AKTUELLES AUS DER REGION
 

Sportbund räumt Fehler im Fall Drygalla ein

Junge Leute tragen ein Transparent der rechtsextremistischen Kameradschaft "Nationale Sozialisten Rostock" bei einer Demonstration in Münster im März 2012 - darauf steht der Slogan "Freiheit statt BRD Doktrin". © NDR.de Fotograf: Julian Feldmann Detailansicht des Bildes "Nationale Sozialisten Rostock" - Olympionikin Drygalla ist mit einem Mitglied der rechtsextremistischen Kameradschaft liiert. Die Beziehung der Rostocker Olympia-Ruderin Nadja Drygalla zu einem führenden Mitglied der regionalen Kameradschaft "Nationale Sozialisten Rostock" ist beim Landessportbund (LSB) Mecklenburg-Vorpommern offenbar schon seit einem Jahr bekannt. Das bestätigte dessen Vorsitzender, Wolfgang Remer, am Sonnabend im Gespräch mit NDR 1 Radio MV. Das Innenministerium habe den LSB informiert, nachdem bekannt geworden war, dass Drygalla mit Michael Fischer liiert ist. Fischer kandidierte im vergangenen Jahr für die NPD für den Landtag. Das Ministerium hatte daraufhin "intensive Personalgespräche" mit der 23-Jährigen geführt. Drygalla war Polizistin und Mitglied der Sportfördergruppe und quittierte daraufhin den Dienst.

Warum diese Informationen den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nie erreichten, wisse Remer nicht. Da seien möglicherweise Fehler gemacht worden, sagte er. Die alleinige Schuld an diesem "Kommunikationsproblem" aber wolle er nicht übernehmen. Auch der Innenminister hätte den DOSB anrufen können, sagte Remer.

Ruderverband will Gespräch nach Olympia

Der Deutsche Ruderverband (DRV) äußerte sich auf seiner Internetseite zum Fall Drygalla. Dort heißt es, der Verband habe erst am Donnerstag vom privaten Umfeld der Sportlerin erfahren. "Wir begrüßen den Schritt von Nadja, deren Wettkämpfe beendet sind", sagte DRV-Sportdirektor Mario Woldt. Die volle Konzentration gelte momentan den sportlichen Entscheidungen, die vor der Mannschaft liegen. Der Verbandsvorsitzende, Siegfried Kaidel, sagte, noch im August werde der Verband mit Drygalla ein Gespräch führen. Danach würden weitere Vorgehensweisen besprochen.

Unterstützung vom Landesverband

Der Landesruderverband (LRV) Mecklenburg-Vorpommern stellt sich hinter Drygalla. Nadja als "Trojanisches Pferd" der Neonazis im Achter darzustellen, sei abenteuerlich, sagte Verbandspräsident Hans Sennewald am Sonnabend der "Ostsee-Zeitung". Sennewald habe demnach lange mit Drygalla über die Beziehung zu ihrem Freund gesprochen. Sie habe ihm versichert, Rechtsextremismus abzulehnen. "Ich kann nicht beeinflussen, an wen ein junges Mädchen sein Herz verschenkt", sagte Sennewald.

"Am Boden zerstört"

Drygalla sei seit ihrer Abreise "am Boden zerstört", sagte Sennewald nach einem Gespräch mit der Ruderin am Sonnabendmorgen. "Wir haben es hier nicht mit einem Medienprofi zu tun oder jemandem, der sich permanent und mit letzter Konsequenz vor Augen führt, in welcher Extremsituation persönliche Beziehungen münden."

Es habe am Rande Gespräche mit dem Deutschen Ruderverband über Drygallas Beziehung zu Fischer gegeben. Dass der Verband nun von dem Thema überrascht worden sei, wolle er nicht kommentieren, sagte Sennewald.

  • Das sagt die Presse

    Neue Presse Hannover: "Seitdem die 23-jährige Athletin Nadja Drygalla gestern Morgen das Olympische Dorf verlassen hat, läuft die deutsche Sportpolitik mehr und mehr aus dem Ruder. Der Versuch des deutschen Chefs der Mission, Michael Vesper, dem Skandal durch eine 'freiwillige Abreise' der Rostockerin - verbunden mit ihrer Distanzierung von nationalsozialistischem Gedankengut - die Dynamik zu nehmen, ist fehlgeschlagen. Wie glaubhaft ist so eine Erklärung, wenn die Frau offenbar mit einem Nazi-Funktionär liiert ist und wegen dieser Verbindung den Polizeidienst quittieren musste? Der Vorwurf der Sippenhaft zieht nicht, denn Drygalla hätte mit einer öffentlichen Erklärung in London den Vorwürfen angemessen begegnen können. Stattdessen aber reiste sie sang- und klanglos ab, offenbar gemeinsam mit Michael Fischer, dem rechten Agitator, NPD-Sympathisanten - und Ex-Ruderer."

