Stand: 10.11.2011 14:05 Uhr
Kein Platz für Trauer um Robert Enke
von Florian Neuhauss, NDR.de
Gedenken an Robert Enke auf der Anzeigetafel im Stadion.
Weit mehr als 100.000 Einträge zeigen, wie groß die Anteilnahme auch im Internet-Kondolenzbuch war, nachdem Robert Enke vor zwei Jahren sein Leben selbst beendet hatte. Jörg Neblung, der ehemalige Berater des deutschen Nationaltorhüters und Schlussmannes von Hannover 96, betreibt die Seite und erhält noch immer regelmäßig Nachrichten von Trauernden. Doch das Online-Kondolenzbuch ist längst nicht mehr frei einsehbar - zu viele haben das Angebot, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, missbraucht. "Bekanntlich ist die Anonymität des Internets der ideale Ort für Unflätigkeiten und Aufwiegelung", sagt Neblung NDR.de. "Die Bandbreite der Kommentare ist groß. Leider ging es bis zur Störung der Totenruhe und Denunzierung Dritter." Also musste er eingreifen. Kondoliert werden kann weiterhin, sehen können die Einträge aber nur noch die Administratoren. Um richtig zu filtern, fehle es seinem Unternehmen an "Manpower".
Die Karriere von Robert Enke in Bildern
1 von 20
In der Jugend spielt Robert Enke beim SV Jena Pharm und dem FC Carl Zeiss Jena. 1996 wechselt er zu Borussia Mönchengladbach. Sein Trainer bei den "Fohlen" heißt Bernd Krauss (oben Mitte).
Zunächst ist Enke bei Gladbach zwei Jahre lang Ersatztorhüter. In der Serie 1998/1999 erkämpft er sich den Stammplatz und absolviert 32 Partien für die Borussia.
Der junge Torhüter gerät früh ins Blickfeld der Nationalmannschaft. 1999 darf Enke mit der DFB-Auswahl am Confederations-Cup in Mexiko teilnehmen. Zum Einsatz kommt Enke nicht. Er ist die Nummer zwei hinter Jens Lehmann (l.).
Nach drei Jahren bei Borussia Mönchengladbach wechselt Enke 1999 zum portugiesischen Spitzenclub Benfica Lissabon.
Nach drei Jahren in Portugal erliegt Enke dem Werben des spanischen Traditionsvereins FC Barcelona. Trainer Louis van Gaal aber setzt nicht auf die Fangkünste des deutschen Schlussmanns.
Bei den Katalanen darf sich Enke nur im Training beweisen. Nach nur sechs Monaten zieht er einen Schlussstrich unter das Kapitel Barcelona.
Seine Fußball-Odyssee führt den Keeper weiter in die Türkei. Nach dem glücklosen Engagement bei "Barca" hofft Enke bei Fenerbahce Istanbul auf einen Neuanfang.
Doch auch am Bosporus wird Enke nicht glücklich. Nach nur einem Spiel für Fenerbahce ergreift der Schlussmann die Flucht aus der Türkei. Er heuert beim spanischen Zweitligisten CD Teneriffa an.
Nach fünf Jahren im Ausland kehrt Enke 2004 in die Bundesliga zurück. Ewald Lienen (3.v.l.), Trainer von Hannover 96, lotst den Schlussmann an die Leine.
Bei den Niedersachsen ist Enke von Beginn an unumstrittene Nummer eins und bringt die gegnerischen Angreifer - hier Bremens Nelson Valdez (r.) - zur Verzweiflung. Der Schlussmann absolviert in seiner ersten Saison bei den "Roten" alle 34 Bundesliga-Partien.
Auch in der Serie 2005/2006 zeigt Enke bemerkenswerte Konstanz. Der damalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann macht dem Schlussmann Hoffnungen auf eine Teilnahme an der Heim-Weltmeisterschaft. Am Ende muss Enke das Turnier aber vom Sofa aus verfolgen.
Am 28. März 2007 geht der sportliche Traum des Robert Enke in Erfüllung: Im Freundschaftsspiel gegen Dänemark feiert der Keeper sein Nationalmannschafts-Debüt. Die DFB-Auswahl unterliegt mit 0:1. Enke bekommt dennoch Bestnoten.
Bei der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz muss sich Enke mit der Rolle des Ersatztorwarts hinter Jens Lehmann begnügen.
Nach der EM und dem Rücktritt von Lehmann scheint Enkes Weg zur neuen deutschen Nummer eins aber frei zu sein.
Doch er ist erneut vom Pech verfolgt. Vor dem wichtigen WM-Qualifikationsspiel gegen Russland bricht sich der Schlussmann das Kahnbein. Statt Enke steht René Adler im Tor der Deutschen und überzeugt beim 2:1-Erfolg in Dortmund.
Enke erkämpft sich trotz des Rückschlags den Platz im deutschen Tor zurück.
