Das Kuh-Altersheim in Butjadingen
Der Lokaltermin über vegane Tierrechtler und ihren Einsatz für Kühe und Co. mehr
Ohne das Altersheim von Jan Gerdes wäre Milchkuh Manuela längst geschlachtet.
Sie waren Milchkühe, sollten geschlachtet werden und leben nun in einem Kuh-Altersheim zwischen Jadebusen und Wesermündung: 32 Rinder hat Jan Gerdes gerettet und versorgt sie auf seinem Gnadenhof für Nutztiere in Butjadingen (Landkreis Wesermarsch). Auch Versuchstiere sind darunter - wie die Kuh Manuela: Sie hat noch immer ein kleines Loch im Bauch, aus dem Magensaft tropft.
Vier Jahre lang war sie ein Versuchstier im Labor, jetzt lebt sie auf dem Hof Butenland zwischen Jadebusen und Wesermündung im Norden Niedersachsens. "Für Futtermittel-Untersuchungen wurde Manuela über eine Gummimanschette das Getreide aus dem Magen geholt", erzählt Hofbesitzer Jan Gerdes.
Hier waren früher Milchkühe und Schlachtvieh untergebracht. Jetzt steht der Stall leer.
Der Betreiber des Gnadenhofs für Nutztiere in Butjadingen hat es sich zur Aufgabe gemacht, alten und geschundenen Tieren ein ruhiges Zuhause zu geben. Rund 120 Hühner, Schweine und Rinder leben inzwischen auf den Weiden rund um das malerische Backsteingebäude. "Alle mit einer traurigen Geschichte", sagt Gerdes.
Die meisten Rinder auf Hof Butenland sind ehemalige Milchkühe. "Normalerweise werden diese Tiere mit fünf oder sechs Jahren geschlachtet", erzählt der 57-Jährige. Dann haben sie für viele Bauern ausgedient. "Ihr Leben war bis dahin bestimmt von Dauermelken und ständiger Schwangerschaft." In seinem Kuh-Altersheim konnte Gerdes 32 Rinder aufnehmen und hat ihnen so das Leben gerettet: Die älteste Kuh ist inzwischen 23 Jahre alt.
Jan Gerdes wollte den Kühen nicht mehr ihre Kälber wegnehmen.
Bis vor elf Jahren war er selbst Bauer für Milchkühe. "Für mich war irgendwann klar, dass ich so nicht mehr weitermachen kann", sagt Gerdes. Erst bewirtschaftete er den Hof gemeinsam mit seinen Eltern, dann stellte er Mitte der 1980er Jahre auf Bio-Landwirtschaft um. "Aber es fiel mir immer schwerer, die Tiere auszunutzen."
Einer Mutter das Kalb nach der Geburt wegzunehmen, habe ihm das Herz zerrissen. "Doch das ist notwendig, damit ein Landwirt viel Milch bekommt und wirtschaftlich arbeiten kann." Mit seiner Partnerin Karin Mück, einer Tierpsychologin, entschloss er sich deshalb im Jahr 2000 den Bauernhof zu einem Gnadenhof umzuwandeln. "Wenn man anfängt, Mitgefühl mit einer Kuh zu entwickeln, ist es vorbei", fasst es Gerdes heute zusammen. Seitdem lebt er vegan, trägt nicht einmal mehr Lederschuhe und widmet sich ganz dem Wohlbefinden der Tiere.
Ob blindes Schwein oder Hund mit Hüftleiden - in Butjadingen finden beide ein Zuhause.
In einem Stall zwischen Heuballen schnarcht das blinde Schwein Rudi. "Rudi war ein Geschenk an ein Autohaus in Schleswig-Holstein", erzählt Gerdes. Mit einer Schleife um den Hals sei das Tier in eine kleine Box gesperrt worden. "Er wurde gefüttert, wurde immer fetter und ist schließlich erblindet, weil die dicke Haut seine Augen zugedrückt hat." Tierschützer haben Rudi letztlich befreit und ihn zum Hof Butenland gebracht.
"Gnadenhöfe sind eine gute Auffangstation, wenn es Tieren schlecht geht oder es ihren Besitzern nur darum geht, sich der Tiere zu entledigen", meint Melanie Schicht vom Deutschen Tierschutzbund. Am häufigsten seien solche Höfe in Deutschland für Pferde, aber auch Schweine und Ziegen kommen oft unter. Für die Tierheime seien Gnadenhöfe für Nutztiere eine große Entlastung. "Sie zeigen, dass jedes Tier einen Eigenwert als Individuum sein ganzes Leben lang besitzt", sagt Schicht.
Wer hier frei über den Hof stolziert, wohnte früher oft in einer Legebatterie.
Seit 2007 ist der Hof Butenland eine gemeinnützige Stiftung. Sie finanziert sich vor allem über Spenden, EU-Subventionen und die zwei Ferienwohnungen auf dem Hof. "Es ist ein schönes Gefühl, dass alles, was wir erreicht haben nach unserem Tod nur für den Tierschutz eingesetzt wird", sagt Gerdes.
Versuchskuh Manuela ist inzwischen sechs Jahre alt, nach den Laborversuchen vor einigen Monaten sollte sie eigentlich getötet werden. "Bei uns kann sie noch 20 Jahre alt werden", meint Gerdes