all unseren Sponsoren gesprochen, mit vielen Gönnern unserer Nachwuchsarbeit aus den letzten Jahren. Sie sichern uns eine sehr, sehr hohe Loyalität zu und unterstützen uns auch aktuell sehr gut, sodass wir diese Saison auch zu Ende spielen können und auch dann rosig in die Zukunft schauen können", sagte Gunnar Sadewater, der Geschäftsführer des e.V., der Tabellenführer in der Oberliga ist.

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