Stand: 16.05.2013 15:00 Uhr
Uwe Reinders und das Wunder von Rostock
von Hanno Bode, NDR.de
Uwe Reinders hält stolz den FDGB-Pokal in die Höhe.
Uwe Reinders traute seinen Augen nicht. So viel Disziplin und Gehorsam hatte der Coach in seiner langen und bewegten Laufbahn zuvor noch nicht erlebt. Als der viermalige deutsche Fußball-Nationalspieler am 1. Juli 1990 seine erste Einheit als Trainer des FC Hansa Rostock leiten wollte, standen seine neuen Schützlinge alle nebeneinander in Reih und Glied an der Seitenlinie. Reinders fragte sichtlich irritiert bei seinem Assistenten Jürgen Decker nach, was die Profis denn da treiben würden. Der "Co" erklärte, dass er sie mit einem "Sport Frei" begrüßen müsse. So war es über Jahre hinweg beim damaligen DDR-Oberligisten üblich gewesen. Reinders, der in der Wendezeit als einer der ganz wenigen westdeutschen Trainer den Weg in den Osten wagte, wollte dieses Ritual nicht beibehalten. "Ich habe die Jungs gefragt, ob sie vielleicht noch auf einen General warten würden. Und ihnen gleich erklärt, dass es so etwas bei mir nicht gibt", erinnerte sich der Fußballlehrer in einem Interview mit dem Magazin "11 Freunde". Die lockere Art des langjährigen Profis von Werder Bremen (1977-1985) fand viel Zuspruch bei seinem Team und war eindeutig leistungsfördernd: Unter Reinders wurde Hansa in der Serie 1990/1991 sensationell letzter DDR-Meister und gewann zudem den FDGB-Pokal.
Hansas Helden - das Meisterteam von 1991
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In Rostock geboren, mit Hansa Meister: Daniel Hoffmann war dementsprechend mächtig stolz auf den Titel. Der Keeper kam auf 13 Oberliga-Einsätze in der Meistersaison.
Wie Hoffmann absolvierte auch Jens Kunath in der historischen Hansa-Saison 13 Oberliga-Partien. Der in Lauchhammer geborene Schlussmann stand bis 1997 bei den Mecklenburgern unter Vertrag. Dann wechselte er nach China.
Heiko März dirigierte die Hansa-Abwehr. Als Libero war der gebürtige Rostocker der große Rückhalt des Teams. Kam in der Serie 1990/1991 in 23 Oberliga-Partien zum Einsatz. Heute trainiert März den SV Warnemünde.
Rechtsverteidiger Frank Rillich (r.) war ebenfalls ein Rostocker Urgestein. Von 1977 bis zu seinem Karriereende 1992 gehörte er dem Traditionsclub an. In der Meistersaison lief Rillich 19 Mal für die Mecklenburger auf.
In Zeiten des Liberos gab es auch noch einen klassischen Vorstopper. Und der hieß bei Hansa Gernot Alms (M.). Der in Rostock geborene Fußballer zeichnete sich durch kompromissloses Zweikampfverhalten aus. Bestritt insgesamt 298 Einsätze für Hansa - in der Meistersaison 25.
Für gerade einmal 50.000 DM transferierte Hansa vor Beginn der Serie 1990/1991 Paul Caligiuri vom SV Meppen. Ein Schnäppchen, wie sich zeigen sollte. Der Defensiv-Allrounder aus den USA trug mit 22 Einsätzen maßgeblich zum Titelgewinn bei.
Hilmar Weilandt genießt das Bad in der Menge. Der gebürtige Stralsunder ist eine Hansa-Legende, bestritt insgesamt 405 Pflichtspieleinsätze für die Rostocker und damit nur einen weniger als die Vereinsikone Juri Schlünz. In der Meistersaison lief Weiland 23 Mal auf und markierte drei Tore.
Sein Name wird unmittelbar mit der Geschichte von Hansa Rostock verbunden: Juri Schlünz. Der Rekordspieler und Publikumsliebling ist seit 1968 ununterbrochen in verschiedenen Funktionen für den Club tätig. Zu seiner aktiven Zeit ein genialer Mittelfeldspieler, dessen Freistöße die Fans verzückten. Im Meisterjahr 24 Mal für Hansa im Einsatz.
