Stand: 07.04.2015 11:40 Uhr

Albtraum Amateurfußball: Referees in Todesangst

von Gita Ekberg, Moritz Ekberg und Hanno Bode
Bild vergrößern
Referee Thomas Kahle (M.) wurde eine Gelb-Rote Karte beinahe zum tödlichen Verhängnis.

Ein Spiel in der Kreisklasse Braunschweig, der tiefsten Liga. Fußball ganz unten. Stockfehler, Pässe ins Nirgendwo und andere verunglückte Aktionen sind hier beinahe minütlich zu beobachten. Die Partie wird ruppiger. "Den sense ich jetzt um", hört Thomas Kahle. Kurz darauf liegt ein Spieler am Boden. Der Unparteiische sanktioniert das angekündigte Foul mit einer Verwarnung. Es ist die zweite für den Übeltäter, gleichbedeutend mit dem Platzverweis. Und es ist eine Gelb-Rote Karte, die der Referee beinahe mit seinem Leben bezahlt. Zunächst wird der 48-Jährige von dem des Feldes verwiesenen Akteur beschimpft und bespuckt. Was sich dann ereignet, treibt dem Schiedsrichter noch heute die Tränen in die Augen. "Der Spieler hat mich dann niedergeschlagen, da war erst einmal das Licht aus. Er war Kampfsportler und hat mir einen gezielten Schlag gegen den Kehlkopf gegeben. Die Ärzte haben gesagt: 'Ein halber Zentimeter, und du wärst tot gewesen'", berichtet Kahle mit zittriger Stimme in der Dokumentation "Fußball brutal - Wenn der Schiri zum Freiwild wird".

Rund 600 Spielabbrüche jährlich wegen Attacken

Der Gewaltexzess in Braunschweig ist kein Einzelfall. Beinahe jedes Wochenende werden Unparteiische im deutschen Amateurfußball teils brutal attackiert. Das Resultat sind rund 600 abgebrochene Begegnungen jährlich, traumatisierte und verängstigte Referees sowie ein Mangel an Schiedsrichter-Nachwuchs. Die Furcht vor Übergriffen ist für viele Spielleiter bei der Ausübung ihres Hobbys ein ständiger Begleiter geworden.

Schiedsrichter-Boykott im Kreis Celle

Besonders gefährlich leben die Unparteiischen im Kreis Celle. Die dortige Kreisliga war in der vergangenen Saison die unfairste Staffel im niedersächsischen Fußball. Für mehr Sensibilität und Respekt bei einigen Kickern, Trainern, Funktionären und Zuschauern gegenüber den Referees hat dieser Umstand nicht gesorgt. Ganz im Gegenteil. "Wir hatten in der letzten Zeit mehrere Tätlichkeiten gegen Schiedsrichter. In der Intensität, wie es zurzeit ist, war es vorher nicht", erklärt Dieter Westermann, Sportrichter am Celler Kreissportgericht. Nach acht Spieltagen schlugen bereits sechs abgebrochene Partien zu Buche. Bei vier dieser Begegnungen gab es Attacken auf die Unparteiischen. Nach dem Duell zwischen dem ASV Faßberg und dem SV Dicle Celle II am 17. August des vergangenen Jahres zieht der Kreisschiedsrichterausschuss Konsequenzen: Er verweigert für zwei Wochenenden die Ansetzung von neutralen Referees für Spiele auf Kreisebene. "Wir wollten Aufmerksamkeit wecken und auch die Vereine sensibilisieren, dass sie endlich anfangen, auf ihre Mannschaften einzuwirken, dass diese tätlichen Übergriffe gegen Schiedsrichter und gegen Gegenspieler, auch die verbalen Übergriffe, zumindest mal eingeschränkt werden", erklärt Kreisliga-Staffelleiter Hans-Günther Kuers.

Wildwest-Szenen in Faßberg

Bild vergrößern
Die Polizei verhinderte in Faßberg eine weitere Eskalation der Lage.

Was Kuers anspricht, hat ein 20 Jahre alter Referee am besagten 17. August auf dem Faßberger Sportplatz Hasenheide hautnah erlebt. Er leitet die Partie der 2. Kreisklasse zwischen dem ASV und Dicle II. Bereits in der elften Minute verweist der Schiedsrichter einen Gäste-Akteur mit Gelb-Rot des Feldes. Nach der Pause müssen drei weitere Dicle-Kicker vorzeitig zum Duschen gehen. Als der Unparteiische in der 87. Minute den fünften Celler Spieler vom Platz stellt, eskaliert die Situation. Der Dicle-Akteur greift zunächst einen ASV-Spieler und dann den Schiedsrichter tätlich an. Letzterer tritt die Flucht in die Kabine an. Auf dem Weg dorthin verfolgen ihn einige Gästespieler. Die Faßberger alarmieren die Polizei. Erst als die Ordnungshüter mit sieben Einsatzfahrzeugen eintreffen, kehrt Ruhe ein. "Das, was in Faßberg passiert ist, darf nicht passieren. Und wir haben auch die Konsequenzen gezogen und die dort beteiligten Spieler aus dem Verein ausgeschlossen", erklärt Dicles Clubchef Davut Ekinci. Er meldet die zweite Mannschaft zudem vom Spielbetrieb ab. Der Verein wird vom Sportgericht zunächst für vier Wochen gesperrt, legt aber Einspruch gegen das Urteil ein. In der Berufungsverhandlung vor dem Bezirkssportgericht wird die Sperre tatsächlich aufgehoben. Dicle werden lediglich drei Zähler abgezogen. Hinzu kommt eine Geldstrafe von 450 Euro.

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 01.06.2015 | 22:00 Uhr

Schiri k.o. geschlagen - lebenslang gesperrt

Der Niedersächsische Fußballverband hat einen 30-jährigen Spieler des SV Burlage lebenslang gesperrt. Der Mann hatte den Schiedsrichter in einem Pokalspiel k.o. geschlagen. mehr