Stand: 04.02.2013 16:18 Uhr
Der Bundesliga-Profi und das "Sklavenschiff"
von Hanno Bode, NDR.de
Jonathan Akpoborie wurde beschuldigt, in Kinderhandel involviert zu sein.
Jonathan Akpoborie ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Lediglich vier Treffer schlagen für den Angreifer des VfL Wolfsburg in der Bundesliga-Saison 2000/2001 zu Buche. Die Schlagzeilen hatten bis dato anderen Fußballern gehört, bevor Mitte April 2001 der Fall eines Schiffs publik wird, auf dem Minderjährige aus Afrika zur Arbeit in andere Länder verschleppt werden sollten. Von einem Moment auf den anderen steht der Nigerianer ungewollt im Rampenlicht. Als Miteigner der Fähre "MV Etireno" wird der Torjäger verdächtigt, in den Handel mit Kindersklaven involviert zu sein. "Sklavenschiff - Es gehört Bundesliga-Star Akpoborie", titelt am 23. April 2001 die "Bild", der "Tagesspiegel" wählt für seinen Artikel die Überschrift: "Fall Etireno: Der Fußballer und die Kindersklaven". Andere Medien berichten ähnlich reißerisch über den Fall, auf den die Hilfswerke "UNICEF" und "terre des hommes" aufmerksam gemacht hatten. Akpoborie wird öffentlich vorverurteilt, obgleich er von Beginn an seine Unschuld beteuert: "Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht, als in einem Bericht von CNN über Sklavenhandel der Name unserer Schiffes auftauchte."
"UNICEF hat gelogen - Mein Leben war zerstört"
Die Fähre Etireno wurde Akpoborie zum Verhängnis.
An Bord der Fähre, die zu diesem Zeitpunkt nach zweiwöchiger Irrfahrt vor der Küste Westafrikas wieder in ihren Heimathafen Cotonou im Benin vor Anker liegt, befanden sich Minderjährige ohne Eltern und Papiere. Zunächst war von 250 die Rede gewesen, später wurde die Anzahl nach einer Durchsuchung des Schiffs auf 43 korrigiert. Es kommen Gerüchte auf, die anderen 207 Kinder seien von dem einschlägig vorbestraften Kapitän und seiner Mannschaft ins Meer geworfen worden. Anhaltspunkte gibt es dafür nicht. Ohnehin ist die Faktenlage dünn. Ein Dementi jagt in diesen Tagen das andere. "Alle warteten auf die Bilder von Kindern in Ketten, wie UNICEF sie in die Welt gesetzt hatte. Als man die nicht fand, wurde behauptet, der Kapitän habe sie vielleicht über Bord werfen lassen. Das ist ungeheuerlich", sagte Akpoborie 2010 in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" und klagte an: "UNICEF hat gelogen. Ich war ein erfolgreicher Stürmer und plötzlich Sklavenhändler. Mein Leben war zerstört."
Akpoborie: Karriere zwischen Himmel und Hölle
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Jonathan Akpoborie erblickt am 20. Oktober 1968 in Lagos das Licht der Welt. Seine ersten fußballerischen Schritte macht der Nigerianer beim FC Julius Berger Lagos.
Akpobories Talent bleibt dem nigerianischen Fußball-Verband nicht verborgen. Der Angreifer wird in die U16-Auswahl des Landes berufen und feiert mit dem Junioren-Team 1985 den Gewinn des Weltmeistertitels. Im Finale gegen Deutschland erzielt der Stürmer das 1:0. Am Ende siegt Nigeria 2:0.
1988 zieht es Akpoborie in die USA, um am New Yorker Brooklyn College Kommunikationswissenschaften zu studieren. Er spielt in der Auswahlmannschaft der Universität, wird aber nicht - anders als erhofft - von einem Proficlub entdeckt. Der Angreifer bricht seine Zelte in Amerika ab und zieht 1989 weiter nach Deutschland.
Akpobories erste Station in Deutschland ist der 1. FC Saarbrücken. Für den Zweitligisten erzielt der Nigerianer in den Spielzeiten 1990/1991 und 1991/1992 neun Tore. Der Durchbruch bleibt dem Angreifer beim Traditionsclub verwehrt.
Beim FC Carl Zeiss Jena macht sich Akpoborie anschließend einen Namen. Dem Nigerianer gelingen in seiner ersten Saison für die Thüringer (1992/1993) 17 Tore. In der darauf folgenden Serie ist der Angreifer dann allerdings nur noch neun Mal erfolgreich.
Akpoborie verlässt Jena und schließt sich dem Regionalligisten Stuttgarter Kickers an. Bei den Schwaben avanciert der Nigerianer zum Publikumsliebling und hat am Ende der Saison 37 Tore auf seinem Konto.
