Stand: 01.08.2017 21:24 Uhr

Altona 93: Ein Club dreht sich in die Sonne

von Christian Görtzen, NDR.de
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91, 92, 93 - Al-to-na: Die AFC-Fans bejubeln jedes Tor ihres Teams stets frenetisch.

Die Blicke wandern auf ovaler Bahn um das Spielfeld herum, erfassen die Meckerecke, den Zeckenhügel unterhalb einer Reihe mächtiger Pappeln, die schmucklose Gegengerade mit den Stehplatz-Traversen, den Gästeblock und die rustikale Haupttribüne der altehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn. Dort sitzt Andreas Klobedanz, Manager von Altona 93. Der frisch gekürte Aufsteiger in die Fußball-Regionalliga Nord fordert in einem Testspiel den englischen Premier-League-Club West Ham United (3:3, Anm. d. Red.) heraus. "Früher waren hier zu Heimspielen 20.000 Zuschauer drin. Kaum zu glauben, oder?", fragt der 54-Jährige und schmunzelt dabei. Wirklich, schwer vorstellbar.

Und plötzlich, für einen winzigen Moment, glaubt man, dass der Wind sein Geräusch verändert. Aus dem Wispern wird ein Murmeln. Gelächter, Rufe der Aufmunterung und Beifall dringen an das innere Ohr, erst kaum vernehmlich, dann immer deutlicher. Man glaubt auf dieser gedanklichen Reise in eine andere Zeit die Massen an Zuschauern im weiten Rund sehen zu können, viele davon mit Hüten, alles in schwarz-weiß. Und dann klingt von irgendwoher der Schlachtruf des 1893 in Altona gegründeten Vereins herüber, ebenso trotzig wie langgezogen: "Al-to-na!, Al-to-na!“

Erinnerungen an 10.000 Zuschauer gegen den BVB

"Ja, das waren Zeiten", sagt Klobedanz im Hier und Jetzt. "Ich kann mich daran erinnern, dass hier 1994 in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen Borussia Dortmund mal 10.000 Zuschauer drin waren. Damals gab es noch nicht so diese Sicherheitsauflagen wie jetzt. Da kam alles rein, was reinging. Hat alles funktioniert, irgendwie." Gegen West Ham United werden es halb so viele sein. Die 4.999 Karten für diesen Testkick der Premium-Klasse, der dank einer Agentur-Anfrage zustande kam, waren in Deutschland fix vergriffen. Nach fünf Tagen gab es nur noch in England einige Tickets für den Gästebereich.

West Ham United als genussvolle Zugabe

West Ham United mit den Zugängen Marko Arnautovic und Chicharito ist gewissermaßen die Kirsche auf der Sahne. Die Torte - das ist der Aufstieg in die Vierte Liga. Ein Kunstwerk, das mit Genuss betrachtet wird - und mit Zufriedenheit, schließlich herrscht beim AFC Einverständnis darüber, dass der Verein in der Vierten Liga viel besser aufgehoben sei. Dort werde er der großen Tradition treffender gerecht. "Es spüren alle im Verein, alle im Umfeld, ja, in der ganzen Fußball-Szene in Hamburg, dass hier in Altona wieder an alte Zeiten angeknüpft wird", betont der Manager. Etablieren in der Regionalliga Nord, dieses Ziel steht über allem. Und dann, in einigen Jahren, an eine Rückkehr in die Drittklassigkeit denken. Dort spielte der Verein von 1984 bis 1993. In der Saison 1985/1986 verfehlte das Team von der Griegstraße unter Trainer Willi Reimann nur um zwei Plätze die Aufstiegsrunde zur Zweiten Liga.

"Sehen uns als St. Pauli im Kleinen"

Der damalige Konkurrent St. Pauli kletterte 1987 nach oben. Altona blieb unten, sank später sogar ab. Heute wirkt ein Heimspiel des AFC in der Adolf-Jäger-Kampfbahn, die nach dem 18-maligen Nationalspieler Adolf Jäger (1889 bis 1944) benannt wurde, wie eine Zeitreise ans Millerntor der frühen 1980er-Jahre. "Man kann schon sagen, dass wir St. Pauli im Kleinen sind", sagt Manager Klobedanz. "So sehen wir uns auch. Wir haben ein ähnliches Zuschauer-Klientel, das passt alles wunderbar. Auch unsere Fans lassen uns nicht im Stich. Sie sind sehr wertvoll, die hegen und pflegen wir auch." Im Aufstiegsspiel gegen Eutin 08 waren jüngst mehr als 3.000 Menschen im Stadion. In der Regionalliga Nord wird ein Schnitt von 1.000 bis 1.200 Zuschauern angepeilt.

Algan: "Altona 93 ist im Moment in aller Munde"

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Klobedanz wird das Spiel gegen West Ham United von der Coaching-Zone aus verfolgen, gewissermaßen Schulter an Schulter mit Chef-Coach Berkan Algan. Der 40-Jährige geht mit Verve seiner Aufgabe beim AFC nach - auch im Gespräch über seine Arbeit. Dann schildert der "Altonaer Jung" gesten- und wortreich in Sätzen, die keinen Punkt zu finden scheinen, wie er die Entwicklung des Vereins sieht. "Altona wird von allen irgendwie gemocht, wie so eine kleine Schwester, und jetzt sind wir aufgestiegen, und wahrscheinlich nerven wir gerade ein wenig, weil die kleine Schwester gerade viel Zuspruch bekommt, Sympathien erweckt. Wir haben uns da jetzt in die Sonne gedreht, aus der Not heraus, aber auch wirklich stabil das gemacht, was wir können", sagt Algan.

Die Worte sprudeln geradezu aus dem Mund des Trainers. Er spricht von Gedankenbäumen, von gnadenlosem Kapitalismus, von Esprit, dem "Leckerli" gegen West Ham United und von der Mammutaufgabe in der Regionalliga Nord. "Altona 93 ist im Moment in aller Munde, und allein das ist viel Arbeit gewesen, wirklich viel Arbeit. Ich freue mich unwahrscheinlich, diesen Verein geweckt zu haben. Der ist jetzt wach. So, und jetzt müssen wir gucken, wie die ersten Schritte funktionieren. Wenn das Baby erst einmal läuft, muss man aufpassen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Sport | 01.08.2017 | 22:00 Uhr

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