Stand: 17.04.2017 11:45 Uhr

Werder und der HSV: Auf getrennten Wegen

von Andreas Bellinger, NDR.de
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Entscheidung im Nordderby: Florian Kainz (M.) trifft zum 2:1 für Werder.

Nordrivalen auf getrennten Wegen. Das 106. Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV hat die Rollen zwischen den beiden Hansestädten für die letzten fünf Spieltage der Bundesliga-Saison klar verteilt. Die Sieger von der Weser haben sich nach dem verdienten 2:1 (1:1)-Erfolg und einer Serie von nun neun ungeschlagenen Spielen als Tabellenachter aus dem Abstiegsstrudel befreit und dürfen sich weiter beharrlich gegen das Gerede vom internationalen Geschäft sträuben. Währenddessen taumeln die Verlierer von der Elbe zurück an den Rand der Relegation.

Nouri: "Ingolstadt statt Turin"

Trotz der jüngsten Erfolgsserie zeigen sich die Bremer weiter bescheiden. "Unser Thema ist Ingolstadt und nicht Turin", sagte Werder-Trainer Alexander Nouri bei seinem ersten Besuch im NDR Sportclub. Die Euphorie nach dem Derbysieg nur wenige Stunden zuvor schien verflogen. Der Trainer lenkte den Blick nüchtern gen Auswärtsspiel am Sonnabend (15.30 Uhr / im Livecenter bei NDR.de) bei den abstiegsbedrohten Bayern: "Wir werden uns von unserem Weg nicht abbringen lassen." Den Hamburger SV trennt derweil nur ein Punkt von Platz 16 - und nun kommt Darmstadt 98 ins Volksparkstadion. Der Tabellenletzte mit dem ehemaligen Bremer Torsten Frings als Trainer hat Schalke 04 am Ostersonntag überraschend mit 2:1 bezwungen. 

Hunt "rächt" sich für Pfiffe

Die Hamburger Träume, durch einen Sieg im Weserstadion nach Punkten zu den Bremern aufzuschließen und "Werder wieder unten mit reinzuziehen" (Dennis Diekmeier), hatten nach sechs Minuten tatsächlich Nahrung bekommen. Zwar hätte der vor den Toren Hamburgs groß gewordene Max Kruse den HSV nach 33 Sekunden fast kalt erwischt, doch dann "rächte" sich der Ex-Bremer Aaron Hunt für die beharrlichen Pfiffe gegen ihn und leitete mit einer butterweichen Flanke auf Michael Gregoritsch die Führung der Gäste ein. Es war der erste Treffer nach drei torlosen Auswärtsspielen - und wie im Hinspiel war es wieder der für den verletzten Bobby Wood spielende Österreicher, der gegen die Grün-Weißen traf.

Sakai: "So holen wir keine Punkte mehr"

Die Vorarbeit war zugleich Hunts beste Szene des Spiels. Der 30-Jährige ("Pfiffe sind okay, das wirft mich nicht mehr aus der Bahn") hatte nicht seinen besten Tag erwischt - wie eigentlich alle Hamburger. Diekmeiers Einsicht "wir können nur als Team gewinnen und heute waren wir keins", teilten auch seine Kollegen. "Jeder muss bereit sein, hundert Prozent zu geben", schimpfte Kapitän Gotoku Sakai."Wir waren ganz schlecht. Die Bremer haben absolut verdient gewonnen. So holen wir keine Punkte mehr."

"Nicht einmal ein Unentschieden verdient"

Die Miene von HSV-Trainer Markus Gisdol hatte sich schon während des Spiels zunehmend verfinstert. Wegen der langen Verletztenliste und der Gelb-Sperre von Ein-Mann-Abwehr-Bollwerk Kyriakos Papadopoulos fehlten ihm schlagkräftige Alternativen, wie sich nach dem Wechsel von Pierre-Michel Lasogga für Torschütze Gregoritsch (63.) erschreckend deutlich zeigte. Fast nichts klappte wie besprochen, wenig von dem wurde umgesetzt, was sich der Trainer ausgedacht hatte. "Wir hätten nicht einmal ein Unentschieden verdient gehabt", mäkelte Gisdol, und sein Lob für den überragenden Werder-Stürmer Kruse kam einer verbalen Ohrfeige für seine Spieler gleich: "Er war der Mann des Spiels und allein prädestiniert für die Lücken, die wir gelassen haben."

Kruse strotzt vor Selbstvertrauen

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Kruse hatte noch vor der Pause (41.) für den Ausgleich gesorgt. Eine Kombination über Santiago Garcia, der später nach einem Diekmeier-Foul mit geprellter Halswirbelsäule ins Krankenhaus musste, und Fin Bartels ging seinem Kopfballtreffer voraus. Auch beim zweiten Tor führte Kruse Regie. Seinen klugen Pass verwertete der für Florian Grillitsch eingewechselte Derby-Debütant Florian Kainz (75.) an HSV-Keeper Christian Mathenia vorbei ins kurze Eck. "Wir haben das Selbstvertrauen, auch Rückstände zu drehen", sagte der als "Man of the Match" ausgezeichnete Kruse und verriet mit dem ihm eigenen Grinsen: "Der Trainer hat uns gerade zwei Tage frei gegeben; das haben wir auch verdient." Am kommenden Sonnabend käme Gisdol und dem HSV ein bärenstarker Kruse durchaus zupass. Ein Werder-Sieg beim Tabellenvorletzten in Ingolstadt würde auch dem Nordrivalen helfen.

"Wir bleiben bescheiden"

Die Bremer müssten sich dann vermutlich ernsthaft mit der Aussicht auf einen Platz im internationalen Fußball auseinandersetzen. Schon jetzt ist Werder mit 39 Punkten auf Platz acht geklettert. Doch die Verantwortlichen von der Weser üben sich weiter in Understatement. "Wir wissen die Tabelle zu lesen und können das einordnen", sagte Trainer Nouri und machte mit Blick nach unten klar: "Solange rechnerisch noch was möglich ist, bleiben wir bescheiden." Bescheiden wollte im Gefühl des knappen Sieges auch Manager Frank Baumann bleiben - und dabei rutschte ihm ein Bonmot heraus: "Siege sind gut - und Derbysiege noch guter."

Chaoten schmeißen Farbbeutel

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Eine gute Nachricht war, dass es den rund 750 Polizisten gelang, rund um das Spiel für Ruhe zu sorgen. Weitestgehend zumindest. Im Metronom zwischen Hamburg und Bremen ging wieder einiges zu Bruch - und unbelehrbare Chaoten bewarfen den HSV-Bus mit grün-weißen Farbbeuteln, Dosen, Flaschen und Steinen. "Dafür fehlt mir gerade jetzt absolut jedes Verständnis", sagte Baumann angesichts des Anschlags auf den Dortmunder Mannschaftsbus am vergangenen Dienstag. Gisdol meinte kurz nach dem Schreck: "Ich finde das sehr unsensibel nach den Vorkommnissen der letzten Tage." HSV-Manager Jens Todt mühte sich derweil, "das Ding nicht größer zu machen, als es ist. Ich bitte da ganz klar zu unterscheiden zwischen einem Terroranschlag, der Menschenleben kosten kann, und Würfen mit Eiern und Farbbeuteln. Wir haben uns davon nicht einschüchtern lassen."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 16.04.2017 | 23:05 Uhr

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