Der Weg zur Kirchenfusion im Norden
Die Nordkirche soll zu Pfingsten 2012 gegründet werden. Die Vorbereitungen des Kirchen-Zusammenschlusses laufen seit Jahren. Die Chronologie fasst die wichtigsten Stationen zusammen. mehr
Die Kirchenparlamentarier stimmten in Rostock für den Zusammenschluss, der jahrelang vorbereitet worden war.
Die evangelische Nordkirche kommt: Mit überraschend großer Mehrheit haben die Kirchenparlamente der nordelbischen, der mecklenburgischen und der pommerschen Kirche am Sonnabend in Rostock-Warnemünde für eine Fusion gestimmt. Jede Kirche entschied in einer eigenen Abstimmung über die Pläne. Von den insgesamt 266 Mitgliedern der Gesamtsynode stimmten 227 für die Verfassung, 22 dagegen, 6 enthielten sich. Es waren 178 Ja-Stimmen erforderlich.
"Großer Gott, wir loben Dich" sangen die Kirchenparlamentarier stehend, kurz nachdem das Ergebnis bekannt gegeben worden war. Bischof Gerhard Ulrich, der Vorsitzende der gemeinsamen Kirchenleitung, war sichtbar erleichtert. "Dies ist nicht das Ende eines Weges, sondern der Beginn einer gemeinsamen Wanderschaft", sagte er zum Abschluss des knapp fünfjährigen Fusionsprozesses. Es ist der erste evangelische Kirchen-Zusammenschluss über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinweg. Die Nordkirche umfasst die Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.
Die evangelischen Landeskirchen von Nordelbien, Mecklenburg und Pommern schließen sich zur Nordkirche zusammen. Ihre Vertreter stimmten mit überraschend deutlicher Mehrheit für die Fusion.
Nach der Freude über die deutliche Zustimmung zur Fusion folgte nur wenige Stunden später der Dämpfer: Die Kirchenparlamentarier stimmten am Samstagabend überraschend dagegen, dass die bisherigen Bischöfe von Nordelbien, Mecklenburg und Pommern auch in der Nordkirche im Amt bleiben. Zwei Stimmen fehlten. "Es war ein emotionales Auf und Ab, wie ich es in meinem Leben noch nicht erlebt habe", sagte Pommerns Bischof Hans-Jürgen Abromeit am Sonntag im Gespräch mit NDR 1 Radio MV. Er sei entsetzt gewesen über das Scheitern des Überleitungs-Gesetzes. Immerhin gab es ein versöhnliches Ende: Im zweiten Anlauf kam die erforderliche Mehrheit zustande. Auch der erste Haushalt der Nordkirche steht: Der Etat für 2012 umfasst ab dem 1. Juni rund 248 Millionen Euro. Künftig sollen es dann 420 Millionen Euro pro Jahr sein, wie ein Kirchensprecher am Sonntag mitteilte.
Das große Gründungsfest der Nordkirche wird am Pfingstsonntag, dem 27. Mai 2012, in Ratzeburg gefeiert. Die Nordkirche wird mit 2,3 Millionen Mitgliedern die fünftgrößte Landeskirche in Deutschland sein. Die meisten Mitglieder, rund zwei Millionen, leben im Westen, eine kleine Minderheit wohnt im Osten. Die Verfassung sieht aber vor, dass die ostdeutschen Kirchenkreise mehr Einfluss haben, als ihnen nach der Mitgliederzahl zusteht.
Der Bischof der Nordelbischen Kirche, Ulrich, freut sich über das Ergebnis der Synode.
Die Selbstständigkeit der Kirchengemeinden war bis zur letzten Abstimmung in Rostock-Warnemünde ein wichtiges Thema. Die ostdeutschen Kirchen reagieren hier besonders sensibel auf Eingriffe von oben. In einem Fall stritten die Synodalen sogar darüber, ob an einer bestimmten Stelle im Verfassungstext ein Punkt oder doch besser ein Semikolon stehen sollte. Aber auch im Westen empfinden viele die Fusion als eine verordnete Reform von oben. Besonders umstritten war und ist, dass der zentrale Landesbischof der Nordkirche in Schwerin sitzen wird. Lübeck, das eigentlich als Zentrale der Nordkirche vorgesehen war, ging wie Hamburg leer aus.
Die Kirchengemeinden in Hamburg und Schleswig-Holstein werden vor allem die finanziellen Folgen der Fusion spüren. Sie müssen, nachdem sie gerade schon einmal schmerzhafte Einschnitte zu verkraften hatten, die ostdeutschen Partner unterstützen. Die kleine pommersche Kirche stand finanziell am Abgrund und brauchte schnell starke Partner. Der finanzielle Aspekt als eigentlicher Grund der Fusion wurde in der Diskussion gern ausgeblendet. Lieber sprachen Kirchenvertreter im Westen von der "Weitung des Horizonts" nach Osten.
Entscheidend sei jetzt, ein Wir-Gefühl in der Nordkirche zu schaffen, sagen Kirchenvertreter. Die Mentalitäts-Unterschiede sind nicht unerheblich. Die ostdeutschen Kirchen sind tief geprägt von einem Leben als Minderheit und in der Diktatur. Ein erstes identitätsstiftendes Großereignis könnte der Evangelische Kirchentag in Hamburg im Jahr 2013 sein. Dort will sich die Nordkirche als Gastgeber präsentieren.
Die finanzielle Not der Kirchen merkte man dem Tagungsort übrigens nicht an. Die Synodalen trafen sich zu ihrer historischen Entscheidung in der schicken Yachthafen-Residenz mit Blick auf die Ostsee.