Die Fußball-Profi-Clubs im Norden
Von Hannover 96 bis zum VfL Osnabrück, die Nordclubs im Porträt. mehr
Nebel nach bengalischen Feuern in Rostock: Südländische Stimmung oder Randale?
Schon in den 70er-Jahren zählten bengalische Feuer und farbiger Rauch zum Standardrepertoire einer Fan-Choreographie. Meist war dann von "südländischer Begeisterung im Stadion" die Rede - mit einem positiven Image. Heute ist das anders. Heute heißt es nur noch "Pyrotechnik" und hat seinen Charme verloren. Meist wird es derzeit gleichgesetzt mit Fanrandale. Kaum ein Spieltag vergeht derzeit in den deutschen Fußballstadien ohne Feuerwerk, Rauchschwaden und Spielunterbrechungen. So wurde die Grenze zur Ausschreitung etwa überschritten, als jüngst bei der Zweitligapartie zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli unter dem Applaus von der Tribüne aus dem Hansa-Fanblock gezielt Raketen und Böller in den gegnerischen Block geschossen wurden.
HSV-Fans zündelten beim Pokalspiel in Trier - eine Geldstrafe für den Verein war die Folge.
Auf der einen Seite stehen Fans, die Feuerwerk als Stimmungsmacher sehen und zugleich betonen, dass es nicht um Gewalt gegen andere geht. Sie kritisieren, dass sie pauschal als Randalierer gebrandmarkt werden. Auf der Gegenseite positionieren sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Vereine, weil sie in der Pyrotechnik eine Gesundheitsgefährdung sehen. Auch der Hamburger SV ist im doppelten Wortsinn ein gebranntes Kind. Beim Nordderby in Hannover zündeten Fans im HSV-Block - eine Geldstrafe seitens des Deutschen Fußball-Bundes wird folgen. 7.000 Euro müssen die Hamburger zahlen, weil ihre Anhänger in Bremen (10. September) und Trier (25. Oktober) Pyrotechnik abgebrannt hatten. Vergangene Saison betrugen die gesamten "Feuer-Kosten" für den HSV 25.000 Euro. Und auch wenn das ein Kleckerbetrag im Vergleich zu sonstigen Ausgaben eines Bundesliga-Clubs sein mag, stinkt für Vereinschef Carl-Edgar Jarchow das Spiel mit dem Feuer doch zum Himmel. St. Paulis Sportchef Helmut Schulte vertritt ebenfalls eine klare Meinung: "Bengalische Feuer gehen nicht, keine Frage."
HSV-Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow.
Die von vielen Fans geforderte Legalisierung lehnt Jarchow wie die Mehrheit seiner Liga-Kollegen strikt ab: "Es wäre der falsche Weg, Pyrotechnik künftig zu erlauben, da Zuschauer dadurch gefährdet werden. Das Feuer kann Temperaturen um 1.000 Grad erreichen." Der Berliner Pyrotechniker Björn Weber pflichtet ihm im "Hamburger Abendblatt" bei: "Diese Fackeln sind für die Verwendung in der Seenotrettung entwickelt worden. In einem Stadion, wo viele Menschen auf einem Haufen stehen, ist die Gefahr, dass Kleidung oder gar Personen in Brand gesteckt werden, viel zu groß."
Ralf Bednarek, Vorsitzender der großen HSV-Fanorganisation Supporters Club, vertritt eine andere Sicht der Dinge. Zwar heißt er die Grenzüberschreitungen nicht gut, gibt aber weiter zu bedenken: "Das Thema lässt sich nicht durch Verbote regeln." Bednarek plädiert für ein "kontrolliertes Abbrennen mit behördlicher Regelung", so solle sich ein Feuerwehrmann in den Block gesellen. In der öffentlichen Diskussion störe ihn, dass der Pyro-Einsatz mit Gewalt gleichgesetzt werde: "Dabei ist es das Ziel dieser Leute, die Stimmung unter den Fans anzuheizen, um das eigene Team zu unterstützen."
Polizisten im Einsatz gegen Fans von Hannover 96, die sich vor dem Bayern-Spiel gegen Durchsuchungen gewehrt haben sollen.
Gegen die Unterstützung hat auch Hannovers Sportchef Jörg Schmadtke nichts einzuwenden - wenn sie denn ohne Pyrotechnik bleibt: "Ich glaube, dass die Atmosphäre auch ohne das Abfackeln irgendwelcher Brennstäbe gut ist", sagte Schmadtke. Wie verhärtet die Fronten zwischen Clubs und Fangruppen allerdings sind, zeigt das Beispiel Hannover. Vor dem Spiel gegen die Bayern war es zu einer Eskalation gekommen: Der Ordnungsdienst hatte Hinweise erhalten, dass bengalische Feuer ins Stadion geschmuggelt wurden und wollte die Fahnen und Doppelhalter der Ultras im Block filzen. Die Anhänger weigerten sich und sollen das Sicherheitspersonal, das am Ende die Polizei rief, bedroht haben. Dann geriet die Situation außer Kontrolle. Es kam zu Pöbeleien, Rangeleien und dem Einsatz von Reizgas - auch gegen Frauen und Kinder.
Unter den betroffenen Clubs mehren sich die Stimmen, die schon den Teufel an die Wand malen: Der "normale" Fußballfan werde vom Stadionbesuch abgeschreckt, klagte etwa Hansa Rostocks Präsident Bernd Hofmann im NDR Sportclub. Seine Angst: Es entstehe der Eindruck, dass nur noch Krawallmacher und Gewalttäter in den Stadien unterwegs seien. HSV-Chef Jarchow sieht eine ähnliche Gefahr: Mittelfristig werde es nicht bei Geldstrafen für die Clubs bleiben. "Irgendwann wird vielleicht unser Auswärtskontingent reduziert oder die Preise steigen oder die Stehplätze verschwinden. Das hat ja Auswirkungen auf die ganzen Fans, und das kann nicht in deren Interesse sein."