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Nach der Landtagswahl 2005 hat keine Partei in Kiel genügend Sitze, um alleine zu regieren.
Ganze 735 Wählerstimmen fehlten der CDU bei der Landtagswahl am 20. Februar 2005, um mit der FDP an die Regierung zu kommen. Zwar wurden die Christdemokraten stärkste Kraft, doch reichten weder ihre 30 Sitze zusammen mit den 4 Mandaten der FDP für die notwendige Mehrheit von 35 Sitzen, noch hätten SPD (29 Sitze) zusammen mit den Grünen (4 Sitze) regieren können. Der bis dahin kaum eine Rolle spielende Südschleswigsche Wählerverband (SSW), der die Interessen der dänischen Minderheit vertritt, wurde mit zwei Sitzen im Landtag praktisch über Nacht zum "Zünglein an der Waage".
Außer der FDP, die sich früh auf die CDU als Partner festgelegt hatte, spricht in den Tagen nach der Wahl fast jeder mit jedem: Sozialdemokraten und Christdemokraten diskutieren über eine Große Koalition, der SSW trifft sich mit der SPD, die Grünen beraten mit den Sozialdemokraten, sogar CDU und SSW sondieren eine mögliche Zusammenarbeit. Am 25. Februar beschließt ein Kleiner Parteitag des SSW, mit der SPD und den Grünen über die Tolerierung einer Minderheitsregierung zu verhandeln.
Trotz Differenzen in der Bildungspolitik und bei der Verwaltungsreform kommen die Gespräche der drei Parteien voran. SPD und Grüne einigen sich am 11. März auf einen Koalitionsvertrag, einen Tag später beschließt der SSW eine Tolerierung einer rot-grünen Regierung. Björn Engholm, früherer schleswig-holsteinischer Ministerpräsident, bezeichnet die "Dänen-Ampel" genannte Konstellation fast schon prophetisch als ein "fragiles Bündnis" und empfiehlt eine Große Koalition.
Kann es nicht glauben: Bei vier Abstimmungen erhält Heide Simonis keine ausreichende Mehrheit.
Als am 17. März Heide Simonis mit den Stimmen von SPD, Grünen und SSW zur Ministerpräsidentin wiedergewählt werden soll, kommt es im Kieler Landtag zum Eklat: Entsetzt erlebt die Regierungschefin, wie sie im ersten Durchgang nur 34 Stimmen erhält und ihr Kontrahent Carstensen 33. Bei zwei Enthaltungen hat mindestens ein Abgeordneter aus dem rot-grünen Lager Simonis seine Stimme verweigert. In einem zweiten Wahlgang kommen Simonis und Carstensen auf je 34 Stimmen bei nur noch einer Enthaltung. Es folgt eine dritte Runde, die zum gleichen Ergebnis führt, danach wird die Sitzung unterbrochen. Die Fraktionen ziehen sich zu Beratungen zurück. Während Simonis wortlos den Plenarsaal verlässt, nennt Carstensen den Vorgang ein "Wechselbad der Gefühle" und erneuert sein Angebot, mit der SPD eine Große Koalition zu bilden.
Nach Probeabstimmungen in den Fraktionen wird ein vierter Wahlgang anberaumt - und führt wieder nur zum Patt zwischen Simonis und Carstensen. Nach insgesamt siebeneinhalb Stunden beendet Landtagspräsident Martin Kayenburg die Sitzung. Die bisherige Regierung bleibt zwar geschäftsführend im Amt, doch nach dem Debakel erklärt Heide Simonis, nicht erneut zu kandidieren und zieht sich später aus allen Ämtern zurück.
Trotz vieler Spekulationen über Täter und Motiv ist bis heute ist nicht klar, wer aus dem Lager von SPD, Grünen und SSW der "Heide-Mörder" ist, der die Regierung verhinderte. Persönliche Gründe, Rache oder Stimmenkauf werden als mögliche Beweggründe genannt. Zwar geraten schnell mehrere SPD-Abgeordnete ins Fadenkreuz der Verdächtigungen, doch als "Verräter" enttarnt wird niemand.
Nach der gescheiterten Abstimmung treffen sich SPD und CDU erneut zu Verhandlungen über eine Große Koalition, der einzigen Konstellation, die noch realistisch ist. Am 27. April 2005 wird Carstensen zum Ministerpräsidenten gewählt. Gleich im ersten Wahlgang bekommt er mit 54 zwar nicht alle Stimmen aus dem schwarz-roten Lager - aber genug, um Schleswig-Holstein regieren zu können.