Stand: 08.02.2012 18:00 Uhr
Der heiße Kampf ums Vogelhäuschen
von Florian Wöhrle, NDR.de
Der anfangs so milde Winter nimmt auch für unsere Gartenvögel eine dramatische Wendung: Durch den Temperatureinbruch mit sibirischen Kältegraden steigt der Energiebedarf bei den Tieren drastisch, gleichzeitig sinkt aber die Aussicht, bei gefrorenem Boden ausreichend Futter zu finden. Jetzt ist die richtige Zeit für Tierfreunde, die Vogelhäuschen zu befüllen - und außerdem die Chance, die Tiere und ihre Futterstrategien aus der Nähe mitzuerleben.
Rüpel, Dauerbesetzer und Hamsterer
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Sie ist die Nummer eins unter den häufigsten Futterhausgästen: Die Kohlmeise pickt sich gern einzelne Sonnenblumenkerne und verspeist sie dann mit gekonnter Fußtechnik auf einem Ast. Die Männchen spielen mit Vorliebe Chef am Körner-Büfett und vertreiben rangniedere Meisen.
Amseln bleiben oft minutenlang im Häuschen sitzen. Dabei fressen sie eigentlich lieber Beeren und angefaultes Fallobst als grobes Körnerfutter. Einige Exemplare fegen nach dem Verspeisen ihrer Lieblingsbrocken mit dem Schnabel die Reste hinunter - und versorgen damit andere Vögel, die zu schüchtern für das offene Parkett der Futterhäuschen sind.
Etwas kleiner, aber dafür bunter als die Kohlmeise ist die ebenfalls häufige Blaumeise. Genau wie ihre blasse Verwandschaft zählt sie im Futterhäuschen zu den Allesfressern. Besonders gern schabt sie mit dem Schnabel einen Spalt in die Kerne, um dann das Innere zu fressen.
Er möchte am liebsten gar nicht wieder weg: Der Haussperling oder Spatz ist mit seinem kräftigen Schnabel ein echter Körnerliebhaber und verweilt minutenlang auf den Futterbrettern. Der Spatz ist ein sogenannter Kulturfolger und hat sich bereits vor über 10.000 Jahren den Menschen angeschlossen.
Vorsicht, da kommt ein Grünfink! Der kleine Körnerpicker ist kaum größer als ein Spatz und trotzdem beansprucht er das ganze Futterhäuschen für sich - zur Not wird gedroht und gehackt. 2009 waren im Norden viele Grünfinken an einer Infektion mit einem Einzeller zugrunde gegangen, der sich über Trinkwasser an Futterstellen verbreitet hatte.
Hellroter Farbtupfer im winterlichen Grau-Weiß: Beim Gimpel, auch Dompfaff genannt, bleiben Männchen und Weibchen ein Leben lang zusammen. Der eher scheue Vegetarier mag auch kleinste Samen und freut sich im Winter über jede Blume und Staude, die nicht zurückgeschnitten wurde.
Buchfinken gehören zu den Angsthasen am Körner-Büffet: Sie flüchten bei der kleinsten Bewegung. Die farbenfrohen Männchen sind über den Winter häufig Strohwitwer: Ihre eher blassen Partnerinnen ziehen in wärmere Gebiete. Die Körnerfresser lieben Bucheckern.
Wie überstehen kleine Vögel sibirische Kälte? Das Rotkehlchen zieht den Kopf ein, legt die Flügel eng an und plustert das Gefieder auf. Die fein verästelten Daunenfedern schaffen ein hervorragend isolierendes Luftpolster, das auch bei minus 15 Grad warm hält. Um den Wintersänger vom Zwitschern abzuhalten, muss es schon sehr eisig sein.
Die Protze am Futterschälchen: Der kompakte Kleiber ist anderen Vogelarten körperlich überlegen, taucht aber meist nur kurz in den Häuschen auf und verschwindet mit einem Futterstück im Schnabel. Die Beute wird auch unter Flechten in die Rinde der Bäume gestopft. Andere Vögel plündern diese Kleiber-Vorräte gern.
Auch dieser bunte Riese legt Vorräte an: Der Eichelhäher vergräbt gern Eicheln als Futterlager für den Winter. Allerdings findet er nicht immer alle wieder und trägt so zur Aussaat junger Eichen bei.
Artist am Meisentrapez: Buntspechte sind Allesfresser und machen sich mit Vorliebe in der Waagerechten über die fettreichen Knödel her, die eigentlich für die kleineren Konkurrenten gedacht sind. Auch die Wärmedämmung der Häuser ist nicht vor ihm sicher: Es kommt vor, dass der Specht sich kleine Höhlen in die Isolierschicht meißelt.
Schwärme aus kleinen grünlichen Vögeln fliegen im Winter weiter aus dem Norden oder Osten ein: Erlenzeisige holen am Futterhaus am liebsten kopfunter hängend Erdnüsse und Samen aus den Futterspendern.
Auch sie kommen zu uns, wenn andere ins Wärmere fliegen: Bergfinken schätzen im Winter Bucheckern, grobe Sämereien und Getreide. Manche mischen sich unter Buchfinkenschwärme, mit denen sie dann am Futterhaus auftauchen. Ein weißer Bürzel verrät den Gast aus Nordosteuropa.
Tödlicher Gast: Um die Piepmätze vor den Fangzähnen der Hauskatze zu bewahren, sollten Vogelhäuser an übersichtlichen Orten aufgestellt werden - also möglichst nicht direkt neben Gebüschen.
Tödlicher Gast: Um die Piepmätze vor den Fangzähnen der Hauskatze zu bewahren, sollten Vogelhäuser an übersichtlichen Orten aufgestellt werden - also möglichst nicht direkt neben Gebüschen.
Unter Naturschützern wird das Füttern von Wildvögeln allerdings immer noch kontrovers diskutiert: Während viele darin einen sinnvollen Schutz vieler Tiere vor dem Kältetod sehen, lehnen andere jede Form der Extragabe als Eingriff in natürliche Ausleseprozesse komplett ab.
Vogelexperte Markus Nipkow vom Naturschutzbund (NABU) stellt klar: "Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass Winterfütterung und Naturschutz zwei Paar Schuhe sind." Trotzdem befürworte er das Füttern, besonders für Kinder und Jugendliche: "Wo sonst lässt sich lebendige Natur selbst mitten in der Stadt und aus nächster Nähe so gut erleben?"
Wer die Vögel in der kalten Jahreszeit versorgen will, sollte sich allerdings an einige Regeln halten:
Zeitpunkt
Erst bei Frost und Schnee sollte das Futter angeboten werden, dann aber regelmäßig.
Ort
Das Futter sollte an einer übersichtlichen Stelle positioniert werden, damit die Vögel nicht zum leichten Opfer für heranpirschende Hauskatzen werden können. Auch sollte ein Futterplatz mindestens zwei Meter Abstand zu einer Glasscheibe haben.
Hygiene
Das Futter sollte trocken und sauber sein, um den Ausbruch von Krankheiten zu vermeiden. Der NABU empfiehlt Spender, bei denen die Tiere nicht in den Körnern herumlaufen und sie mit Kot verschmutzen können. Die Futterstelle sollte in jedem Fall regelmäßig gereinigt werden - zum eigenen Schutz vor Infektionen am besten mit Handschuhen.
Futterauswahl
Hochwertiges Futter verwenden, zum Beispiel Sonnenblumenkerne, Rosinen, Obst, Haferflocken, Kleie und Meisenknödel. Salzige Nahrung wie zum Beipiel Speck ist tabu, ebenso Brot.