Stand: 06.01.2016 12:04 Uhr

Christian Dissinger: Zwischen Himmel und Hölle

Hoffnungsträger des deutschen Teams für die EM in Polen: Kiels Christian Dissinger.

Am 7. Oktober des vergangenen Jahres sehen sich viele Handball-Experten bestätigt: Der THW Kiel ist für Christian Dissinger eine Nummer zu groß. Mindestens. Der im Sommer vom TuS N-Lübbecke zum Rekordmeister gewechselte Rückraum-Linke hatte in der Bundesliga-Begegnung bei den Rhein-Neckar Löwen (20:24) eine äußerst unglückliche Figur abgegeben. Als Einwechselspieler aufs Parkett gekommen, war ihm sogleich ein schlimmer Fehler unterlaufen. Coach Alfred Gislason nahm den 24-Jährigen daraufhin sofort wieder von der Platte. Ein Stammplatz bei den "Zebras" oder gar die Nationalmannschaft waren zu diesem Zeitpunkt für den Junioren-Weltmeister von 2011 so weit entfernt wie die Förde vom Indischen Ozean.

Bester Schütze im Test gegen Tunesien

Andere mental weniger gefestigte Akteure wären vielleicht in ein tiefes Loch gefallen. Nicht aber der Kämpfer Dissinger, der in seiner jungen Laufbahn schon so viele Rückschläge hat hinnehmen müssen. Der in Ludwigshafen geborene Profisportler erkämpfte sich zunächst beim THW einen Stammplatz und wurde dann als Lohn für seine konstant guten Leistungen in den deutschen Kader für die Europameisterschaft in Polen (15. bis 31. Januar) berufen. Im DHB-Team gehört der Kieler zu den "Greenhorns". Doch vieles deutet daraufhin, dass "Disse", so der Spitzname des 2,02-Meter-Hünen, bei den Titelkämpfen mehr als eine Nebenrolle spielen wird. Im EM-Test am Dienstagabend in Stuttgart gegen Tunesien machte das Rückraum-Ass nachhaltig auf sich aufmerksam: Dissinger war beim 37:30-Sieg mit acht Treffern erfolgreichster Schütze der Auswahl von Bundestrainer Dagur Sigurdsson.

Der Kader des THW Kiel für die Serie 2015/2016

Als 19-Jähriger in die Schweiz

Es war erst das fünfte Länderspiel für den Mann, der nach seinem Triumph 2011 bei der Junioren-WM als größtes Versprechen im deutschen Handball galt. 2013 hatte Dissinger sein Debüt in der A-Nationalmannschaft gefeiert. In Wetzlar gegen die Schweiz. Dem Land also, in dem der Rückraum-Akteur seinerzeit seinen Lebensunterhalt verdiente. Denn der heutige THW-Profi entschied sich früh, sein Glück in der Ferne zu suchen. Als 19-Jähriger verließ er 2011 die TSG Friesenheim und schloss sich den Kadetten Schaffhausen an. "Ich hätte damals auch zu einem deutschen Club wechseln können. Aber ich wollte möglichst viel spielen, auch in der Champions League. Das haben einige nicht verstanden. Ich wurde vielerorts gleich abgeschrieben", erklärte Dissinger der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ").

Zwei Kreuzbandrisse in eineinhalb Jahren

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Christian Dissinger riss sich in seiner Zeit in Schaffhausen beide Kreuzbänder.

Der Teenager durchlebte schwere Zeiten. Vier Wochen nach seinem Umzug in die Schweiz verstarb sein Vater. Dissinger sorgte sich um seine Mutter Sylvia, die nun im fernen Ludwigshafen alleine mit ihrer Trauer und den Herausforderungen des neuen Lebens war. "Damals war es sehr schwierig für sie. Ich bin sehr glücklich, dass sie sich so gut gefangen hat", sagte der THW-Profi jüngst den "Kieler Nachrichten" ("KN"). Auch seine Karriere geriet ins Stocken. Verletzungsbedingt. Binnen eineinhalb Jahren riss er sich beide Kreuzbänder. Dissinger kämpfte sich immer wieder heran. Wenn er für die Kadetten auf dem Parkett stand, war der wurfgewaltige Rechtshänder häufig bester Mann seiner Farben. Seine Leistungen blieben der Konkurrenz nicht verborgen. Obgleich er zu diesem Zeitpunkt wegen seines lädierten Knies nicht einsatzfähig war, verpflichtete Atlético Madrid Dissinger im Sommer 2013. Bevor der gebürtige Ludwigshafener aber auch nur einmal mit seinen neuen Teamkameraden trainiert hatte, war sein Vertrag mit den Iberern wertlos: Atléticos Handball-Abteilung ging pleite. "Ich war nie dort", verriet Dissinger der "Stuttgarter Zeitung".

Gislason: "Was wollt ihr denn mit Dissinger?"

Verletzt und vereinslos - der Rückraum-Spieler stand mit 22 Jahren vor den Trümmern seiner Karriere. Vor dem Nichts. Erst im April 2014 fand Dissinger wieder eine Anstellung. Er heuerte in Nettelstedt an. Im "stärksten Dorf im Land" fand er wieder zu seiner alten Form, sodass der THW auf den "Shooter" (Kiels Geschäftsführer Thorsten Storm) aufmerksam wurde. "Christian Dissinger hat eine lange Leidenszeit hinter sich. Ich bin überzeugt davon, dass er sein großes Potenzial bei uns abrufen wird und er es bei uns packen kann", sagte Trainer Gislason seinerzeit zum Wechsel. Der Isländer erntete nicht nur Lob für den Transfer. "Ich habe oft gehört: Was wollt ihr denn mit Dissinger?", verriet der Coach der "FAZ".

Senkrechtstarter mit beiden Beinen auf dem Boden

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Dissinger (M.) ist in Kiel nach anfänglichen Problemen zum Leistungsträger avanciert.

Gislason hielt an seinem nicht unumstrittenen Neuzugang fest. Auch nach jenem Spiel Anfang Oktober in Mannheim gegen die Rhein-Neckar Löwen. Seine Geduld wurde belohnt. Dissinger zahlte das Vertrauen mit Leistung zurück. "Alfred ist wichtig für mich, wir reden sehr viel", gab der 24-Jährige den "KN" zu verstehen. Trotz seiner traumhaften Entwicklung ist der Rückraum-Linke auf dem Boden geblieben. Er hat nach all den Rückschlägen gelernt, demütig zu sein. Und so wollte der THW-Senkrechtstarter im Anschluss an seine Gala-Vorstellung im DHB-Dress gegen Tunesien auch nicht seine eigene Leistung, sondern die des Teams im Mittelpunkt sehen: "Meine Tore sind mir eigentlich egal, entscheidend ist, dass ich der Mannschaft helfen konnte." So spricht einer, der einfach nur dankbar ist, gesund seinem Beruf nachgehen zu dürfen.

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