Stand: 10.11.2017 14:09 Uhr

Sittenwidriges Vorgehen? 96 nimmt Kind in Schutz

Hannovers Clubpräsident Martin Kind steht in der Kritik.

Eigentlich wähnte sich Hannovers Club-Präsident Martin Kind bereits am Ziel. Nachdem Ende Juli die letzten vereinsinternen Hürden genommen wurden, beantragte der Unternehmer Ende August bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel. Das Ziel: Die Stimmenmehrheit in der Hannover 96 Management GmbH, mit der der 73-Jährige dann die alleinige Kontrolle über den Fußball-Bundesligisten übernehmen würde. Doch auf der Zielgeraden droht neues und möglicherweise entscheidendes Ungemach für Kind: Ein von der Interessengemeinschaft "Pro Verein 1896" in Auftrag gegebenes Gutachten einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft könnte die Pläne mindestens verzögern, wenn nicht sogar zum Scheitern bringen.

Die Prüfer seien zu dem Ergebnis gekommen, dass sich Kind "sittenwidrig einen erheblichen Vermögensvorteil" verschaffe, erklärte Vereinsaufsichtsrat Ralf Nestler von "Pro Verein 1896". Hannover 96 nahm seinen Clubchef am Sonntag in einer offiziellen Stellungnahme in Schutz und wies die Vorwürfe zurück.

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Auch das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtete über das neue Gutachten. Das Papier setze den Wert der Anteile in der Management GmbH auf mindestens zehn Millionen Euro an, Kind will hingegen lediglich 12.750 Euro bezahlen. Nestler scheiterte vor dem Landgericht Hannover mit dem Vorhaben, eine einstweilige Verfügung gegen die Pläne Kinds zu erwirken. Bereits der ehemalige DFL-Geschäftsführer Christian Müller hatte in einem Gutachten den Verkauf zu diesen Preis als "unvertretbar" eingestuft. Kind hatte diese Kritik stets zurückgewiesen. Ein Kauf zum Nominalwert der Gesellschaft sei korrekt, "entsprechende Gutachten liegen uns vor", erklärte Kind. Die Management GmbH hat einen festgeschriebenen Wert von 25.000 Euro. Begründet wird das vom Verein damit, dass es sich um eine rein operative Gesellschaft ohne Vermögen handele. Zur aktuellen Prüfung sagte Kind: "Wir kennen dieses Gutachten nicht und können es deshalb inhaltlich nicht beurteilen."

Hannover 96 droht Nestler mit Konsequenzen

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Stellungnahme Hannover 96

Der Fußball-Bundesligist Hannover 96 hat in einer offiziellen Mitteilung Stellung zu den Vorwürfen gegenüber Clubchef Martin Kind genommen. Download (399 KB)

Hannover 96 beschrieb die Vorwürfe gegenüber Kind als "abwegig und ehrabschneidend". Aufgrund der gutachterlich festgestellten Werthaltigkeit der Anteile der Komplementär GmbH und des vereinbarten Kaufpreises sei es abwegig zu behaupten, Herr Kind hätte sich einen unberechtigten Vorteil verschafft, heißt es in der Pressemitteilung. "Wer mit den Umständen vertraut ist und sich die Mühe macht, die Gegebenheiten zu betrachten, wird unschwer feststellen, dass das Gegenteil der Fall ist."

Zudem drohte 96 Nestler mit rechtlichen Konsequenzen. Aufsichtsratsmitglieder unterlägen einer Verschwiegenheitspflicht. "Eine Verletzung dieser Verschwiegenheitsverpflichtung kann für das betreffende Aufsichtsratsmitglied nicht nur zivilrechtliche, sondern auch strafrechtliche Folgen haben", heißt es in der Mitteilung. Dies wiederum stieß bei "Pro Verein 1896" auf Unverständnis: "Ein überraschender, völlig unbegründeter und durch nichts belegter Vorwurf", schließlich sei es Nestlers "oberste Aufgabe", die Vereinsinteressen zu wahren, heißt es im "kicker". Dazu gehöre auch die Kontrolle des Vorstands, insbesondere das Vereinsvermögen betreffend.

DFL will bis Jahresende über Antrag entscheiden

Die DFL hatte bestätigt, "seit rund vier Wochen" Hannovers Antrag zur Ausnahmegenehmigung vorliegen zu haben. "Das DFL-Präsidium als zuständiges Gremium wird sich damit befassen. Eine Entscheidung über den Antrag soll bis Ende des Jahres erfolgen", sagte ein DFL-Sprecher am Freitag. Gleichzeitig wurde bekannt, dass eine von der DFL beauftragte Kanzlei 2008 zu dem Ergebnis gekommen war, dass 96 gegen die 50+1-Regel verstoße. Der Ligaverband folgte bei der Lizenzverteilung dem Gutachten aber nicht. Die Konstruktion von 96 sei mit der 50+1-Regel noch vereinbar, weil das Letztentscheidungsrecht beim Mutterverein verbleibe, erklärte die DFL. "Das Gutachten ist uns nicht bekannt", sagte Kind dem "kicker".

Die 50+1-Regel schreibt vor, dass Investoren keine Stimmenmehrheit bei in Kapitalgesellschaften ausgegliederten Bundesligavereinen erlangen dürfen. Allerdings wurde in den DFL-Statuten verankert, dass eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden kann, wenn ein Unternehmen oder eine Privatperson einen Verein mehr als 20 Jahre ununterbrochen gefördert hat. Dies ist bei Hannover-Präsident Kind der Fall.

Juristischer Streit unter den Gesellschaftern

Der Antrag Kinds führt seit Monaten zu erheblichen vereinsinternen Spannungen, der Unternehmer wird auch bei den Heimspielen des Aufsteigers regelmäßig beschimpft. Überdies beteiligen sich die Ultras in der WM-Arena am Maschsee nicht mehr an der Unterstützung der 96-Profis. Aber auch innerhalb der vier Gesellschafter gibt es juristischen Streit. Mitgesellschafter Matthias Wilkening will sich die Rendite künftig auszahlen lassen. Kind, Dirk Roßmann und Gregor Baum wollen das Geld in das 96-Nachwuchsleistungszentrum investieren. Die Parteien treffen sich am 21. November vor dem Landgericht Hannover.

Dieses Thema im Programm:

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