  • Das sagt die Presse

    Neue Osnabrücker Zeitung: "Was sammeln die Vereine und Verbände mittlerweile nicht alles für Daten von ihren Sportlern. Leistungsdiagnostik nennt sich das. Schade, dass sie sich so viel mit dem Körper beschäftigen, nicht aber mit dem Charakter und der Einstellung ihrer Athleten und diese entsprechend betreuen und begleiten. Ob Nadja Drygalla tatsächlich rechtsextremes Gedankengut in sich trägt, kann deshalb niemand sagen. Nur sie selbst hätte das mit einem glaubhaften Statement klären können. Doch die 23-Jährige lässt andere reden, sie selbst schweigt. So ist bislang einzig klar, dass die Ruderin Kontakt zu neofaschistischen Kreisen hat. Sportliche Leistung soll sie bringen, aber darüber hinaus repräsentiert sie auch ein Land, soll ein Vorbild sein. Kann da so ein Umfeld Privatsache sein? So schnell, wie die Rostockerin aus London abgereist ist, dürfte die Diskussion über die Frage jedenfalls nicht verschwinden. "

  • Das sagt die Presse

    Kieler Nachrichten: "Der Vorwurf, hier ginge es um Sippenhaft, greift deshalb zu kurz. Es geht vielmehr grundsätzlich um die Frage, ob zur deutschen Olympiamannschaft eine Frau gehören darf, die sich bewusst für ein Privatleben in einem Milieu entschieden hat, das die Völkerverständigung verachtet. Dabei muss entscheidend für einen Ausschluss der Sportlerin aus der deutschen Mannschaft sein, ob sie sich persönlich etwas hat zuschulden kommen lassen oder nicht. Michael Vesper hätte im Vorfeld der Spiele Zeit genug gehabt, diesen konkreten Fall zu prüfen, zumal sich sogar schon das Innenministerium in Schwerin damit beschäftigt hat. So bleibt der Verdacht, dass Funktionäre Augen und Ohren geschlossen haben, um sportlich glänzen zu können."

  • Das sagt die Presse

    Westdeutsche Allgemeine Zeitung Essen: "... Wenn Verantwortliche in Sport und Politik Belege haben, dass sich Rassismus breit macht, dann müssen sie handeln. Deutsche besonders. Ist es alleine Beleg für Rassismus, Partnerin eines Rassisten zu sein? Nein. Da steht unser Recht vor. Michael Vesper bewegt sich, wie der Schweriner Innenminister zuvor, auf dünnem Eis, sollte er Drygalla wegen ihrer persönlichen Beziehung unter Druck gesetzt haben. Nicht nur, weil Vesper dann der rechten Szene das Stichwort 'Sippenhaft' frei Haus geliefert hat, was gerade diese meiden sollte. Er hat auch riskiert, ihren dunklen Gangs einen verzweifelten jungen Menschen ganz zuzutreiben."

  • Das sagt die Presse

    Allgemeine Zeitung Mainz: "... Der Sport ist in unserer Gesellschaft das wirkungsvollste Instrument gegen Rassismus. Und nichts verkörpert den Geist der Völkerverständigung stärker als die olympische Idee. Wer Deutschland als Sportler international vertritt, muss unzweifelhaft hinter diesen Werten stehen. Enge Kontakte zum Anführer einer nationalsozialistischen Kameradschaft und NPD-Landtagskandidaten lassen sich damit nicht vereinbaren. Der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern, deren Sportfördergruppe Drygalla im vergangenen Jahr verlassen musste, war das bewusst. Wenn Michael Vesper zu Protokoll gibt, den Grund für dieses Ausscheiden nicht zu kennen, dann liegt genau hier das Problem."

  • Das sagt die Presse

    Freie Presse Chemnitz: "... Die Sportlerin hat sich ihren Lebensgefährten selbst ausgesucht. Und ohne ihr zu nahe treten zu wollen: Die Frage muss erlaubt sein, ob man einen Menschen lieben und gleichzeitig seine Gesinnung verabscheuen kann. Weil die Antwort darauf aber nur die Betroffene selbst kennt, muss sich der Deutsche Olympische Sportbund an Fakten halten - nur kamen sie in diesem Fall offenbar nie bei ihm an. Spätestens seit 2011 war dem Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern bekannt, in welchen Kreisen die Frau aus dem Ruder-Achter verkehrt. Wie kann es sein, dass der Ruderverband nichts wusste oder nicht reagierte? Wer oder was verhinderte, dass die Information den Weg zu den Olympia-Funktionären fand? Wahrscheinlich ist die Antwort ganz banal: Wenn es um Rechtsextremismus geht, ist Wegschauen erst mal die bequemste Lösung. Sport - ein Spiegelbild der Gesellschaft."