Akpoborie entscheidet sich für einen Wechsel zu Waldhof Mannheim und erzielt in der Hinrunde der Saison 1995/1996 neun Tore für die Baden-Württemberger. Als dann Klaus Schlappner das Traineramt beim Zweitligisten übernimmt, bittet der Stürmer um seine Freigabe. Mit dem Coach hatte Akpoborie in Saarbrücken zusammengearbeitet und alles andere als ein harmonisches Verhältnis.
Für Akpoborie geht im Januar 1996 mit dem Wechsel zu Hansa Rostock ein Traum in Erfüllung. Endlich ist der Nigerianer in der Bundesliga angekommen. Und der Stürmer schlägt bei den Mecklenburgern sofort ein. In der Rückrunde erzielt Akpoborie in 16 Einsätzen sechs Tore für die Hanseaten.
In seiner zweiten Saison im Hansa-Dress gelingen Akpoborie sogar 14 Tore in 31 Spielen. Die Leistungen des Stürmers wecken bei der Konkurrenz Begehrlichkeiten.
Zur Saison 1997/1998 wechselt Akpoborie zum VfB Stuttgart. Für die Schwaben erzielt der Stürmer in zwei Jahren 21 Bundesliga-Tore und trägt zum Einzug ins Europapokal-Finale der Pokalsieger bei. Zudem empfiehlt sich Akpoborie durch seine guten Leistungen für die Nationalmannschaft seines Heimatlandes.
Akpoborie absolviert zwölf Länderspiele für Nigeria. Doch sein Traum von einer Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich platzt: Der Angreifer muss verletzt passen.
1999 entschließt sich Akpoborie zu einem Wechsel zum VfL Wolfsburg. Die Niedersachsen überweisen eine Ablösesumme von 950.000 Euro für den Nigerianer an den VfB.
Auch bei den "Wölfen" gibt es für Akpoborie viel Grund zum Jubeln. Der Angreifer ist im Stadion am Elsterweg Publikumsliebling und erzielt in zwei Jahren 20 Bundesliga-Tore für den Werksclub.
Im April 2001 muss sich Akpoborie gegen Anschuldigen zur Wehr setzen, er sei in den Transport von Kindersklaven involviert. Die im Besitz seiner Familie befindliche Fähre "Etireno" war zuvor an der Grenze von Benin aufgehalten worden. An Bord befanden sich Kinder ohne Eltern und Papiere. Akpoborie bestreitet, von der Aktion gewusst zu haben und eine Mitschuld zu tragen.
Obwohl Akpoborie keine Schuld nachgewiesen werden kann und auch keine Anklage erhoben wird, zieht der VfL Konsequenzen und suspendiert den Angreifer. Hauptsponsor Volkswagen soll den Club zu dieser Entscheidung gedrängt haben. Der Autokonzern befürchtete einen Imageschaden.
Der Ruf des Angreifers hat durch die Affäre gelitten. Mangels Alternativen nimmt Akpoborie das Angebot des Zweitligisten Saarbrücken an. Doch der Neuanfang misslingt. Nach nur vier Einsätzen für die Saarländer muss der Stürmer seine Karriere wegen eines Knorpelschadens beenden.
Dem Fußball ist Akpoborie bis heute treu geblieben. Der ehemalige Torjäger versucht als Spielerberater, afrikanische Talente an europäische Clubs zu vermitteln.
Dem Fußball ist Akpoborie bis heute treu geblieben. Der ehemalige Torjäger versucht als Spielerberater, afrikanische Talente an europäische Clubs zu vermitteln.
Trainer Wolf: "Johnny sieht das nicht so dramatisch"
Als der Fall Mitte April 2001 an die Öffentlichkeit kommt, glaubt der Wolfsburger Publikumsliebling noch, die Angelegenheit von Deutschland aus klären zu können. Der Nigerianer, der mit seinem Bruder die in Lagos ansässige Firma "Titanic Investment Limited" führt, setzt einen Rechtsanwalt in Benin ein, wo das Schiff von den dortigen Ordnungsbehörden festgehalten wird. Zudem telefoniert der Angreifer mehrmals täglich mit dem Kapitän der Fähre. Der VfL schenkt den Unschuldsbeteuerungen seines Angestellten zunächst Glauben. Doch der öffentliche Druck auf den Stürmer hält unvermindert an. Der Werksclub stellt Akpoborie schließlich auf Drängen seines Hauptanteilseigners Volkswagen frei. Die Belegschaft des Autobauers hatte gerade vier Millionen Euro für ein "terre des hommes"-Projekt gespendet. "Und das sei nicht zu vereinbaren mit so einem Fall in den eigenen Reihen", heißt es aus dem Werk. Am 1. Mai reist Akpoborie von Hannover via Frankfurt nach Lagos. Er soll vor Ort Beweise für seine Unschuld erbringen. Dass er nie wieder das "Wölfe"-Trikot wird überstreifen dürfen, kommt ihm nicht in den Sinn. "Johnny sieht das alles nicht so dramatisch. Dabei steht seine Karriere auf dem Spiel", sagte der damalige VfL-Trainer Wolfgang Wolf der "Welt".