Stand: 27.04.2017 14:38 Uhr

"Schöner scheitern" oder: Der schlagbare FCB

Nach den Pleiten des FC Bayern im DFB-Pokal und in der Champions League ist es unübersehbar: Die früher unschlagbaren Münchner haben nun auch das Verlierer-Gen in ihren Reihen. Sachen gibt's ...

Eine Glosse von Albrecht Breitschuh, NDR 2

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Jetzt steht's fest: Philipp Lahm (M.) kann sein Karriereende nicht mit dem DFB-Pokalsieg krönen.

Es war im März 2017, also vor sehr langer Zeit. Die Bayern waren noch die zum Erfolg verdammte Siegesmaschine und hatten in der Champions League Arsenal London mit 5:1 nach Belieben auseinandergenommen. Einmal so richtig in Schwung, legten die Münchener im Rückspiel gleich noch mal nach und gewannen ebenfalls mit 5:1. Alle Welt redete von einer Demütigung, einem Desaster oder einer Klatsche. Nur einer nicht: Bayern-Trainer Carlo Ancelotti. "Das Ergebnis respektiert nicht, was auf dem Rasen passiert ist", klagte der Italiener über den seiner Meinung nach viel zu hohen Sieg. Und wer Ohren hatte zu hören, dem musste klar sein: Respektlosigkeiten dieser Art werden beim Rekordmeister ab sofort nicht mehr geduldet!

Die Faust in der Tasche

Logo von NDR Info und das Gesicht einer Frau © f1online

Die neuen Bayern

NDR Info - Auf ein Wort -

Die Bayern verlieren im Pokal - und plötzlich mögen alle die früher doch so arroganten Münchner. Schöner scheitern tut gut. Albrecht Breitschuh bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Dass Ancelotti es ernst meint, dürfte seit Mittwochabend auch der Letzte wissen. Nach dem 1:1-Ausgleich seiner Mannschaft gegen Borussia Dortmund war er der Einzige, der sich nicht vom allgemeinen Jubel anstecken ließ. Geradezu stoisch stand der mit südländischem Temperament reichlich ausgestattete Italiener an der Seitenlinie. Die Hände - vermutlich zur Faust geballt - tief in den Taschen und Kaugummi kauend, sann er über die Ungerechtigkeiten und Respektlosigkeiten im Fußball nach - und vielleicht auch darüber, welche Auswirkungen ein Sieg der Bayern auf den Aktienkurs von Borussia Dortmund haben würde.

Eine "Kultur des Verlierens"

Seine Mannschaft deutete Ancelottis Körpersprache richtig. Nachdem Mats Hummels die Gastgeber mit 2:1 in Führung gebracht hatte, wehrte er alle aufdringlichen Gratulanten mit grimmigem Blick ab. Fortan ließen Hummels und seine Mitspieler nichts unversucht, um den Dortmundern ein unvergessliches Mai-Wochenende in Berlin zu ermöglichen. Es ist ein neuer Geist, der beim Rekordmeister weht. Während andere über Chancengleichheit und Teilhabe nur reden, werden solche Werte an der Säbener Straße gelebt. Die neuen Bayern setzen mit ihrer nun schon mehrere Wochen andauernden "Kultur des Verlierens" ein überzeugendes und vor allem ehrliches Zeichen für einen menschlichen Profisport, in dem es um mehr geht als um Titel und Trophäen.

Es ist Zeit für eine neue Vereinshymne

"FC Bayern, forever number one", lautet die noch von kaltem Profitdenken geprägte Vereinshymne, in der es heißt: "Es war ein langer, weiter Weg/Wir wollten mehr von Anfang an/Das Spiel ist hart, doch wir sind dabei/Für uns zählt einzig der Erfolg." Die überarbeitete Version könnte sich nun so anhören: "Wir wollen auch andere mal erheitern/Durch unser selbstlos schönes Scheitern/Viel mehr als Ruhm und Glanz und Geld/Zählt ein Platz im Mittelfeld."

Ob die Bayern ihre Meisterfeier bereits abgesagt und eine Verlegung nach Leipzig beantragt haben, steht zwar noch nicht fest. Aber ihr nächster Gegner, der VfL Wolfsburg, darf sich schon mal auf großzügige Unterstützung aus München freuen und die drei Punkte im Kampf gegen den Abstieg verbuchen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 27.04.2017 | 18:25 Uhr