Stand: 10.01.2016 12:47 Uhr

Der Tod des Junior Malanda - Ein Jahr danach

von Florian Neuhauss, NDR.de
Bild vergrößern
10. Januar 2016: Eine Frau in der Stadionkapelle des VfL Wolfsburg gedenkt Junior Malanda.

Juristisch ist der Tod von Junior Malanda noch immer nicht aufgearbeitet - und beim Fußball-Bundesligisten VfL Wolfsburg, bei dem der Belgier unter Vertrag stand, kommen die Ereignisse jenes 10. Januars 2015 nun wieder hoch. "Ich habe in diesen Tagen den ganzen Ablauf der Tragödie wieder vor Augen", sagte "Wölfe"-Trainer Dieter Hecking der "Sport Bild". Der VfL hatte am Sonntag die Stadionkapelle geöffnet, um den Fans die Möglichkeit zum Gedenken zu bieten. Der 20 Jahre alte Nationalspieler war vor einem Jahr auf dem Weg aus dem Heimaturlaub zurück zur Mannschaft bei einem Autounfall auf der A2 bei Porta Westfalica ums Leben gekommen. Der Todesfall war für den ganzen VfL eine Zäsur - und Antrieb zugleich. Hecking: "Der schreckliche Einstieg ins neue Jahr hat uns stets begleitet und zu dem einen oder anderen Erfolg getrieben." Die Wolfsburger wurden Vizemeister, gewannen erstmals den DFB-Pokal und den Supercup.

Erinnerungen an Junior Malanda

Große Trauerfeier in Brüssel

Daran war allerdings zunächst nicht zu denken. Die Mannschaft stand unter Schock, war "in einem fürchterlichen Zustand", wie Manager Klaus Allofs sagte - und wollte anfänglich nicht ins geplante Trainingslager nach Südafrika aufbrechen. Die Niedersachsen verschoben den Start jedoch nur um einen Tag. "Heute wissen wir, dass es das Beste war, ins Trainingslager zu fahren. So hatten wir Abstand", erklärte Hecking. Während sich zu Hause Tausende Fans zu einem Trauermarsch versammelten und sich vor der Arena ein Meer aus Blumen, Kerzen und Fotos ausbreitete, rückten die Spieler eng zusammen und lernten auch dank der Hilfe eines Psychologen mit dem Drama umzugehen. So waren die Spieler auch auf die riesige Trauerfeier vorbereitet, zu der die Mannschaft unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach Brüssel reiste.

"Junior stand unter schlechtem Einfluss"

Nach dem Tod des großen Fußball-Talents wurden allerdings auch einige kritische Töne laut. Malandas Manager, Peter Smeets, berichtete, dass der Wagen des Mittelfeldspielers in dem halben Jahr vor dem Unfall zehnmal mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern geblitzt worden sei - dabei habe Malanda "fast nie" am Steuer gesessen. Smeets forderte die Proficlubs auf, Verfehlungen ihrer Akteure konsequenter und härter zu sanktionieren und griff damit auch indirekt den VfL an. Sein Mandant habe unter schlechtem Einfluss gestanden: "Er war das Opfer seiner falschen Freunde." Malandas Vater wiederum machte die Berater seines Sohnes für dessen Tod verantwortlich. "Wie Geier kreisen sie um die jungen Fußballer. Sie haben ihn von der Familie entfremdet, gaben ihm falsche Informationen und machten ihm alle Art von Versprechungen", meinte Bernard Malanda und fügte hinzu, dass Junior mit dem vielen Geld nicht habe umgehen können.

