Stand: 15.03.2017 09:22 Uhr

Traumjob Fußball-Profi - und danach?

von Bettina Lenner, NDR.de und Andreas Becker, NDR Fernsehen
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Auf dem Höhepunkt: Thomas Häßler 1990 mit der WM-Trophäe.

Thomas Häßler war ganz oben: 1990 Weltmeister, 1996 Europameister, viel mehr geht nicht im Fußball. Auch in diesem Jahr kämpfte der 50-Jährige wieder um einen Titel, wenn auch einen sportlich unbedeutsamen - im Dschungelcamp. Ein Ex-Weltmeister trinkt Fischabfälle. Aber warum? Das Vermögen abgeschmolzen, die Schule abgebrochen, die Lehre als Bauzeichner nicht beendet - ohne den Fußball kam die große Flaute. Und dann der Frust: "Es hat was gefehlt", sagt Häßler. Auch Ailton kann ein Lied davon singen. Einst Bundesliga-Torschützenkönig, Fußballer des Jahres und erfolgreicher Bremer "Kugelblitz", fand sich der Brasilianer schließlich auf sportlicher Tingeltour und - natürlich - im Dschungelcamp wieder. Das Geld verschleudert, eine berufliche Perspektive nicht vorhanden - das traurige Ende einer einst glanzvollen Laufbahn.

VdV: "Die Entwicklung ist mit Sorge zu sehen"

Jeder vierte Profi-Fußballer hat im Anschluss an seine Karriere Geldsorgen, zwei Drittel beschäftigen sich nicht mit dem Leben danach. Alarmierende Zahlen, findet auch die Spielergewerkschaft VdV. "Die Entwicklung ist mit Sorge zu sehen. Wir haben positive Trends im Bereich der Schulausbildung, mehr als zwei Drittel der Spieler haben mittlerweile Abitur oder Fachabitur. Aber auf der anderen Seite ist die Quote derjenigen, die abrufbare berufliche Qualifikationen haben, von 40 auf 15 Prozent zurückgegangen. Das ist insbesondere für die problematisch, die nicht genügend Geld verdient haben, um diesen Übergang ohne finanzielle Sorgen meistern zu können", schildert VdV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky dem NDR Sportclub.

VdV-Chef Ulf Baranowsky

VdV-Chef Baranowsky: "Plan B entwickeln"

Sportclub -

Viele Fußball-Profis machen sich über die Zeit nach dem Karriereende keine Gedanken. Warum ist das so? Und was sind die Folgen? Andreas Becker hat darüber mit VdV-Chef Ulf Baranowsky gesprochen.

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Symptome von Depressionen, Angststörungen und auch Suchterkrankungen - keine Seltenheit bei Ex-Profis, wie eine Studie des Welt-Dachverbandes der Spielergewerkschaften FIFPro zeigt. "Um das zu verhindern, ist es wichtig, sich möglichst frühzeitig der Problematik zu stellen und schon am Anfang der Karriere einen Plan B zu entwickeln", unterstreicht Baranowsky: "Denn das Karriereende kann immer kommen. Nur ein Foul, und es ist vorbei."

Heerwagens "tägliche Dosis Demut"

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Die Spielergewerkschaft steht Profis zur Seite - wie mit dem Sommercamp für vertragslose Spieler, wo die Planung für die Karriere nach der Karriere auf dem Lehrplan steht. Dort war 2013 auch Philipp Heerwagen dabei, bevor ihn der FC St. Pauli wieder unter Vertrag nahm. Heute ist er die Nummer eins im Tor der Kiezkicker, doch an die bittere Zeit der Arbeitslosigkeit erinnert er sich täglich: "Ich fahre jeden Tag auf dem Weg zum Training am Arbeitsamt vorbei. Da war ich schon zweimal, und das ist ein hartes Stück. Das ist meine tägliche Dosis Demut."

Der 33-Jährige ist für die Zukunft gut aufgestellt, will mithilfe der VdV ein Fernstudium (Wirtschaftspsychologie) aufnehmen. Doch viele Kollegen gingen "sorglos" mit dem Thema um, erzählt der Keeper: "Es ist eine brutal schwierige Situation, weil man glaubt, dass die Karriere immer so weitergeht. Dass es schon einen Verein geben wird, der einen verpflichtet."

Nur zehn Prozent haben ausgesorgt

"Das Thema wird verdrängt", berichtet Baranowsky: "Wir bekommen häufig die Antwort, dass die Spieler wissen, dass sie in diesem Bereich etwas machen müssen. Aber dass sie es vor sich herschieben, weil sie im Fussball den größtmöglichen Erfolg haben und darum fokussiert sein wollen." So wie vor allem in der Regionalliga oder in der Dritten Liga, wo Talente wenig verdienen und voll auf die Karte Fußball setzen. Sie träumen vom Sprung nach ganz oben. Doch die wenigstens schaffen es dahin. Und ausgesorgt haben im Anschluss an die Laufbahn nur zehn Prozent, die allzu häufig nicht mit ihrer Zeit, dem Geld, der ungewohnten Anonymität umzugehen wissen.

Was, wenn das Rampenlicht erlischt?

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Auch Nico Patschinski, einst Torschütze für den FC St. Pauli im legendären "Weltpokalsiegerbesieger"-Spiel gegen den FC Bayern, hat sich während seiner aktiven Zeit wenig Gedanken über die Zukunft gemacht. "Wenn Leute gesagt haben, 'Mensch, hast du dich denn nicht besser vorbereitet auf das Leben danach?', dann muss ich ehrlich sagen, 'ne, habe ich nicht gemacht'", gesteht er. Das Geld verjubelt, verzockt, falsch investiert - Patschinski befindet sich in prominenter Gesellschaft. Heute arbeitet er für ein Bestattungsunternehmen. Das Rampenlicht ist erloschen, anders als bei Häßler, für den es im "Ekel-TV" nicht ganz für die Dschungelkrone reichte. Doch Patschinski ist zufrieden mit seiner Arbeit nach dem Traumberuf Profi-Fußballer. Viele andere können das nicht von sich behaupten.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 12.03.2017 | 22:50 Uhr

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