Stand: 01.02.2016 14:58 Uhr

Für einen Handball-Boom muss gehandelt werden

Bei der Handball-Europameisterschaft in Polen hat die junge deutsche Nationalmannschaft eine eindrucksvolle und von niemandem erwartete Leistung erbracht. Kann mit dem überraschenden Titelgewinn eine neue Handball-Ära in Deutschland beginnen?

Ein Kommentar von Jörg Tegelhütter, NDR Hörfunk-Sportredaktion

Bild vergrößern
Jörg Tegelhütter mahnt: Im Handball gibt es aus seiner Sicht zu viele Wettbewerbe. Das System sei am Limit.

Deutschland einig Handballland. Mehr als 17 Millionen Fernsehzuschauer in der Spitze sahen und feierten den deutschen Titelgewinn. Das entspricht einem Marktanteil von fast 50 Prozent. Zahlen die sonst nur der Fußball liefert. Spieler, die vor der EM bestenfalls Experten bekannt waren, wurden in nicht einmal zwei Wochen von sportlichen Nobodys zu nationalen Handball-Göttern - zumindest in der Boulevardpresse.

Da sind die Worte des Bundestrainers wohltuend: In der Stunde des großen Triumphs warnt Dagur Sigurdsson vor Überheblichkeit, fordert Demut und hat damit recht.

Sigurdsson der Vater des Erfolgs

Vor gut einem Jahr durfte Deutschland nur dank einer geschenkten Wildcard bei der WM mitspielen. Die Olympischen Spiele und die EM hatte man vorher verpasst. Die Worte des besonnenen Isländers sollten deshalb gehört werden, denn Sigurdsson ist der Vater des Erfolgs. Ohne ihn gäbe es keinen Titel. Mit Bedacht wählte er die Spieler aus, die in Polen über sich hinauswuchsen. Für seine Entscheidung, den bis vor Kurzem unbekannten Andreas Wolff ins deutsche Tor zu stellen, erntete Sigurdsson nicht nur Zuspruch. Seit dem Endspiel gegen Spanien gilt Wolff in Anlehnung an Oliver Kahn als Handball-Titan.

Und: Sigurdsson klagte nie, egal welcher seiner Leistungsträger sich vor oder während des Turniers verletzte. Der Bundestrainer redete die verbliebenen Spieler stark, stärker und am Ende zum Titel, der dann von allen Profis bejubelt und gefeiert wurde.

Das System ist am Limit

Die Perspektiven erscheinen golden. Die Mannschaft ist jung, der Teamgeist ist hervorragend und die Olympia-Qualifikation ist bereits geschafft. Kein Wunder, dass die Verantwortlichen frohlocken: Der Verband hofft auf einen Boom, die zuletzt krisengeschüttelte Liga auf ein nachhaltiges Hoch.

Doch Vorsicht! Das System ist seit Langem am Limit: Es gibt zu viele Wettbewerbe und eine zu große Liga. Dass während der EM mit dem HSV Hamburg ein ambitionierter Großstadtklub krachend pleite ging, sollte Warnung genug sein.

Wahnwitziger Spielplan muss entschärft werden

Viele Profis sind zudem völlig überspielt und entsprechend häufig verletzt. Ein Beispiel für den Terminstress gefällig? Nach acht Spielen in 15 Tagen folgt für die Europameister schon am Freitag der nächste Auftritt in einem Allstar-Game, bevor Mitte nächster Woche die Bundesliga weitergeht.

Die Funktionäre sind mittelfristig gefordert, den wahnwitzigen Spielplan zu entschärfen. In dem Interessengeflecht aus Bundesliga, Europapokal und internationalen Meisterschaften ist das schwer, aber unumgänglich. Gelingt das nicht, könnte die deutsche Handball-Party schneller vorbei sein als heute gedacht.

sportschau.de
Link

Handball-Helden begeistert empfangen

"Oh, wie es das schön!": Tausende Fans haben Deutschlands Handball-Europameistern in Berlin einen stimmungsvollen Empfang bereitet. Berichte und Videos bei sportschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 01.02.2016 | 17:08 Uhr