  • Das sagt die Presse

    Tagesspiegel Berlin: "Drygalla hat freiwillig an ein Milieu angedockt, das Deutschlands dunkelste Jahre als seine hellsten glorifiziert. Die Ruderin ist entweder unglaublich naiv oder dumm oder selbst vom braunen Ungeist infiziert. Keine Variante lässt es geboten erscheinen, Drygalla als Vorzeigesportlerin der Bundesrepublik auftreten zu lassen. Das allerdings hätten der Deutsche Olympische Sportbund und der Deutsche Ruderverband früher wissen können. Beide seien, sagt das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern, 2011 in die Gespräche mit Drygalla vor ihrem Abschied von der Polizei eingebunden gewesen. Doch jetzt tun die Funktionäre überrascht. Was widert einen mehr an: Sympathie für einen Neonazi oder offizielle Heuchelei?"

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Fall für den Bundestag

Nadja Drygalla © Witters Fotograf: Witters Detailansicht des Bildes Die Ruderin des deutsche Frauen-Achters Nadja Drygalla (Mitte) hat am Donnerstag das Olympische Dorf in London verlassen. Inzwischen hat sich auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) in den Fall Drygalla eingeschaltet. Er wolle sich ein umfassendes Bild machen, sagte Friedrich am Freitag nach einem Gespräch mit dem Chef der deutschen Olympia-Mission, Michael Vesper. Friedrich selbst habe ebenfalls am Donnerstag von dem Fall erfahren. Die Angelegenheit soll Ende September auch Thema im Sportausschuss des Bundestages sein. Dessen Vorsitzende, Dagmar Freitag, bezweifelte, dass die zuständigen Sportverbände nichts davon gewusst haben. Die Einlassungen des DOSB und des Deutschen Ruderverbandes seien "erklärungsbedürftig" und kaum vorstellbar. Es bestehe dringender Aufklärungsbedarf, sagte Freitag.

Ist das das Karriere-Aus?

Drygalla hatte bereits am Donnerstagabend nach einem Gespräch mit Vesper das Olympische Dorf in London verlassen. Zuvor war sie im Hoffnungslauf mit dem Deutschland-Achter ausgeschieden.

Drygallas Vereinschef in Rostock, Walter Arnold, sagte dem Nachrichtenmagazin "Focus", er finde es erbärmlich, dass ein junges Mädchen in Sippenhaft genommen werde. Im Olympischen Ruderclub Rostock sei die Athletin nie durch rechtsradikale Äußerungen oder Handlungen aufgefallen. Arnold befürchtet, dass Drygallas sportliche Karriere damit beendet sein könnte.

Wohin mit dem schwarzen Peter?

Laut Ministeriumssprecher Michael Teich waren sowohl der Landesruderverband als auch der Landessportbund (LSB MV) "unmmittelbar" über die Gespräche sowie über das Ausscheiden Drygallas aus dem Polizeidienst informiert worden. Rudolf Borchert, Präsidiumsmitglied des LSB MV bestritt hingegen noch am Freitag, jemals vom Ministerium in Kenntnis gesetzt worden zu sein.

"Sportverbände verantwortlich"

Drygalla habe es durch ihre sportliche Leistungen wiederholt geschafft, sich für eine Teilnahme an den Olympischen Spielen zu qualifizieren. Für die Entsendung der olympischen Teilnehmer seien die Sportverbände verantwortlich und nicht das Ministerium. In einem Fernsehinterview sagte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU), die Verbände hätten sich offenbar weniger mit dem privaten Umfeld der Rostockerin beschäftigt, sondern seien lediglich nach sportlichen Leistungen gegangen.

Der Leiter der Olympia-Stützpunkte im Land, Michael Evers, entgegnete daraufhin, er könne allein aus Kapazitätsgründen nicht das Privatleben der 160 von ihm betreuten Athleten durchleuchten. Das wolle er auch nicht.

Sellering wusste von nichts

Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) wusste nach eigener Aussage auch nichts von den Vorwürfen. Er wolle zunächst aufklären, was dahinterstecke, sagte er im Gespräch mit NDR 1 Radio MV. Dass sie eine Beziehung zu jemandem aus der NPD hat, müsse nicht automatisch heißen, dass sie der gleichen Überzeugung ist und das alles unterstützt. "Das ist, was uns von den Nazis unterscheidet", sagte Sellering. In einem Rechtsstaat komme es darauf an, was jeder einzelne tut - da gebe es keine Sippenhaft.

Porträt
Ruderin Nadja Drygalla © picture alliance Fotograf: Jan Haas
 
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Olympia.ard.de listet die größten Erfolge der Rostockerin auf.

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Weitere Informationen
Ruderin Nadja Drygalla. © dpa - Bildfunk Fotograf: Vassil Donev
 

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