Stand: 24.02.2016 15:24 Uhr

Hamburger Jung - einer, wie er im Leitbild steht

von Ines Bellinger, NDR.de
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Hat sich beim HSV auf der umkämpften Sechserposition festgespielt: Gideon Jung.

Als der Hamburger SV in der vergangenen Woche sein Leitbild präsentierte, musste sich der Bundesliga-Dino dafür einige spöttische Kommentare gefallen lassen. Neben Floskeln wie "Wir sind hanseatisch" und "Unsere Mannschaft ist der Schlüssel zum Erfolg" sind in dem zehnseitigen Erzeugnis, an dem eine 15-köpfige Arbeitsgruppe seit Juli vergangenen Jahres gefeilt hat und das 50.000 Euro gekostet haben soll, auch erklärungsbedürftige Parolen wie "Wir sind klar wie die Raute" und aus schmerzlichen Erfahrungen erwachsene Mitarbeiterrichtlinien wie "Wir gehen sensibel und bewusst mit internen Informationen um" enthalten. Das Leitbild transportiert aber durchaus auch nachhaltige Ideen - wenn der Club sie denn in die Tat umsetzt.

Verträge für Talente

Hinter dem für einen Profifußballclub bemerkenswerten Vorhaben "Wir verschaffen uns umfassende Marktkenntnis und Expertise" folgt dieser Satz: "Für unsere Bundesligamannschaft fokussieren wir uns auf Spieler zwischen 18 und 23 Jahren, die ihren Leistungshöhepunkt noch vor sich haben und deren Wert während der Vertragslaufzeit zunimmt." Gewiss hat der HSV auf diesem Weg noch viel Luft nach oben, aber die Fehler der jüngeren Vergangenheit, als andere Clubs Talente wie Seeler-Enkel Levin Öztunali für lau wegschnappten, sollen nicht wiederholt werden. Dem von anderen Vereinen umworbenen Offensiv-Talent Dren Feka hat der HSV im Dezember einen Profivertrag gegeben, U18-Nationalspieler Mats Köhlert wurde am Dienstag bis 2019 an den Club gebunden. Finn Porath (Vertrag bis 2018) trainiert seit diesem Jahr mit den Profis.

Jungs Marktwert verzehnfacht

Am besten verkörpert das HSV-Leitbild derzeit aber Gideon Jung. Der 21-Jährige ist zwar kein echter "Hamburger Jung", doch seit seinem Wechsel im Sommer 2014 von Rot-Weiß Oberhausen aus der Regionalliga West an die Elbe hat sich der gebürtige Düsseldorfer mit ghanaischen Wurzeln  kontinuierlich weiterentwickelt. Der Transfer des 1,89 Meter großen Defensivspielers mit den superdünnen Beinen und der feinen Technik kam auf Betreiben des heutigen HSV-Vorstandschefs  Dietmar Beiersdorfer zustande. Die Investition von etwa 120.000 Euro hat sich gelohnt. Laut "transfermarkt.de" ist Jungs Marktwert in den vergangenen beiden Jahren etwa um das Zehnfache gestiegen - auf 1,25 Millionen Euro.  

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Unspektakulär, aber verlässlich

14 Bundesliga-Einsätze kann der Sechser inzwischen vorweisen. Nach einem Start, den man sich als Jung-Profi schlechter nicht wünschen kann - Pokal-Aus in Jena, 0:5-Niederlage in der Bundesliga bei Bayern München - wurde er zunächst von Verletzungen und Anpassungsproblemen zurückgeworfen. Doch HSV-Trainer Bruno Labbadia ("Ich mag einfach seine Spielweise") verlor Jung nicht aus den Augen, setzte ihn ab dem zwölften Spieltag kontinuierlich in der Bundesliga ein. Im defensiven Mittelfeld verdrängte er erst den Relegationshelden Marcelo Diaz. Nach seinen überzeugenden 90-Minuten-Auftritten mit einem Assist beim 3:2 gegen Gladbach und einer Großchance beim 0:0 in Frankfurt scheint Jung nun auch den Konkurrenzkampf gegen Gojko Kacar und Albin Ekdal gewonnen zu haben. Nicht etwa, weil er spektakuläre Spiele abliefert, sondern weil er ein verlässlicher Arbeiter mit soliden Zweikampfwerten und Passquoten ist und überdies trotz seiner jungen Jahre Ruhe und Abgeklärtheit ausstrahlt.

"Keiner hatte Gideon auf dem Zettel", lobte sein Nebenmann Lewis Holtby. Und auch Labbadia war angetan: "Gideon hat ein sehr gutes Spiel gegen Frankfurt abgeliefert. Er hat sehr viele Balleroberungen gehabt." Am Sonnabend gegen Ingolstadt (15.30 Uhr / Livecenter) wird der Aufsteiger, der auch gute Chancen auf eine Nominierung für die deutsche Olympia-Auswahl haben soll, wohl wieder in der Startelf stehen. Es sei denn, er kuriert seine am Dienstag im Training erlittene Knöchelprellung nicht rechtzeitig aus.

Event-Manager auf großer Bühne

Angst, dass Jung abheben könnte, muss wohl keiner haben. Der gläubige Christ scheint geerdet zu sein. "Es ist einfacher, wenn alles so bleibt wie es vorher war. Das versuche ich auch in meinem Verhalten und im Umgang mit meinen Freunden und Bekannten zu zeigen", sagte Jung kürzlich in einem Interview für die vereinseigene Website. Vor zwei Jahren hatte er sich eigentlich schon damit abgefunden, dass es im Fußball keine Perspektive für ihn geben würde. Eine berufliche Alternative hatte er bereits: Er strebte eine Ausbildung zum Event-Manager am Theater Oberhausen an. In Hamburg hat er es nun auf die ganz große Bühne geschafft.

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