Stand: 06.11.2014 09:46 Uhr

Uwe Reinders und das Wunder von Rostock

von Hanno Bode, NDR.de

Uwe Reinders war einer der wenigen Trainer, die zur Wendezeit vom Westen in den Osten gingen. Mit Hansa Rostock schrieb er Geschichte und wurde am 25. Mai 1991 letzter DDR-Meister.

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Uwe Reinders hält stolz den FDGB-Pokal in die Höhe.

Uwe Reinders traute seinen Augen nicht. So viel Disziplin und Gehorsam hatte der Coach in seiner langen und bewegten Laufbahn zuvor noch nicht erlebt. Als der viermalige deutsche Fußball-Nationalspieler am 1. Juli 1990 seine erste Einheit als Trainer des FC Hansa Rostock leiten wollte, standen seine neuen Schützlinge alle nebeneinander in Reih und Glied an der Seitenlinie. Reinders fragte sichtlich irritiert bei seinem Assistenten Jürgen Decker nach, was die Profis denn da treiben würden. Der "Co" erklärte, dass er sie mit einem "Sport Frei" begrüßen müsse. So war es über Jahre hinweg beim damaligen DDR-Oberligisten üblich gewesen.

Lockere Art wirkt leistungsfördernd

Reinders, der in der Wendezeit als einer der ganz wenigen westdeutschen Trainer den Weg in den Osten wagte, wollte dieses Ritual nicht beibehalten. "Ich habe die Jungs gefragt, ob sie vielleicht noch auf einen General warten würden. Und ihnen gleich erklärt, dass es so etwas bei mir nicht gibt", erinnerte sich der Fußballlehrer in einem Interview mit dem Magazin "11 Freunde". Ebenfalls ungewohnt: Von den 20 Spielern, die er trainierte, besaß keiner ein Telefon. "Wenn die mich benachrichtigen wollen, müssen sie trommeln", nahm es der Trainer mit Humor. Die lockere Art des langjährigen Profis von Werder Bremen (1977-1985) fand viel Zuspruch bei seinem Team und war eindeutig leistungsfördernd: Unter Reinders wurde Hansa in der Serie 1990/1991 sensationell letzter DDR-Meister und gewann zudem den FDGB-Pokal.

Hansas Helden - das Meisterteam von 1991

"Es war eine tolle, verrückte Zeit"

Der gebürtige Essener war zweifellos Architekt eines Fußball-Wunders. Denn eigentlich hatte die Vereinsführung des Traditionsclubs dem Coach lediglich die Qualifikation für die Zweite Bundesliga als Zielvorgabe gesetzt. Dafür hätte Rang sechs in der Oberliga gereicht, die nach besagter Saison aufgelöst wurde. Hansa war - mit Verlaub - keine große Nummer im Osten. Die Rostocker hatten den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft, standen klar im Schatten der großen Vereine wie Dynamo Berlin und Dynamo Dresden. Dann kam Reinders und schrieb mit seinem Team, das er gerne "Kollektiv" nannte, Geschichte. Bereits drei Spieltage vor dem Saisonende durften die Mecklenburger den Titelgewinn feiern. Und damit auch die Qualifikation für die Bundesliga. "Es war eine tolle, verrückte Zeit. Wir hatten eine tolle Truppe. Es war beileibe kein Zufall und auch nicht nur Glück, dass wir damals aufgestiegen sind", sagte Reinders.

Porträt

Ein Leben lang Hansa Rostock: Juri Schlünz

Ob als Spieler, Trainer oder Scout: Bereits seit 1968 ist Juri Schlünz für Hansa Rostock tätig. Als Kapitän führte er den Club 1991 zur letzten DDR-Meisterschaft - und war zum Auftakt der Bundesliga gesperrt. mehr

Abenteuer abseits des Platzes

Doch nicht nur die sportlichen Erfolge blieben bei dem Mann im Gedächtnis, der als Profi selbst ein "Paradiesvogel" war und über den sein ehemaliger Trainer Otto Rehhagel einmal sagte: "Mit dem Ball ist er Weltklasse - ohne Ball Kreisklasse". Abseits des Feldes erlebte der "schwierige Charakter und Zocker" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung") so manches Abenteuer an der Ostsee. "Es gab zu der Zeit in Rostock nur eine einzige Tankstelle mit Benzin bleifrei. Da musste man zwei Stunden Schlange stehen. Als ich da einmal wartete, fuhr ein dicker Mercedes an allen vorbei und wollte tanken. Als der Fahrer ausstieg, sagte ich zu ihm: Meinst du wir warten hier auf den Bus? Wenn du jetzt tankst, hau ich dir beide Arme ab", erzählte er dem Blatt "11 Freunde". Auch seine Schützlinge mussten sich so manch lockeren Spruch anhören. "Die sahen alle langweilig aus. Vorne kurz und hinten lang. Daran konnten sie jeden DDR-Spieler erkennen. Die hatten alle ein und denselben Friseur", meinte der Ex-Werder-Star.

Rausschmiss nach Sensationsstart und anschließender Talfahrt

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Uwe Reinders wurde bei Hansa 1992 nach 27. Bundesliga-Spieltagen entlassen.

Nach dem Bundesliga-Abstieg bekam das Team allerdings ein anderes Gesicht. Hansa musste, um konkurrenzfähig zu sein, teure Profis aus dem Westen verpflichten. Erfahrene Akteure wie Olaf Bodden, Michael Spies oder Frantisek Straka heuerten bei den Mecklenburgern an. "Die kamen nicht für einen Appel und ein Ei oder weil die Ostsee so schön war. Die wollten Geld verdienen", sagte Reinders. Zunächst schrieb der letzte DDR-Meister am Märchen weiter. Nach neun Bundesliga-Spieltagen stand Rostock sensationell an der Tabellenspitze, hatte dabei unter anderem bei Bayern München mit 2:1 gewonnen. Nebenbei durften sich die Hanseaten im Europapokal mit dem FC Barcelona messen (0:3, 1:0). Irgendwann aber geht jeder Traum zu Ende. Hansa rutschte nach und nach im Klassement ab. Zur sportlichen Talfahrt gesellte sich ein Prämienstreit des Trainers mit dem damaligen Präsidenten Gerd Kische. "Ich hatte ja die Prämien selbst hinein geschrieben. Kaum war Gerd Kische im Amt, meinte er plötzlich, ich solle auf 50 Prozent verzichten. Ich war zwar bereit mir das Geld später auszahlen zu lassen, aber darauf verzichten wollte ich natürlich nicht. Von da an gab es Krieg zwischen Gerd Kische und Uwe Reinders", erklärte der Coach. Nach 27 Spieltagen musste Reinders seinen Hut nehmen.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 01.03.2015 | 23:35 Uhr

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