Stand: 04.10.2014 08:56 Uhr

Pässe spielen auch ohne Pass

von Carolin Fromm

Die Flutlichter beleuchten den Fußballplatz in Hamburg-Bahrenfeld an diesem Abend nur spärlich. "Wir brauchen noch einen Torwart für Sonnabend. Also überlegt euch, wer's macht", sagt Gabriele Kröger auf Englisch. Der Fußballtrainerin gegenüber stehen 17 Schwarzafrikaner, deren bunte Sportshirts gegen das Dunkel anleuchten. Einige rollen ihren Fuß über einen Ball. Los geht's zur Aufwärmrunde. Das letzte Training des FC Lampedusa vor ihrem ersten Punktspiel beginnt.

Beim Training des FC Lampedusa

Start in der Freizeitliga

Ab Sonnabend kicken die Sportler, die zu den Flüchtlingen der Lampedusa-Gruppe gehören, in der Hamburger Freizeitliga, 4. Division. "Endlich kann ich mal sehen, wo die Jungs stehen. Ich bin sowas von gespannt", sagt Trainerin Kröger mit Blick auf die athletischen Männer. Bisher haben sie ihre Freundschafts-Spiele fast alle gewonnen. Die Freizeitmannschaften seien aber nicht zu unterschätzen, betont Kröger.

"Zeigen, dass wir was können"

In roter Hose, mit der 23 auf dem Rücken stürmt Ibrahim über den Grandplatz. Als Jugendlicher sei er in seiner Heimat Ghana immer mit dem Ball unterm Arm rumgelaufen, sagt er. Der stellvertretende Kapitän des FC Lampedusa kam über Libyen und Udine in Italien nach Hamburg. Er schlief auf dem Boden der St. Pauli Kirche, jetzt in Barmbek im Container. Seit 18 Monaten wartet der Mittzwanziger darauf, wie die Behörden über seine Zukunft entscheiden. Bleiben oder gehen? "Wir wollen der Stadt zeigen, dass wir etwas können - auch etwas geben können."

FC Lampedusa stützt Freizeitliga

Dafür ist Kay-Ole Schönemann dankbar. Die 4. Division der Hamburger Freizeit Fußball Gemeinschaft (HFFG) hatte zu wenig Mannschaften. Nur neun, obwohl eigentlich Platz für zwölf wäre. Wen kann man noch animieren, fragten sich Schönemann und seine Kollegen. Sie stießen auf den FC Lampedusa, brachten Bälle und Sportklamotten vorbei und luden die Hobbyfußballer ein, in der Liga mitzuspielen. "Das ist eine Win-Win-Situation. Wir geben ihnen eine weitere Chance zur Integration und sie helfen uns, die Liga zu erhalten", sagt Schönemann. Sie hätten sich sehr über das Angebot gefreut, bestätigt Trainerin Kröger. "Was hätten wir sonst im Winter machen sollen? Da gibt's wenig Turniere, Hallenzeiten sind knapp und Geld für Hallenschuhe haben wir auch nicht."

Technisch top

Technisch seien ihre Spieler top, sagt Kröger, die eigentlich die Frauen-Ü30 des FC St. Pauli coacht. "Das eins zu eins, die Ballannahme klappt gut. Sorgen mache ich mir eher beim Teamplaying", ergänzt sie. Das blinde Vertrauen, genau wissen wo der andere hinläuft, das fehle noch. Dafür lässt sie heute lange Pässe üben. Mittlerweile führt Team orange 2:1 gegen Team gelb. Schweiß glänzt im Flutlicht auf den Stirnen. Die Trikots von Kaka und Messi tauchen vor Kröger auf, und verschwinden im Dunkeln. "Wenn es nach ihnen geht, stehen elf Stürmer auf dem Platz", schmunzelt sie.

Fußball macht Freunde

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Ibrahim ist stellvertretender Kapitän des Teams.

Erst seit dem Frühjahr spielen die etwa 20 Männer als festes Team mit Kapitän, Spielerrat und Trainer-Gespann aus den Reihen des FC St. Pauli. Den Platz stellt - nach langer Suche - der FC Hamburger Berg, in dem die Männer daher auch Mitglied sind. Seit sie regelmäßig trainieren, seien sie zusammengerückt; aus Einzelkämpfern seien Freunde geworden, erzählt Ibrahim. "Fußball macht Menschen glücklich und bringt sie zusammen. Das mag ich so daran." Teamgeist als Anker in Zeiten der Unsicherheit.

Tabelle anführen, ist das Ziel

Der FC Lampedusa steigt zum fünften Spieltag in die Saison ein. Die vergangenen Partien werden nachgeholt. Heute bekommen die Männer es gleich mit dem Tabellen-Ersten der Liga, den Hamburg Hurricanes, zu tun. Die haben bisher bei allen Spielen drei Punkte geholt. "Ich glaube an mein Team. Wir schießen immer Tore", grinst Ibrahim selbstbewusst. Sie werden am Ende der Saison ganz oben stehen, da ist er sich sicher.

Als hätten sie nie gespielt

Offiziell bestreiten die afrikanischen Männer jedoch nur Freundschaftsspiele. Denn ohne festen Wohnsitz, ohne Pass bekommen sie keine Spielerpässe. Am Saisonende im Mai wird die Tabelle deshalb um die Spiele des FC Lampedusa bereinigt. Als hätten sie nie auf dem Platz gestanden. Den Abschluss der ersten Saison in Hamburg feiern sie wahrscheinlich mit einem afrikanischen Fest, orakelt Trainerin Kröger. Ibrahims Aufenthaltsgenehmigung wird immer nur um zwei Monate verlängert, erzählt er. "Ich hoffe, dann noch hier zu sein. Aber ich weiß es nicht."

Dieses Thema im Programm:

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