Stand: 22.03.2016 12:39 Uhr

Wolfsburg hält an Kruse fest

Fußball-Nationalspieler Max Kruse steht trotz neuerlicher Negativschlagzeilen offenbar nicht vor einem Rauswurf beim Bundesligisten VfL Wolfsburg. "Davon gehe ich nicht aus. Morgen wird er wieder ganz normal trainieren", erklärte VfL-Coach Dieter Hecking am Dienstag nach dem Vormittagstraining, bei dem Kruse fehlte. "Er war da und hat ein individuelles Programm bekommen. Wir sehen ja, was hier heute los ist", sagte der Trainer, "das muss er nicht durchmachen." Weitere Gespräche mit dem Profi werde es aber geben, Kruses Berater sind in Wolfsburg: "Wir wollen verantwortungsvoll im Sinne des Vereins entscheiden, aber auch die persönliche Situation des Spielers berücksichtigen", sagte VfL-Sportchef Klaus Allofs.

Am späten Montagabend hatte sich im Netz ein kurzer Film verbreitet, der angeblich den VfL-Profi zeigt, wie er halbnackt und mit heruntergelassener Hose auf dem Bett liegt. Zuvor war bekannt geworden, dass Kruse bei seiner Geburtstagfeier in Berlin mit einer Reporterin aneinandergeraten war. Bundestrainer Joachim Löw hatte ihn daraufhin aus dem DFB-Kader geworfen.

Chancen auf EM-Teilnahme gesunken

Die Länderspiele des Weltmeisters am Sonnabend in Berlin gegen England und am 29. März in München gegen Italien finden damit ohne Kruse statt. Und auch die Chancen des "Wölfe"-Angreifers auf eine Teilnahme an der EM im Sommer in Frankreich sind deutlich gesunken. Der als Disziplinfanatiker bekannte Löw verdeutlichte in einer auf "dfb.de" veröffentlichten Stellungnahme, dass sein Geduldsfaden beim Wolfsburger gerissen ist. "Max hat sich zum wiederholten Male unprofessionell verhalten. Das akzeptiere ich nicht. Wir brauchen Spieler, die fokussiert und konzentriert und sich auch ihrer Vorbildrolle bewusst sind", wird der 56-Jährige zitiert. Schon 2014 hatte Löw Kruse angeblich ebenfalls aus disziplinarischen Gründen nicht für den Weltmeisterschaftskader berücksichtigt. Ob der Offensivspieler überhaupt noch einmal im DFB-Trikot auflaufen darf, ließ DFB-Manager Oliver Bierhoff offen: "Wir haben aktuell nicht den Eindruck, dass es das richtige Zeichen ist, wenn er bei uns dabei wäre. Ich will aber nicht den Stab über ihn brechen."

Geburtstagsparty an der Spree mit Folgen

Mehrfach war Kruse in den vergangenen Monaten abseits des grünen Rasens verhaltensauffällig geworden. Zuletzt am vergangenen Sonnabend in einem Berliner Szenelokal. Der 14-malige Nationalspieler hatte nach der Bundesliga-Partie des VfL Wolfsburg gegen Darmstadt 98 (1:1) im "Avenue Club" des Café Moskau seinen 28. Geburtstag gefeiert. Zu fortgeschrittener Stunde geriet Kruse mit einer "Bild"-Reporterin aneinander, die Fotos von ihm machte. Der Fußballer entriss der Journalistin ihr Mobiltelefon und löschte kurzerhand die Fotos. Er sei in jener Nacht mehrfach ungefragt fotografiert worden, "irgendwann genervt" gewesen und habe dann "vielleicht unpassend reagiert", erklärte der 28-Jährige. "Ich habe das in einem persönlichen Gespräch mit der 'Bild'-Journalistin am Sonntag ausgeräumt."

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Nach seiner Rückkehr in die Autostadt war Kruse von Allofs zum Rapport bestellt worden. Sieben Tage zuvor hatte er schon einmal dem VfL-Manager Rede und Antwort stehen müssen. Damals hatte er sich wegen eines anderen dubiosen Berlin-Trips im Oktober inklusive des Verlustes von 75.000 Euro in einem Taxi eine Standpauke anhören müssen. "Wir haben von den Vorkommnissen erfahren und haben uns mit Max zusammengesetzt und mit ihm noch einmal über die Gesamtsituation gesprochen. Wir haben dabei klargemacht, welches Auftreten wir in der Öffentlichkeit von unseren Spielern erwarten", erklärte der "Wölfe"-Manager. Der 59-Jährige belegte den Stürmer wie bereits eine Woche zuvor mit einer Geldstrafe - wohl zum zweiten Mal in Höhe von 25.000 Euro.

Rauswurf wäre Geldvernichtung

Wie der VfL weiter mit der "Causa Kruse" umgehen wird, ist offen. Ein Rauswurf wie bei der Nationalelf verbietet sich im Prinzip: "Bei uns ist er Angestellter mit einem Arbeitsvertrag über mehrere Jahre und zum Nationalteam wird man berufen. Das ist eine grundverschiedene Arbeitssituation", erklärte Allofs. Zudem zählt Kruse als Topscorer (je sechs Tore und Vorlagen) beim VfL zu den Leistungsträgern, im DFB-Team hingegen ist er eher verzichtbar. Ein Rausschmiss käme auch schlichter Geldvernichtung gleich, der gebürtige Reinbecker war erst im Sommer für zwölf Millionen Euro aus Mönchengladbach an den Mittellandkanal gekommen.

VW schweigt bislang

Andererseits kann VW gerade in Zeiten des Abgas-Skandals Negativ-PR durch einen Top-Mitarbeiter seiner hundertprozentigen Tochter VfL noch weniger gebrauchen. Allofs betonte, dass die aktuellen Schlagzeilen "weder der VfL Wolfsburg noch unser Eigentümer toll findet". Der Autobauer selber wollte sich am Dienstag zum Thema Kruse nicht äußern. 2001 hatte der Konzern weniger zimperlich agiert: Er suspendierte Jonathan Akpoborie wegen permanenter Negativ-Schlagzeilen um die nie aufgeklärte Affäre um eine sogenanntes Sklavenschiff, dessen Mit-Eigentümer der Nigerianer gewesen war.

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