"Wölfe" spielen für ihren zwölften Mann

Der VfL setzte am ersten Bundesliga-Spieltag nach dem Winter einen sportlichen Meilenstein - das 4:1 gegen den FC Bayern war der Startschuss zur besten Rückrunde seit der Meistersaison 2009. "Es hat sich alles entladen, auch die ganze Stimmung im Stadion, was sich in drei Wochen aufgestaut hatte", erinnerte sich Hecking. "Als Trainer kann ich sagen: Meine Mannschaft hat das perfekte Spiel an dem Abend geliefert. Damit war der Fokus wieder auf Fußball gelegt." Besonders wichtig war, dass die Tragödie Malanda-Kumpel und VfL-Spielmacher Kevin De Bruyne nicht aus der Bahn warf. Der Belgier, der mittlerweile für die Rekordsumme von rund 75 Millionen Euro zu Manchester City gewechselt ist, war in der vergangenen Saison der alles überragende Spieler beim VfL. Der Offensivmann stellte mit 22 Assists einen Vorlagenrekord in der Liga auf und entdeckte auf einmal auch seine Torjägerqualitäten (zehn Treffer). Malanda war im Grunde weiter stets dabei. "Im Pokalfinale gegen Dortmund habe ich in der Halbzeit zum Beispiel gesagt: Wenn die Kraft nicht reicht, dann ist noch Junior da. Er ist unser zwölfter Mann", betonte Hecking.

In der Saison 2015/2016 hinken die Niedersachsen als Siebter zur Winterpause zwar den Erwartungen hinterher, mit dem erstmaligen Überwintern in der Champions League haben die "Wölfe" allerdings Club-Geschichte geschrieben und können sich dank eines Glücksloses sogar berechtigte Hoffnungen auf das Viertelfinale machen. Im Trainingslager im portugiesischen Lagos hielt Hecking am Sonntag eine Ansprache, die Trainingseinheit absolvierten die Spieler in Leibchen, auf die eine 19 auf grünem Herz gedruckt waren. Die 19 war Malandas Trikotnummer. Allofs erklärte: "Es bleibt weiterhin eine Tragödie und ein großer Verlust, in erster Linie für Juniors Familie - aber auch für den VfL Wolfsburg, für seine Fans, Spieler und Mitarbeiter."

"Haben Versicherungen für solche Extremfälle"

Der Manager verriet in der "Bild" zudem: "Wir haben Versicherungen für solche Extremfälle. Die richten sich aber nicht nach einem marginalen Marktwert, sondern nach den Werten, die in den Büchern stehen. Das war in diesem Fall so. Wir waren also versichert. Das steht aber in keinem Verhältnis zum menschlichen Wert des Spielers." Wolfsburg hatte Malanda im Sommer 2013 für rund 1,5 Millionen Euro verpflichtet.

Bei Starkregen und Sturmböen viel zu schnell - nicht angeschnallt

Die Juristen beschäftigt der Tod von Malanda nach wie vor. Ein Sprecher des Amtsgerichts Minden bestätigte, dass die Überarbeitung eines Gutachtens noch ausstehe. Im Gutachten geht es darum, ob ein angeschnallter Malanda überlebt hätte. Erst danach werde entschieden, ob das Hauptverfahren gegen den Freund Malandas, der am Steuer saß und mittlerweile in Portugal spielt, wegen fahrlässiger Tötung eröffnet wird. Das Auto war bei Starkregen und Sturmböen mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit (120 in einer 80er-Zone) durch die Leitplanke gebrochen. Malanda war - anders als der damals ebenfalls 20 Jahre alte Fahrer und der gleichaltrige Beifahrer - nicht angeschnallt, wurde aus dem Fahrzeug geschleudert und war sofort tot.

Wilde Gerüchte um Umstände der Todesfahrt

Über die Umstände der Todesfahrt rankten sich die wildesten Gerüchte. Angeblich waren Malanda und Co. spät dran, weil der Spieler zunächst seine Playstation für das Trainingslager vergessen hatte. Eine andere Quelle berichtete darüber, Malanda habe unangeschnallt auf der Rückbank gelegen, während er schlief. Laut den Ermittlungsergebnissen der Staatsanwaltschaft hatte sich der 20-Jährige nur kurz abgeschnallt, um sich nach einem Handykabel zu bücken. Genau in diesem Moment passierte der Unfall. Das Amtsgericht Minden rechnet mit einer Entscheidung in nächster Zeit.