Stand: 10.11.2015 11:30 Uhr

Ist St. Pauli reif für den Aufstieg?

von Johannes Freytag, NDR.de
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St. Paulis Profis nach dem 4:0 gegen Düsseldorf obenauf.

Es ist gerade einmal sieben Monate her, da zierte der FC St. Pauli das Tabellenende der Zweiten Liga. Dann kam Fortuna Düsseldorf am 6. April ans Millerntor - mit dem 4:0 (3:0)-Erfolg gegen die Rheinländer starteten die Kiezkicker damals ihre Aufholjagd, die mit dem Klassenerhalt am letzten Spieltag bei Darmstadt 98 gekrönt wurde. Am Montag war die Fortuna nun erneut zu Gast, wieder hieß das Endergebnis 4:0 - doch diesmal bewegt sich die Mannschaft von Trainer Ewald Lienen in ganz anderen Sphären. Die Hamburger sind Tabellenzweiter, punktgleich mit Spitzenreiter SC Freiburg und den drittplatzierten Leipzigern. Der Abstand zu einem Nichtaufstiegsplatz beträgt immerhin schon vier Zähler - ist der FC St. Pauli schon reif für die Bundesliga? Lienen wiegelte zunächst ab: "Wir sind glücklich, dass wir gewonnen haben." Doch anschließend ging mit dem Coach auch die Begeisterung durch: "Ich finde kaum Worte. Viel besser kann man das nicht spielen."

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Mannschaftsgefüge stimmt

Auffällig ist: Sieben Profis, die schon im April gegen Düsseldorf aufliefen, waren auch am Montag dabei - wie ist aus dem damaligen Abstiegskandidaten das heutige Spitzenteam geworden? Trotz der zahlreichen Abgänge im Sommer (elf Spieler verließen den Club) ist der Kern des Teams zusammengeblieben. Marc Rzatkowski, einer der Leistungsträger in dieser Saison, sieht genau darin einen Grund für den Aufschwung: "Der Kader ist kleiner. Aber wir haben schon in der Vorbereitung gemerkt, dass jetzt jeder besser zum Zug kommt. In der kleineren Gruppe kommt jeder zu Wort. Außerdem haben uns die Erlebnisse der letzten Saison verbunden", sagte der 25-Jährige im Interview mit NDR.de. Die Versetzung von Rzatkowski ins defensive Mittelfeld ist eine der Stellschrauben, an denen Lienen im Team gedreht hat. Rzatkowski ist Dreh- und Angelpunkt und immer anspielbar: "Ich habe sehr viel Spaß und glaube, dass man das auch auf dem Platz sehen kann."

Defensive ein Bollwerk

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Philipp Ziereis (l.) und Lasse Sobiech bilden ein bärenstarkes Defensiv-Duo.

Den wichtigsten Wandel hat der FC St. Pauli jedoch im Defensivverhalten erfahren. Aus der einstigen Schießbude ist die beste Abwehr der Liga geworden: Lediglich elf Gegentreffer haben die Hamburger kassiert - kein Team steht besser da (Braunschweig und Heidenheim haben ebenfalls elf). Acht Mal spielten die Kiezkicker zudem bereits zu null - was auch den starken Leistungen von Torwart Robin Himmelmann zuzuschreiben ist. Eine weitere Säule der positiven Entwicklung ist Philipp Ziereis. Der 22-Jährige war zunächst im Abwehrzentrum nur der Ersatz für den verletzten Sören Gonther. Doch inzwischen hat der Youngster den wiedergenesenen Kapitän verdrängt, Gonther sitzt nur auf der Bank. Ziereis bildet mit Lasse Sobiech ein bärenstarkes Duo - und daran will Lienen auch nicht rütteln: "Unsere Innenverteidigung steht". Zudem hat sich Last-Minute-Neuzugang Marc Hornschuh als Volltreffer erwiesen. Der 24-Jährige sorgt auf der rechten Abwehrseite mit seinem unaufgeregten Spiel für Stabilität. Hornschuh, der am 31. August vom FSV Frankfurt ans Millerntor kam, hat seitdem in neun Partien keine Minute verpasst.

Trotz Thy - Schwachpunkt Offensive

St. Paulis Torjäger seit 2002

2002/2003: Gerber/Patschinski 8 Tore
2003/2004: Bounoua 13 Tore
2004/2005: Wojcik 10 Tore
2005/2006: Dinzey/Meggle 10 Tore
2006/2007: Takyi 8 Tore
2007/2008: Schnitzler 6 Tore
2008/2009: Ebbers/Ludwig 10 Tore
2009/2010: Ebbers 20 Tore
2010/2011: Asamoah 6 Tore
2011/2012: Kruse 13 Tore
2012/2013: Ginczek 18 Tore
2013/2014: Bartels 7 Tore
2014/2015: Thy/Nöthe 5 Tore

Ein Bollwerk in der Defensive, Spielfreude im Mittelfeld - die Kiezkicker scheinen gut aufgestellt zu sein. Wenn da nicht der Schwachpunkt Offensive wäre. "Wir sind froh, wenn wir ein Tor schießen, auch mal zwei, aber vier, da kann man schon mal durcheinanderkommen", sagte Lienen nach dem 4:0-Sieg gegen Düsseldorf. In der Tat sind die bisher erzielten 19 Saisontore allenfalls ein durchschnittlicher Wert. Darüber darf auch nicht der jüngste Viererpack von Lennart Thy gegen Düsseldorf hinwegtäuschen. Der Ex-Bremer hatte zuvor in 13 Einsätzen lediglich einmal getroffen. Dennoch hielt Lienen an ihm fest - Thy stand 13 Mal in der Startelf - und wurde nun für seine "Nibelungentreue" belohnt. Fünf Tore hat Thy jetzt auf dem Konto - so viele wie in der gesamten Vorsaison (32 Spiele). Bleibt abzuwarten, ob der Knoten tatsächlich geplatzt ist, oder ob es bei der fast schon traditionellen Sturmflaute St. Paulis bleibt. Wenn es gelingt, auch diese Baustelle zu schließen, scheinen die Hamburger tatsächlich reif dafür zu sein, an die Tür zur Ersten Liga zu klopfen.

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