Stand: 16.11.2015 11:06 Uhr

Wenn Fußball-Kultstätten verschwinden

von Stefanie Doescher, NDR.de

Die Traversen sind von Unkraut überwuchert, die Fenster der Tribüne eingeworfen, die Flutlichtanlage - lange verschwunden. Auf dem ehemaligen Spielfeld wuchern Gräser, kniehoch. Der Sportplatz Marienthal ist ein Lost Place, ein vergessener Ort, mitten in einem gut situierten Hamburger Stadtteil. Einst wurde hier Fußball-Geschichte geschrieben, heute ist das Stadion selbst Geschichte. Ein Schicksal, das viele traditionelle Amateurstadien in der Hansestadt teilen: Das Stadion an der Flurstraße in Lurup, der Wilhelm-Rupprecht-Platz in Barmbek und die Adolf-Jäger-Kampfbahn in Altona - bald werden die kleinen Kultsportstätten verschwunden sein. Sie müssen dem Wohnungsbau weichen, das hat in der wachsenden Hansestadt seit Langem Priorität. Auf Fußball-Tradition kann hier keine Rücksicht genommen werden.

Abschied von alten Hamburger Stadien

Eine Welt bricht zusammen

Am 22. Mai 2009 leuchtete die Flutlichtanlage in Marienthal zum letzten Mal. Der SC Concordia musste das Stadion aufgeben. Aus finanziellen Gründen - denn alles musste in Schuss gehalten werden. Die Kosten: Mehr als 50.000 Euro im Jahr, zu hoch für einen Amateurverein. "Für richtige Concorden ist eine Welt zusammengebrochen, als der Vorstand bekannt gegeben hat, dass das Stadion aufgegeben wird", erklärt der Ehrenvorsitzende des Vereins, Herbert Kühl.

Ein großer Concorde

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Von 1952 bis 1962 spielte Herbert Kühl beim FC St. Pauli, stand beim ersten Spiel im Millerntorstadion auf dem Platz.

Als Trainer führte Kühl den SC Concordia 1976 zum dritten Platz der deutschen Amateurmeisterschaft, zwischen 1987 und 1995 saß er im Vorstand des Clubs. In Marienthal erlebte er auch die großen Momente nach seiner aktiven Karriere beim FC St. Pauli. Er ist ein richtiger Concorde, das verfallene Stadion liegt bei ihm um die Ecke. Der SC Concordia fusionierte 2013 mit dem TSV Wandsbek-Jenfeld und heißt heute Wandsbeker TSV Concordia. Die Amateure spielen am Bekkamp in Jenfeld: "Für mich war das Stadion Marienthal die sportliche Heimat. Einmal Concordia, immer Concordia. Jetzt spielt der Verein auf einem Platz ohne Tribüne und Traversen, ohne Atmosphäre", klagt Kühl.

84 Container statt 22 Fußballer

Auf dem Stadiongelände in Marienthal sollten eigentlich Wohnungen entstehen, doch eine Bürgerinitiative wehrte sich. Der Abriss des Stadions wurde immer weiter verzögert, bis die Stadt sich im August 2015 dazu entschloss, auf der Fläche Flüchtlinge unterzubringen. Knapp sechs Jahre nach dem letzten Spiel stehen nun nicht mehr 22 Mann auf dem Platz, sondern 84 Container für 300 Flüchtlinge.