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Obwohl der schleswig-holsteinische Künstler Wenzel Hablik als einer der wichtigsten Vertreter expressionistischer Architektur gilt, ist er dem breiten Publikum nicht bekannt. Dies könnte sich nun ändern: Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Tischler sein Wohnhaus in Itzehoe vom Teppich bis zur Decke durchgestaltet und für eine Präsentation im Internet bringt ein Restauratoren-Team das Künstlerhaus jetzt wieder in seinen Originalzustand.
Das Haar zurückgebunden, die Arme nach oben gereckt, steht Maria Fasshauer auf einem wackeligen Baugerüst und bearbeitet mit einem Skalpell die Decke. "Ich hab jetzt hier die Oberfläche angeritzt und mehrfach eingesprüht. Und jetzt sollte des hoffentlich so ein bisschen angeweicht sein, dass wir des vorsichtig abnehmen können." Stück für Stück zupfen und schaben die Restauratoren mehrere Tapeten-Schichten ab. Dahinter kommt die ursprüngliche Wandbemalung hervor: Bunte geometrische Formen, in verschiedenen Abstufungen von Rosa, Grün, Braun, Schwarz, Orange und Gold. Lang gezogene Balken, kleine Quadrate und Treppenartige Muster bedecken die Wand.
Gerold Ahrends, der Leiter der Truppe, wischt mit einem Schwamm fast zärtlich letzte Verunreinigungen von der Wand: "Diese expressionistische auch vom Bauhaus geprägte Ausmalung mit seiner Farbgebung ist was besonderes. Wir haben sehr häufig Mittelaltermalereien oder Malereien aus dem 16./17. Jahrhundert. Die sind oft nur schemenhaft zu erkennen und reduziert. Jetzt sind wir mal in einem Privathaus - Und dann auch noch im Privathaus eines Künstlers. Das verschafft dann auch beim Arbeiten so eine gewisse Aura."
Dem Künstler Wenzel Hablik selbst war diese Aura jedoch irgendwann zu viel, so dass er das eigene Werk mit japanischen Tapeten überklebte. Das kann zwei Ursachen haben, vermutet Albrecht Barthel vom Landesamt für Denkmalschutz: "Ein Grund war, dass der Stil der Zeit sich änderte. Ende der 1920er Jahre wurden die Farbtöne gedeckter. Man kehrte sozusagen wieder zum uni zurück. Außerdem kamen 1933 ja die Nationalsozialisten an die Macht, vielleicht war es der Versuch zu verdecken, welch revolutionäre Farbgesinnung Wenzel Hablik in den frühen 1920er Jahren hatte."
Katrin Maibaum, Leiterin des Wenzel Hablik Museums in Itzehoe, ist von der Farbenpracht überrascht.
Damals war Hablik ein Avantgardist und ein Exzentriker. Die Hosen trug er gerne kurz, die Kniestrümpfe dazu wählte er möglichst bunt, den kahlen Kopf bedeckte er am liebsten mit einem Tiroler-Hut. Hablik träumte vom Gesamtkunstwerk, das alle Lebensbereiche umfasst und zeichnete vieleckige Bauwerke mit verwinkelten Flächen. Vorbild waren ihm die Formen von Kristallgestein. Mit Walter Gropius, Bruno Taut und Hans Scharoun tauschte er sich über seine Visionen aus. Nur ein Haus konnte Wenzel Hablik aber wirklich nach seinen Vorstellungen umgestalten: Das eigene.
Katrin Maibaum, die Leiterin des Wenzel-Hablik Museums in Itzehoe, besucht das Hablik-Haus, um sich anzusehen, was im Esszimmer passiert: "Es ist nicht nur für Itzehoe, sondern für ganz Norddeutschland und sogar deutschlandweit, einfach ein ganz großartiges Projekt." Am liebsten wäre Katrin Maibaum mit dem Wenzel-Hablik-Museum und dem Nachlass des Künstlers in die Hablik-Villa umgezogen.
Aber ein paar 10.000 Euro im Jahr für den Betrieb waren den Itzehoer Kommunalpolitikern zu viel. Nun kümmert sich Privatmann darum, "zum Glück ein Kunstfreund", sagt der Denkmalschützer Albrecht Barthel: "weil es ja auch durchaus hätte sein können, dass sich hier ein Eigentümer einfindet, der mit dieser Malerei nichts anfangen kann. Ich bin sehr froh, dass wir in dem neuen Eigentümer einen Partner haben, der diese Arbeit Habliks wertschätzt und sich darüber freut, dass diese Arbeiten ans Licht kommen."
Bei gelegentlichen Führungen soll der farbenfrohe Raum nun ab und zu zu sehen sein. Außerdem ist eine virtuelle 3-D-Rekonstruktion im Internet geplant. Die Arbeitsfortschritte der Restauratoren lassen sich dort bereits verfolgen. Spätestens zum Jahresende soll es in der Villa wieder so aussehen wie 1923, als Wenzel Hablik zum Essen in seinem kunterbunten Farben-Dschungel saß.