Am 12. August 2009 steht Robert Enke zum letzten Mal für die deutsche Nationalmannschaft im Tor. In Baku gewinnt das Löw-Team gegen Aserbaidschan mit 2:0. Wenig später gibt der Bundestrainer Enke die Einsatzgarantie für die abschließenden WM-Qualifikationspartien gegen Aserbaidschan in Hannover und in Russland.
Nach offiziellem Aussagen des DFB setzt eine bakterielle Mageninfektion Enke vor den wichtigen Begegnungen allerdings außer Gefecht. Was damals nur seine engsten Vertrauten wissen: Die Krankheit ist vorgeschoben. Tatsächlich leidet Enke wieder unter Depressionen. Erneut ersetzt Adler den Hannoveraner.
Nach sechswöchiger Pause feiert Enke am 31. Oktober beim 1:0-Erfolg von Hannover in Köln sein Bundesliga-Comeback.
Am 8. November trennt sich Hannover 96 im Nordderby 2:2 vom Hamburger SV. Es ist das letzte von 196 Bundesliga-Spielen von Robert Enke. Zwei Tage später nimmt sich der Schlussmann das Leben.
Am 8. November trennt sich Hannover 96 im Nordderby 2:2 vom Hamburger SV. Es ist das letzte von 196 Bundesliga-Spielen von Robert Enke. Zwei Tage später nimmt sich der Schlussmann das Leben.
"Der Todestag wird mich ein Leben lang begleiten"
"Die Tragödie hat uns damals alle in eine tiefe Ohnmacht gestürzt", erinnert sich Andreas Bergmann, der im November 2009 Trainer der 96-Profis war. "Es war ganz schwer, sich wieder auf Fußball zu konzentrieren und dabei auch wieder Lust und Freude am Spiel zu haben." Der Coach verlor in den Monaten nach dem Unglück wegen der Erfolglosigkeit des Teams seinen Job, arbeitet heute beim Zweitligisten VfL Bochum. Florian Fromlowitz, damals Ersatztorhüter, war 23, als Enke sich das Leben nahm und rückte dann bei 96 in die erste Reihe. Auch dank seiner Paraden hielten die "Roten" noch die Klasse. "Roberts Tod hat uns lange gelähmt, da haben wir einen ganz schweren Rucksack mit uns herumgetragen. Den haben wir erst mit dem Klassenerhalt ablegen können", sagt der heutige Torhüter des MSV Duisburg. "Der Todestag wird mich trotzdem ein Leben lang begleiten."
Diesmal kein zentraler Trauerpunkt
Trauernde Fans zünden vor dem Stadion von Hannover 96 Kerzen an.
Tausende Menschen nahmen vor zwei Jahren an den Trauerfeiern im Stadion, in oder vor der Kirche und beim Trauermarsch durch Hannover teil. Millionen verfolgten am Fernseher, wie Teresa Enke vor die Presse trat, um über den Leidensweg ihres Mannes zu berichten. Und auch im vergangenen Jahr pilgerten viele zum Stadion der Hannoveraner. Dort hatte der Verein eine zentrale Anlaufstelle für die Trauernden geschaffen. In diesem Jahr verzichtet 96 allerdings darauf. Pressesprecher Alexander Jacob mag sich zu den Gründen nicht äußern, verweist nur auf die Möglichkeit, auf der Facebook-Seite der Niedersachsen zu kondolieren. Ein Großteil der 36 deutschen Profi-Vereine veröffentlichte am zweiten Todestag Enkes über ihre jeweilige Facebook-Seite eine Meldung zum Gedenken. Der FC Barcelona, für den der Torwart auch spielte, beteiligte sich ebenfalls an der Initiative.
Öffentlichkeit ist über das Thema Depression aufgeklärter
Für Berater Jörg Neblung ist Enke "jeden Tag gegenwärtig".
Für Neblung ist "Robert jeden Tag gegenwärtig". Seine eigene Trauer verstelle allerdings nicht seinen Blick dafür, dass im Profi-Fußball ein Umdenken eingesetzt habe. Einige Sportler haben zuletzt den Mut gefunden, sich "zu psychischen Erkrankungen zu bekennen". Der letzte Fall war der des ehemaligen Profis Michael Sternkopf, der als Manager bei Kickers Offenbach arbeitete. Neblung stellt fest: "Wir haben in Sachen Aufklärung über die unterschiedlichen Ausprägungen des Erschöpfungssyndroms oder auch der Depression einen riesigen Schritt nach vorne gemacht." Die Öffentlichkeit sei mittlerweile aufgeklärt. "Es ist auf jeden Fall leichter geworden, als Betroffener über das Thema zu sprechen", betont auch Dr. Valentin Markser, dem sich Enke im Jahr 2003 erstmals anvertraute. Doch an der Wurzel des Übels hat sich nach Bergmanns Meinung nach wie kaum etwas getan: "Fußball ist ein knallhartes Geschäft." Für Zweifel, Ängste und Schwächen sei da leider immer noch kein Platz.