Stand: 04.12.2017 11:42 Uhr

Peters: HSV muss Arp & Co. Perspektive bieten

von Andreas Bellinger, NDR.de

Was ein 17-Jähriger auslösen kann, ist seit Boris Becker wohlbekannt. Auch Jann-Fiete Arp ist erst 17 - und schon hat er dem Hamburger SV nach Jahren fußballerischer Tristesse jugendliches Leben eingehaucht. "Was Frisches für den HSV, was für die Identifikation", nennt es Freiburgs Trainer Christian Streich. Arp, der Rohdiamant, wie es heißt. Beim 0:0 im Bundesliga-Auswärtsspiel im Badischen musste sich der Hochgelobte, der schon zwei Tore in der Eliteliga erzielt hat, mit 19 Ballberührungen begnügen. Was HSV-Nachwuchschef Bernhard Peters aber einordnen kann. "Wir sollten den Ball flach halten", sagt der einstige Weltmeistertrainer der deutschen Hockey-Herren. "Fiete muss wissen, dass er eine Menge drauflegen muss, um sich auf oberster Ebene etablieren zu können."

Bernhard Peters im Sportclub

Peters: "HSV muss für klare Entwicklung stehen"

Sportclub -

Bernhard Peters ist verantwortlich für die Nachwuchsarbeit beim HSV. Der Direktor Sport über Supertalent Fiete Arp, den Umgang mit plötzlichem Ruhm und die Perspektiven junger Spieler in Hamburg.

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Sportpsychologin: "Ein bisschen unbedarft"

Der Hype um "Uns Fiete", wie der gebürtige Bad Segeberger nach seinem Debüt im Nordderby gegen Werder Bremen (0:0) in Anlehnung an "Uns Uwe" Seeler schnell getauft wurde, hat Peters nicht sonderlich überrascht. Verhindern kann aber auch er das bisweilen absurde Treiben um den Youngster nicht. "Wichtig ist, dass wir die Jungs gut auf die neue Situation vorbereiten", sagt der 57-Jährige. Der Umgang mit den sozialen Netzwerken will gelernt sein, der mit Interviewfragen sowieso. Schnell ist ein falsches Wort im Umlauf. Der HSV hat Arp deshalb aktuell ein Interviewverbot auferlegt. "Richtig", sagt Sportpsychologin Frauke Wilhelm. "Die Spieler sind in der Beziehung noch ein bisschen unbedarft, was aber total okay ist."

Spiel- und Standbein schulen

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Es kommt einem Quantensprung gleich, wenn Spieler wie Arp quasi über Nacht aus dem beschaulichen Ambiente der Juniorenspiele ins Rampenlicht der Bundesliga-Stadien geraten. "Sie sind das nicht gewohnt, vor so vielen Leuten zu spielen", sagt Wilhelm, die am Olympia-Stützpunkt Niedersachsen Sportler betreut. "Die Jungs spielen nicht mehr vor 50, sondern vor 50.000 Zuschauern." Bis dahin unbedeutende Kleinigkeiten werden plötzlich interessant für jedermann, das normale Leben (in der Schule) bekommt einen anderen Stellenwert. Und beim Einkaufen im Supermarkt werden die Neu-Profis erkannt und umschwärmt. Wilhelm: "Das wirkt für manche wie ein Schock." Peters weiß um diese Mechanismen und sagt: "Es ist wichtig, dass Spieler wie Fiete Arp reflektiert bleiben." Gleichgewicht aus Spiel- und Standbein nennt er das.

Peters: "Charakter schlägt immer Talent"

Dabei müssen die Spieler erst unterscheiden lernen zwischen der Spielerpersönlichkeit (Wilhelm: "Also, ich bin etwas und zeige Leistung als Fußballer.") und dem Privatmenschen, der im besten Fall Bereiche seines Lebens vor der Öffentlichkeit zu schützen weiß. Das Standbein eben, das bei einem 17-Jährigen auch die Schule ist. Arp macht im kommenden Jahr sein Abitur (Leistungsfächer: Mathematik und Deutsch). "Wichtig ist ein gutes Umfeld", sagt Peters. "Charakter schlägt immer Talent." Der stürmende Blondschopf scheint weit davon entfernt, ein Luftikus zu werden. Vater Falko Arp und der frühere HSV-Profi Jürgen Milewski als sein Berater stünden dafür, meint Peters, der Direktor Sport im Hamburger SV. Ungeachtet dessen ist der 17-Jährige aber auch ein "Geschäft der Zukunft", was die lukrativen Angebote unter anderem aus der englischen Premier League (FC Chelsea) zeigen.

Schuldenschnitt dank Arp?

"Spieler sind natürlich auch ein Wirtschaftsunternehmen", sagt Wilhelm. Das große Geld winkt, die Aussicht, Millionär zu werden. "Für einen Jugendlichen ist das kaum vorstellbar, kaum zu begreifen." Dem jüngsten HSV-Torschützen der Bundesliga-Geschichte stehen alle Türen offen; sein vor der Saison ausgehandelter Vertrag läuft bis 2019. Mehr wollte Arp vorerst nicht. Andere träumen schon von Millionen an Euro, die ein Wechsel des Sturmtalents einbrächte und den notorisch klammen HSV auf einen Schlag der größten Finanzsorgen entledigen könnte. Identifikationsfigur hin oder her.

Talente behutsam aufbauen

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Ein Beispiel für Vereinstreue: Wolfsburgs Maximilian Arnold.

Doch es gibt im Norden durchaus Beispiele für bodenständige Nachwuchskicker, die ihrem "Herzensverein" (Wilhelm) die Treue halten. Maximilian Arnold beispielsweise, der in Wolfsburg gleichfalls mit 17 debütierte und jüngster VfL-Torschütze in der Bundesliga wurde. Oder Maximilian Eggestein, der bei Werder Bremen Stammspieler ist, was sein jüngerer Bruder Johannes noch werden will. Der 19-Jährige blieb vor der Saison an der Weser, obwohl Topvereine viel Geld für ihn boten. "Wir bauen auf ihn und führen ihn behutsam an den Bundesliga-Fußball heran", sagt Werders Sport-Geschäftsführer Frank Baumann.

Ehrlich währt am längsten

Peters will bei Arp ähnlich vorgehen. "Wir sollten Sorge dafür tragen, dass Fiete sich in Ruhe entwickeln kann", sagt Peters. Ein ehrenwerter Plan, im Millionen-Geschäft Fußball aber wohl eher praxisfern. Der vom DFB verschmähte und aus Hoffenheim an die Alster gekommene Verantwortliche für die HSV-Nachwuchsarbeit will den Weg mit jungen Spielern konsequent weiter gehen und eine klare Perspektive vermitteln. "Vor allem müssen wir zeigen, dass wir es ehrlich mit den Spielern meinen." Bei mehr als 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten und horrenden Ablösen bleibt den Hanseaten auch gar nichts anderes übrig, als auf junge Spieler zu setzen. Und schließlich "tut es dem HSV auch wahnsinnig gut", so Freiburgs Trainer Streich, "wenn sie so einen jungen Kerl haben".

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 03.12.2017 | 22:50 Uhr