Nicht minder begabt als Schlünz war Jens Dowe. Der 1968 in Rostock geborene Mittelfeldakteur spielte auch eine tolle Meistersaison (26 Einsätze, vier Treffer). Später fiel der Edeltechniker dann aber eher durch viele Vereinswechsel und einige Streitigkeiten mit verschiedenen Trainern auf. Verschenkte eine größere Karriere.
Andreas Babendererde (Dritter von rechts) schrieb Geschichte: Am 9. März 1991 erzielte der Mittelfeldakteur beim 3:2-Auswärtserfolg über Stahl Brandenburg das 24.000 Tor der Oberliga-Geschichte. Wurde im Meisterjahr in allen 26 Partien eingesetzt und traf vier Mal.
Mit zwölf Treffern war Henri Fuchs der erfolgreichste Schütze im Meisterjahr. Das weckte Begehrlichkeiten bei den Westclubs. Der gebürtige Greifswalder hatte die Qual der Wahl und entschloss sich 1991 für einen Wechsel zum 1. FC Köln. An Fuchs' Seite stürmte zumeist von Beginn an Volker Röhrich (24 Einsätze, vier Tore).
Mit sieben Treffern war Florian Weichert der zweiterfolgreichste Torjäger der Mecklenburger in der letzten Oberliga-Serie. Ein dynamischer Mann, dem später aber auch die prophezeite große Bundesliga-Karriere verwehrt blieb. Weichert hat inzwischen die Seiten gewechselt. Heute kommentiert er fürs Fernsehen Sportereignisse.
Jens Wahl (l.) zeichnete sich durch ausgezeichnete Technik und Dynamik aus. In der Meistersaison kam der hochaufgeschossene Mittelfeldspieler 13 Mal zum Einsatz und traf einmal.
Wegen seiner außergewöhnlichen Haarpracht genoss Mike Werner bei den Hansa-Fans Kultstatus. Doch der langmähnige Profi konnte auch gut verteidigen. In der Meistersaison kam der gebürtige Spremberger allerdings nur neun Mal zum Einsatz.
Thomas Finck stand von 1989 bis 1991 im Hansa-Kader. In der Meistersaison kam der Mittelfeldakteur vier Mal zum Einsatz. Heute arbeitet der gebürtige Rostocker als Scout für den Traditionsclub.
Im Herbst seiner erfolgreichen Hansa-Karriere feierte Axel Schulz mit der Meisterschaft seinen größten Erfolg. Er kam in der Serie 1990/1991 zwar nur vier Mal zum Einsatz, ist dennoch eine Legende des Clubs. Schulz, der heute als Pressesprecher des Vereins tätig ist, lief von 1978 bis 1993 insgesamt 321 Mal für Hansa auf.
Thomas Gansauge war gerade einmal 20 Jahre jung, als Hansa Meister wurde. Der Verteidiger kam in der Saison über einen Einsatz nicht hinaus. Spielte von 1996 bis 1999 noch einmal für die Mecklenburger. Heute lebt das frühere Abwehr-Ass in den USA.
Ebenfalls zum Kader der erfolgreichen Mannschaft gehörten Axel Rietentiet (Foto), Sven Oldenburg, Uwe Kirchner, Bernd Arnholdt, Thomas Lässig und Thomas Reif. Sie alle zählten nicht zum Stammpersonal.
Der Meistermacher: Uwe Reinders feierte an der Ostsee seinen größten Erfolg als Vereinstrainer. Bei seinen anschließenden Stationen hatte der frühere Nationalspieler weniger Glück. In Rostock genießt er noch heute Heldenstatus.
Der Meistermacher: Uwe Reinders feierte an der Ostsee seinen größten Erfolg als Vereinstrainer. Bei seinen anschließenden Stationen hatte der frühere Nationalspieler weniger Glück. In Rostock genießt er noch heute Heldenstatus.
"Es war eine tolle, verrückte Zeit"
Uwe Reinders führte Hansa zum Titel in der DDR-Oberliga.
