Stand: 16.10.2015 18:40 Uhr

Der Wahnsinn von Weiche in der Regionalliga

von Arne Helms

Neulich im traditionsreichen Stadion an der Lohmühle. Die Fußballer von Regionalligist ETSV Weiche Flensburg haben gerade das Landesderby gegen den VfB Lübeck gewonnen, sind frisch gebackener Tabellenführer der vierten Liga. Elf Spieler in weinroten Trikots sitzen auf dem Rasen vor der Gästetribüne, lachen, fassen sich ungläubig an die Köpfe. Spitzenreiter. Was für ein Ausrufezeichen, was für eine Entwicklung. Diesen Moment direkt nach dem Abpfiff teilen sie mit ihren Fans. Viele Hände gibt es nicht abzuklatschen. Nur etwa zwei Dutzend Anhänger haben die knapp 170 Kilometer Fahrt auf sich genommen. Die Entwicklung der Fanszene in Flensburg hängt der Entwicklung der Mannschaft noch etwas hinterher.

Die Gesichter des Flensburger Erfolgs

"Wir sind froh, dass es überhaupt einen Fanclub gibt"

Die Fußballer von Weiche, einem Flensburger Stadtteil, haben inzwischen sieben Spiele in Serie gewonnen. Seit dem Aufstieg 2012 krabbeln sie in der Regionalliga-Abschlusstabelle Platz um Platz nach oben. Zuletzt landeten sie auf Rang fünf. "Wir hätten mehr Zuschauer verdient", sagt Kapitän Marc Böhnke und bezieht sich auch auf die Heimspiele im Manfred-Werner-Stadion. Dort gab es in dieser Saison noch keine langen Warteschlangen am Kassenhäuschen. Die 1.000er-Marke wurde bislang nicht geknackt. "Aber unsere Fans haben auch Familie", sagt Böhnke: "Wir sind schon froh, dass es überhaupt einen Fanclub gibt." Zwei Clubs lösten sich auf. Nun gibt es die "Eisenbahner", aktuell 60 Mitglieder. Tendenz steigend.

Hauptsächlich Studenten und Feierabend-Fußballer

Die Spieler im Kader von Weiche Flensburg sind größtenteils Studenten und Feierabend-Fußballer - arbeiten also fünf Tage die Woche in ihrem Job. "Da ist mehr als drei oder vier Mal Training die Woche nicht möglich", sagt Coach Daniel Jurgeleit - und entschuldigt sich am Telefon kurz. Einem seiner drei Kinder ist der Keks runtergefallen. Der geborene Nordrhein-Westfale ist ein Beispiel an Bodenständigkeit. An der Flensburger Förde ist er mit seiner Familie heimisch geworden. Er trainiert Weiche im sechsten Jahr. "Wir haben eine hohe Stabilität, konnten den Stamm an Spielern bislang fast immer halten. In kleinen Schritten geht es kontinuierlich nach oben", findet der 51-Jährige.

Das Vertrauensverhältnis zum Trainer ist besonders

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Kapitän Böhnke spricht vom "Wahnsinn", wenn er etwas über die Situation seines Vereins erzählen soll. Er meint das positiv. Vor allem bei Vergleichen mit den Nachwuchs-Teams der Bundesligisten reibt sich der 31-Jährige immer wieder die Augen: "Die trainieren zwei Mal am Tag. Zwischen uns liegen Welten. Und wir können trotzdem mit denen mithalten." Laut Böhnke hat der Wahnsinn von Weiche viel mit Daniel Jurgeleit zu tun. "Ich habe noch keinen Trainer erlebt, der einen so gut auf den Gegner einstellt. Er scheint für jede Spielart des Gegners eine Lösung zu haben, hat da echt ein Auge", berichtet Böhnke aus der Kabine. Und vor allem: "Daniel stellt sich immer mit voller Breitseite vor die Mannschaft." Das Vertrauen sei riesig.

Der wirbelnde Brasilianer Ilidio: ein Zufallstreffer

Dabei musste dieses Team, das vor sechs Jahren noch in der Verbandsliga unterwegs war, zuletzt kaum Rückschläge einstecken. Aufstieg in die Regionalliga, siebter Platz, sechster Platz, fünfter Platz. Das ist die Bilanz bis zum Sommer dieses Jahres. Aktuell ist der ETSV Weiche Flensburg - trotz Verletzungspech - Zweiter. Ein zuvor eher hölzern wirkender Stürmer wie Tim Wulff windet sich plötzlich schlangenartig um seine Gegenspieler. Keiner trifft häufiger in der Liga. Mit dem Brasilianer Ilidio, der zufällig über Verwandte in Flensburg landete, hatten die Verantwortlichen so viel Geduld, dass der Mittelfeldspieler nun ganze Abwehrreihen durcheinanderwirbelt. Den lange verletzten Florian Meyer hält sein Coach "für einen Drittligaspieler".

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Für Holstein-Kiel-Fans noch ungewohnt: Fiete Sykora (M.) im Trikot von Weiche Flensburg.
Der Kieler "Fußballgott" plötzlich im Trikot von Weiche

Und dass ein Mann wie der 33 Jahre alte Stürmer Fiete Sykora - in langen Holstein-Kiel-Zeiten von den Fans nur "Fußballgott" gerufen - bei Weiche Flensburg noch mal angreift, darf ebenfalls als Zeichen verstanden werden. Die meisten Neuzugänge schlugen ein. Geschäftsführer Harald Uhr hat mal seine "Vision" zu Weiche publik gemacht. Stillstand sei Rückschritt, sagte er im vergangenen Jahr - ohne allerdings ein Jahr für konkrete Aufstiegspläne zu benennen. Das offizielle Ziel für die laufende Saison lautet, sich in der Schlusstabelle erneut zu verbessern. Und auch wenn erst zwölf Spieltage gespielt sind: Der ganz große Wurf scheint möglich. Melden wollen die Flensburger für die Dritte Liga auf jeden Fall.

Wenn es so weiter geht, will Jurgeleit "einen klaren Kurs"

"Mein Chef flachst schon, ob ich nächstes Jahr noch bei ihm arbeite", sagt Kapitän Böhnke und grinst. Noch sieht sich an der Bredstedter Straße niemand dazu veranlasst, korrigierte Zielsetzungen rauszuposaunen. "Der April ist noch weit weg", sagt Trainer Jurgeleit. Im Winter wollen sein Team und er ein Zwischenfazit ziehen. "Und wenn wir im kommenden Jahr sehen, dass wir sportlich wirklich etwas erreichen können, dann werden wir einen klaren Kurs fahren", kündigt der nach außen stets so ruhige Coach an. Dem Druck einer konkreten Zielsetzung müssten Mannschaften erst mal standhalten. "Das kann vielleicht der FC Bayern", sagt der A-Lizenz-Inhaber. Weiche Flensburg ist nicht der FC Bayern.

In Lübeck rechnen sie damit, dass Flensburg Meister wird

Vor dem Heimspiel gegen Spitzenreiter VfB Oldenburg am Sonntag gibt es dennoch eine Parallele zum Bundesligisten. Lübecks Kapitän Moritz Marheineke hat nach der 0:1-Niederlage gegen die Flensburger gesagt: "Weiche braucht nur wenig Chancen für seine Tore. Solche Mannschaften werden Meister." Zu dem Zeitpunkt saßen die Flensburger Spieler gerade vor der Gästetribüne und fassten sich ungläubig an die Köpfe. Was für eine Entwicklung. Was für ein Wahnsinn in Weiche.

Karte: Hier spielt Weiche Flensburg

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 18.10.2015 | 14:00 Uhr