Stand: 12.05.2017 14:00 Uhr

"Es bleibt ja mein Kind"

von Ina Kast, NDR Info, Anne Strauch, NDR Fernsehen

Die beiden Transmänner Fabian und Marino haben mit ihrer Hormontherapie begonnen, um auch äußerlich männlich zu werden. Doch wie reagiert das private und berufliche Umfeld der beiden?

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Fabians Lehrer-Kollegen und die Schülerinnen und Schüler haben mit viel Verständnis auf seine Geschlechtsangleichung reagiert.

Der heute 30 Jahre alte Fabian ist Lehrer an einer Ganztagsschule im Norden Hamburgs. Kurz vor seiner ersten Testosteronspritze hat er sich bei seiner Schulleiterin Sandra Rudschinat geoutet. Die Schulleiterin sagte ihm volle Unterstützung zu, war anfangs aber auch skeptisch. Denn sie hat sich gefragt, wie die Eltern der Schüler darauf reagieren werden, dass aus der Lehrerin Cindy nun der Lehrer Fabian wird. "Aber das hat Fabian richtig gut begleitet und mit den Kindern thematisiert", lobt Rudschinat. "Ich als Schulleiterin bin ins Gespräch mit den Eltern gegangen und habe gesagt: Wenn es Fragen und Sorgen gibt, sollen sie sich an mich wenden." Das sei bei den Eltern gut angekommen: "Die haben alle gesagt: Mensch, ist das mutig. Wie toll, dass er seinen Weg jetzt geht!"

Fabians Klasse steht hinter ihm

Große Bedenken hatte Fabian, wie die Kinder auf das Thema Transsexualität reagieren würden. In der Klasse haben sie in einem Stuhlkreis lange mit ihm über das Thema gesprochen und durften ihm alle möglichen Fragen stellen. "Das war wichtig", sagt der zwölfjährige Yannik. "Ich finde, mit dem Thema sollte man offen umgehen, weil viele Leute denken, das ist komisch. Man sollte zeigen, dass das nicht komisch ist und dass das passieren kann", sagt Yannick.

Seine Mitschülerin Elina gibt zu: "Ja, es ist schon ein bisschen komisch, dass man weiß, dass sich jemand körperlich und äußerlich verändert, aber schlimm ist es nicht." Die Schüler beobachten Fabian genau und sprechen ihn darauf an, wenn sie neue Barthaare an ihm entdecken. "Auch wenn er sich äußerlich verändert: Er ist immer noch so cool und lieb wie vorher und bringt uns im Unterricht auch mal zum Lachen", verrät Elina.

Die beiden Transmänner Fabian und Marino befinden sich mitten im Prozess der Mannwerdung. Sie wurden als Frauen geboren, aber fühlten sich von Klein auf als Männer. © NDR Fotograf: NDR

Für Fabian und Marino erfüllt sich ein Traum

NDR Info - Infoprogramm -

Die beiden Transmänner Marino und Fabian befinden sich mitten im Prozess der Mannwerdung. Sie wurden als Frauen geboren, fühlten sich aber von klein auf als Männer.

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Willkommen auf der Männertoilette

Auch von seinen Lehrerkollegen bekommt Fabian volle Rückendeckung - vor allem von den Männern. "Ein Kollege sagte zu mir, dass wir uns ja dann demnächst auch mal auf der Männertoilette treffen werden, ich sei dort herzlich willkommen", grinst Fabian. Den anderen Lehrern hat er in kleinen Gruppen von seiner Mannwerdung erzählt. "So nach und nach habe ich mich vorgearbeitet. Jetzt wissen es alle und es ist ein gutes Gefühl", sagt Fabian. Allerdings sei es für den ein oder anderen noch schwierig, er statt sie zu sagen.

Mitarbeiter im Stimmbruch

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Marinos Chef (r.) unterstützt die Geschlechtsangleichung. Für Arzttermine und Behördengänge drückt er schon mal ein Auge zu.

Auch Marino, der von einer Frau zum Mann werden will, hat Glück mit seinen Arbeitskollegen. Er ist Schuster im Schuhmacher-Betrieb von Martin Bartold. Bis vor Kurzem haben hier vier Frauen und drei Männer gearbeitet. Durch Marinos Entscheidung, endlich ein Mann zu werden, sind nun die Männer wieder in der Überzahl. Sein Chef steht voll und ganz hinter dem 23-Jährigen: "Die Zeit rennt. Die körperlichen Veränderungen kriegen wir schon mit, auch wenn wir ihn Tag ein, Tag aus sehen", sagt Bartold. Manchmal, wenn er mit ihm telefoniere, wundere er sich, ob Marino heiser sei, weil die Stimme auf einmal deutlich dunkler klinge. Dann erinnere er sich, dass Marino nun eben im Stimmbruch sei. "Das ist alles spannend und ich finde es eine tolle Sache", sagt der Chef.

"Dann habe ich eben zwei Söhne"

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"Ich habe von Anfang an gesagt: Es bleibt ja mein Kind. Es ist egal, welches Geschlecht", sagt Marinos Mama (l.).

Während Fabians Mutter anfangs sehr an dem Thema zu knabbern hat, gewöhnt sich Marinos Mutter langsam daran, dass aus ihrer Tochter nun ein Sohn wird. "Ab und zu verspreche ich mich noch mit sie und er", gibt die 60-Jährige zu. "Aber ich habe von Anfang an gesagt: Es bleibt ja mein Kind. Es ist egal, welches Geschlecht. Dann habe ich eben zwei Söhne", sagt die Mutter. Der Großteil der Verwandtschaft habe positiv reagiert, aber eben nicht alle. "Mein Lebensgefährte weigert sich zum Beispiel, Marino zu sagen. Es kommen immer blöde Sprüche, das finde ich total doof", erzählt sie. Auch Marinos Bruder hatte anfangs Probleme mit der Situation, nennt Marino nun aber seinen "Bruder". Beide wohnen zusammen, aktuell sucht Marino aber nach einer gemeinsamen Wohnung für sich und seine Freundin Jamie.

Wenn aus der Partnerin ein Partner wird

Jamie hat Marino noch als Frau kennengelernt und sich dabei zum ersten Mal in eine Frau verliebt. Nach einem Jahr Beziehung eröffnete ihr Marino, dass er als Mann leben will. "Wenn ich ehrlich bin, fand ich es nicht so schlimm, weil ich vorher auch Männerfreunde hatte. Für mich kann es nur besser werden, wenn das so sein sollte, wie er sich das vorstellt", sagt Jamie. In ihren Augen hat sich Marino schon seit Beginn der Beziehung wie ein Mann verhalten. Sie sieht in Marino einen Mann im Frauenkörper.

"Ich habe mich in den Menschen verliebt, nicht ins Geschlecht"

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"Äußerlich verändert sich viel, aber charakterlich bleibt es derselbe Mensch", sagt Fabians Partnerin Svantje (l.).

Bei Fabians Partnerin Svantje ist es anders. Sie war immer mit Frauen in Beziehungen, hat dann aber Fabian kennengelernt, als dieser schon offen sagte, dass er als Mann leben will. "Ich habe mich anfangs gegen die Gefühle zu ihm gewehrt, aber da war einfach nichts zu machen", verrät Svantje. Sie wird den Weg gemeinsam mit Fabian gehen. "Ich habe mich schließlich in den Menschen verliebt und nicht in das Geschlecht", sagt Svantje.

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Dieses Thema im Programm:

Infoprogramm | 19.05.2017 | 07:20 Uhr

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