Der gebürtige Essener war zweifellos Architekt eines Fußball-Wunders. Denn eigentlich hatte die Vereinsführung des Traditionsclubs dem Coach lediglich die Qualifikation für die Zweite Bundesliga als Zielvorgabe gesetzt. Dafür hätte Rang sechs in der Oberliga gereicht, die nach besagter Saison aufgelöst wurde. Hansa war - mit Verlaub - keine große Nummer im Osten. Die Rostocker hatten den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft, standen klar im Schatten der großen Vereine wie Dynamo Berlin und Dynamo Dresden. Dann kam Reinders und schrieb mit seinem Team, das er gerne "Kollektiv" nannte, Geschichte. Bereits drei Spieltage vor dem Saisonende durften die Mecklenburger den Titelgewinn feiern. Und damit auch die Qualifikation für die Bundesliga. "Es war eine tolle, verrückte Zeit. Wir hatten eine tolle Truppe. Es war beileibe kein Zufall und auch nicht nur Glück, dass wir damals aufgestiegen sind", sagte Reinders.
Abenteuer abseits des Platzes
Doch nicht nur die sportlichen Erfolge blieben bei dem Mann im Gedächtnis, der als Profi selbst ein "Paradiesvogel" war und über den sein ehemaliger Trainer Otto Rehhagel einmal sagte: "Mit dem Ball ist er Weltklasse - ohne Ball Kreisklasse". Abseits des Feldes erlebte der "schwierige Charakter und Zocker" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") so manches Abenteuer an der Ostsee. "Es gab zu der Zeit in Rostock nur eine einzige Tankstelle mit Benzin bleifrei. Da musste man zwei Stunden Schlange stehen. Als ich da einmal wartete, fuhr ein dicker Mercedes an allen vorbei und wollte tanken. Als der Fahrer ausstieg, sagte ich zu ihm: Meinst du wir warten hier auf den Bus? Wenn du jetzt tankst, hau ich dir beide Arme ab", erzählte er dem Blatt "11 Freunde". Auch seine Schützlinge mussten sich so manch lockeren Spruch anhören. "Die sahen alle langweilig aus. Vorne kurz und hinten lang. Daran konnten sie jeden DDR-Spieler erkennen. Die hatten alle ein und denselben Friseur", meinte der Ex-Werder-Star.
Rausschmiss nach Sensationsstart und anschließender Talfahrt
Uwe Reinders wurde bei Hansa 1992 nach 27. Bundesliga-Spieltagen entlassen.
Nach dem Bundesliga-Abstieg bekam das Team allerdings ein anderes Gesicht. Hansa musste, um konkurrenzfähig zu sein, teure Profis aus dem Westen verpflichten. Erfahrene Akteure wie Olaf Bodden, Michael Spies oder Frantisek Straka heuerten bei den Mecklenburgern an. "Die kamen nicht für einen Appel und ein Ei oder weil die Ostsee so schön war. Die wollten Geld verdienen", sagte Reinders. Zunächst schrieb der letzte DDR-Meister am Märchen weiter. Nach neun Bundesliga-Spieltagen stand Rostock sensationell an der Tabellenspitze, hatte dabei unter anderem bei Bayern München mit 2:1 gewonnen. Nebenbei durften sich die Hanseaten im Europapokal mit dem FC Barcelona messen (0:3, 1:0). Irgendwann aber geht jeder Traum zu Ende. Hansa rutschte nach und nach im Klassement ab. Zur sportlichen Talfahrt gesellte sich ein Prämienstreit des Trainers mit dem damaligen Präsidenten Gerd Kische. "Ich hatte ja die Prämien selbst hinein geschrieben. Kaum war Gerd Kische im Amt, meinte er plötzlich, ich solle auf 50 Prozent verzichten. Ich war zwar bereit mir das Geld später auszahlen zu lassen, aber darauf verzichten wollte ich natürlich nicht. Von da an gab es Krieg zwischen Gerd Kische und Uwe Reinders", erklärte der Coach. Nach 27 Spieltagen musste Reinders seinen Hut nehmen.
aha
da war Rostock ja auch noch keine Gefahr und wurde wohlwollend behandelt, aber immer mehr wurde von außen und von innen daran geknabbert, einschließlich der gut ausgebildeten Spieler(Kroß.....) [mehr]