Stand: 20.03.2016 13:08 Uhr

"Harmloser SV": So wird es noch einmal eng

von Hanno Bode, NDR.de
Nur noch ein Schatten seiner selbst: HSV-Stürmer Pierre-Michel Lasogga ist in einer Formkrise.

Wenige Minuten vor dem Duell mit der TSG Hoffenheim wurde Lotto King Karl mit einem Hebekran in luftige Höhen des Volksparkstadions gebracht. Der Stadionsprecher des HSV trällerte dann wie immer vor Heimspielen des Bundesliga-Gründungsmitglieds seinen Kultsong "Hamburg, meine Perle". Darin heißt es unter anderem: "Wenn du aus Leverkusen kommst, dann lass den Torwart gleich zu Hause." Als sich viele der 48.263 Zuschauer am frühen Samstagabend weit vor dem Abpfiff auf den Heimweg machten, dürften einige in Anlehnung an die Liedzeile gewiss gedacht haben: "Wenn du aus Hoffenheim kommst, dann lass den Torwart gleich zu Hause." Denn TSG-Schlussmann Oliver Baumann hatte die HSV-Profis mit teilweise unglaublichen Reflexen zur Verzweiflung gebracht und so erheblichen Anteil am 3:1-Erfolg seines Teams.

Ostrzolek: "Habe keine Angst"

Wie bereits sechs Tage zuvor in Leverkusen, als die Schützen des "Harmlosen SV" Bayer-Torsteher Bernd Leno durch unpräzise Schüsse einen "Sahnetag" ermöglichten, gaben Artjoms Rudnevs und Co. nun Baumann die Gelegenheit, über sich hinauszuwachsen. "Er hat uns mit seinen starken Paraden im Spiel gehalten", resümierte TSG-Coach Julian Nagelsmann. Der 28-Jährige verschwieg dabei allerdings ein nicht ganz unwichtiges Detail: Die Hamburger Abschlüsse waren überwiegend derart stümperhaft, dass sich Hoffenheims Ballfänger teilweise gar nicht dagegen "wehren" konnte, sie zu entschärfen. "Wie des Öfteren in der Saison haben wir unsere Chancen leider nicht genutzt. Wir müssen uns an unsere eigene Nase fassen", brachte Linksverteidiger Matthias Ostrzolek das HSV-Dilemma im NDR 90,3 Interview auf den Punkt. Mit Blick auf den Abstiegskampf, in dem die Hanseaten nun wieder stecken, sagte der 25-Jährige zwar, dass er "keine Angst" habe, gab aber auch unumwunden zu: "Die Situation ist nicht gut."

Frust im Volkspark: TSG lässt HSV wieder bangen

Vorsprung auf Rang 16 schmilzt

Fürwahr. Aber auch noch längst nicht dramatisch. Zwar ist Hamburgs Vorsprung auf den in den vergangenen beiden Jahren gepachteten Relegationsrang auf vier Zähler zusammengeschmolzen. Doch in puncto Spielkultur und mannschaftliche Geschlossenheit hat der aktuelle HSV mit dem der zurückliegenden beiden Serien wenig gemein. Und so herrscht an der Sylvesterallee Optimismus, diesmal nicht gegen den Tabellendritten der Zweiten Liga um den Verbleib im Oberhaus kämpfen zu müssen. "Wir haben alles selbst in der Hand, es sind noch genügend Spiele, um noch genügend Punkte zu holen. Wir müssen uns an die Form herankämpfen, die wir in der Vorrunde hatten. Und dann gilt es, das Spiel in Hannover zu gewinnen", sagte Ostrzolek.

Hunt fordert mehr Konsequenz vor dem Tor

Diese Hamburger aber, die so leichtfertig mit ihren Chancen umgehen, dürften es selbst beim abgeschlagenen Tabellenschlusslicht schwer haben. Zumal das Team von Trainer Bruno Labbadia den nur bedingt konkurrenzfähigen Niedersachsen bereits in der Hinserie einen ihrer bisher fünf Saisonsiege gestattete. Eigentlich sogar schenkte. Beim 1:2 am 1. November im Volkspark hätte der HSV zur Pause mit mindestens 3:0 statt 1:0 führen müssen. Weil beste Möglichkeiten ausgelassen wurden und die Abwehr in Durchgang zwei patzte, verließen die "Roten" den Rasen als Sieger. Die Partie ist ein Musterbeispiel dafür, warum die Hamburger nicht längst in seichteren Tabellengefilden stehen. "Wenn wir die Bälle nicht reinmachen, kannst du in der Liga kein Spiel gewinnen. Wir müssen einfach konsequenter sein vor dem Tor", hat Regisseur Aaron Hunt das Grundübel seiner Mannschaft erkannt.

Rudnevs überfordert, Lasogga außer Form

Der Ex-Bremer erzielte gegen Hoffenheim per Strafstoß zwar seinen ersten Bundesliga-Treffer für den HSV. Für einen Spieler seiner Klasse strahlt der 29-Jährige aber ebenso zu wenig Torgefahr aus wie die meisten anderen Hamburger Offensivkräfte. In Nicolai Müller (sieben Tore) fehlte der erfolgreichste Schütze des Labbadia-Teams gegen die Kraichgauer gelbgesperrt. Für ihn rutschte der talentierte, aber noch zu hektische Michael Gregoritsch in die Anfangsformation. Ganz vorne durfte sich erneut Rudnevs versuchen. Der Lette agierte wie bereits in Leverkusen unglücklich. Der zwischenzeitlich bereits aussortierte 28-Jährige hat Pierre-Michel Lasogga, der in einer tiefen Formkrise steckt, dennoch den Rang abgelaufen.

Alle Stürmer auf dem Prüfstand

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Die Zukunft von Artjoms Rudnevs beim HSV ist offen.

Andere Alternativen hat Labbadia nach der Verletzung des Leih-Stürmers Josip Drmic eigentlich nicht. Sven Schipplock ist wie zuvor bei seinen Stationen VfB Stuttgart und Hoffenheim maximal als Joker geeignet. Der junge Batuhan Altintas versucht bis dato vergeblich, sich an das Niveau des Teams heranzukämpfen. Routinier Ivica Olic spielt in Labbadias Planungen seit dem Rückrunden-Beginn keine Rolle mehr und der Schwede Nabil Bahoui hat nach seinem Intermezzo in Saudi-Arabien noch Nachholbedarf im physischen Bereich. Die Offensive ist und bleibt somit die größte Hamburger Baustelle. Für den Sommer hat Sportchef Peter Knäbel Gespräche mit allen Angreifern angekündigt. Nicht nur die Zukunft von Rudnevs (Vertrag läuft aus) an der Sylvesterallee ist völlig offen. Es ist davon auszugehen, dass sich der HSV im Sturm einem Facelifting unterziehen wird. Damit nach Partien der Hanseaten nicht regelmäßig in Superlativen über die gegnerischen Torhüter gesprochen und geschrieben wird...

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